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Ein zerissenes Ganzes?

von P. Prof. Dr. Werner Löser SJ

Was ist der Mensch? Oder wer? Die Philosophen haben sich diese Frage oft genug gestellt – und wurden mit der Antwort nicht fertig.

Heute hat man den Eindruck, dass das christliche Menschenbild kaum eine Entsprechung in der Realität hat. Balthasar hat behauptet,  das Ganze der Gott-Mensch-Welt-Wirklichkeit ist Kosmos, hat Gestalt, ist Einheit – dies alles aber nur als Geschichte, als Miteinander von unendlicher und endlicher Freiheit… Ist es heute noch nachvollziehbar? 

Es geht um den Menschen.

Von Balthasars Theologie will nicht anthropozentrische Theologie sein, gleichwohl geht es in ihr ständig um den Menschen. So ist auch diese Theologie, wie in jede sachgerechte Theologie, eine ausgiebige, vielschichtige Anthropologie eingewoben. Es ist vor allem eine Anthropologie, die sich – nach Irenäus – im Schema „Natur-Übernatur“ oder „Natur-Gnade“ bewegt: Der Mensch ist geschaffen dazuhin, Gott zu loben, ihn zu verehren und ihm zu dienen und so seine Seele zu retten“ – schrieb Balthasar. Es ist für den Menschen kennzeichnend, dass er auf Gott bezogen ist.

Hat diese theologische Anthropologie eine Entsprechung in der menschlichen Erfahrung? Erfährt sich der Mensch als ein Wesen, das über sich und seine Welt hinausschaut und -strebt und unruhig ist, bis sich ihm der dreieine Gott der Liebe gnädig zuwendet? Diese Erfahrung gibt es im Menschen. Es bedarf lediglich ihrer Freilegung und Benennung. Dazu eine Hilfe zu bieten, war das Ziel Maurice Blondels, dem sich Balthasar, angeregt durch Henry de Lubac, angeschlossen hat. Ein Vergleich mit Platons Eros-Lehre kann den Sinn seiner Überlegungen aufhellen.

Platons Sehnsucht nach der Einheit​

Platon lässt im „Symposion“ (Nr. 14-16) einen merkwürdigen Mythos erzählen. In diesem wird erzählt: Ursprünglich hatte der Mensch Kugelgestalt. Dieser Mensch in seiner Kraft stand gegen Zeus auf. Daraufhin beschloss Zeus mit den anderen Göttern, den Menschen zu teilen. Die Folge ist: Jeder von uns ist also Bruchstück eines Menschen; es sucht denn auch jeder immerfort sein anderes Stück. 

Diese Suche ist der Eros, die Sehnsucht nach dem Ganzsein, dem „Rundsein“, das mit dem Menschen gegeben ist. Doch Platons Sehnsucht ist rückwärts gewandt. Sie gilt der Wiedergewinnung des Verlorenen. Genau an dieser Stelle bietet die Anthropologie Blondels und überhaupt der kirchlichen Tradition ein Alternativkonzept: eine Sehnsucht, die „vorwärts gewandt“ ist, und letztlich auf die gnädige Selbstmitteilung des dreieinen Gottes zielt.

Offenes Fragezeichen?​

Hans Urs von Balthasar hat diesen Gedanken so vorgelegt: Wo wird das Wesen Mensch in sich rund?  Wo hört es auf, mit seiner Freiheit ein offenes Fragezeichen zu sein? Wir können von vornherein jede Lösung ausschließen, die den einzelnen freien Menschen als Mittel in die Zukunftsplanung der Menschheit hinein verrechnet (…) – so wäre seine Freiheit gezwungen, sich als ganze in diese Verplanung hinein aufzugeben, so wäre der Mensch in seinem Wesen zerstört und negiert.  Freiheit schaut nach anderer Freiheit aus; das Beseligendste, was dem Menschen in seiner Endlichkeit widerfahren kann, ist, von einem freien Du in seinem Wert erkannt und in Freiheit bejaht zu werden(…).Aber wenn schon in der Begegnung zweier Menschen die Freiheit des Du nicht durch Macht- oder Zaubermittel erschlichen werden darf, sondern sich von sich her erschließen muss, dann wird noch viel mehr das absolute unendliche Du sich dem Menschen nur in der vollkommenen Freiheit und in reiner, ungeschuldeter Gnade eröffnen können. 

Als Mann und Frau… ​

Noch in einer anderen Hinsicht unterschiedet sich von Balthasars Menschenbild von dem Platons, für den die Mann-Frau-Differenz etwas ist, was es ursprünglich nicht gab und das es nicht geben sollte. Sie ist eine von den Göttern auferlegte Strafe. Mit der Bibel betont von Balthasar demgegenüber, dass es den Menschen als Mann und Frau gibt, weil Gott, der Schöpfer, es so gefügt hat. Er hat es von Ewigkeit her ersonnen und dann auch erwirkt. Bei aller Gefährdung, von der dieses Miteinander nicht frei ist, bleibt es doch wahr, dass Gott es gewollt hat, dass immer wieder das Wunder der Liebe zwischen dem Mann und der Frau gibt. So sollte es immer wieder und überall das Erlebnis geben, das wie kein anderes auf das hinweist, was Gott in sich ist: Gott ist die Liebe, sagt der 1. Johannesbrief. Und zugleich sollte der Bund zwischen Mann und Frau, die Ehe, der gottgewollte Hinweis auf den Bund sein, den Jahwe mit Israel und Jesus mit der Kirche bildet.

Von Balthasar hat noch über weitere Dimensionen dessen, was den Menschen kennzeichnet, gehandelt: über seine „Zufälligkeit“, über seine Leiblichkeit, über seine Sterblichkeit, über seine Sündigkeit, über seine Sprachlichkeit.

Person in Gott​

Auf ein sehr auffallendes Motiv in von Balthasars theologischer Anthropologie sei noch eigens aufmerksam gemacht: sein Verständnis dessen, was des Menschen Personalität ausmacht. Während das Personsein des Menschen gewöhnlich als damit schon gegeben angesehen wird, dass er eine individuelle geistige Natur hat, bindet von Balthasar diese Dimension des Menschseins an die persönliche Berufung und Sendung des Menschen durch Gott. Dort, wo Gott einem Geistsubjekt zusagt, wer es für ihn ist, wo er ihm im gleichen Zug sagt, wozu er existiert – ihm also seine von Gott her beglaubigte Sendung verleiht – dort kann von einem Geistsubjekt gesagt werden, dass es Person ist.

Von Balthasar hat eine überaus breit gefächerte theologische Anthropologie vorgelegt. Dabei ging sein Interesse weniger dahin, den Menschen in jeweilige geschichtliche und gesellschaftliche Situationen hineinzustellen, als ihn – letztlich – als den freien irdischen Partner, ja Mitspieler Gottes im großen Welttheater des Miteinanders der Welt und ihres Schöpfers und Vollenders, also Gottes zu zeichnen.

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