Teil V: Ein Opfer der Kirche?

KURS: Das Heilige Messopfer
Teil 5: Das Opfer der Kirche?

von Jean Elizabeth Seah und Sr. Gabriela Wozniak

Wir haben gesehen, wie sich das Opfer der Eucharistie in verschiedenen Opfern des Alten Testamentes vorbildet. Etwa für den Autor des Hebräerbriefes durften diese Zusammenhänge noch klar sein. Die Kirchenväter nehmen ebenso das Alte Testament in Betracht, wenn sie von der Eucharistie sprechen. Hans Urs von Balthasar schafft es, aus diesem Hintergrund, sowie mit Hilfe seines umfassenden theodramatischen Konzeptes, die Eucharistie neu zu lesen: sie wird für einen jeden von uns lebendig und lebbar.

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Fragen über Fragen

In einem 1985 publizierten Artikel (siehe: IKaZ Communio 14/1985, S. 236-241) fragt Balthasar im Hinblick auf den Opfercharakter der Eucharistie: Inwiefern ist die Eucharistie als ein Opfer der Kirche anzusprechen? Er weist darauf hin, dass in der Eucharistie selbst mit der Bezeichnung „Opfer“ sowohl „diese heilige und makellose Opfergabe“ (hostia), als ein „Lobopfer“ (hostia laudis) gemeint ist. Was verbirgt sich aber unter diesen Bezeichnungen? Sind es die Gaben unserer Hände, oder schon das Opfer Christi, das in der Kirche vergegenwärtigt wird? Auch nach der Wandlung bleibt die Frage offen, ob die Kirche das Opfer Christi dem Vater „bloß dankbar darreicht“, oder ob sie sich mit dem Opfer Christi zusammen selbst opfert?

Das einmalige Opfer

Balthasar sieht die Notwendigkeit der Vor-Begründung des Opfers Christi im Alten Testament ein, er betont aber, dass die Einmaligkeit des Kreuzes schließlich alles Alttestamentliche hinter sich lassen muss, um das Besondere des Opfers Christi im vollen Glanz leuchten lassen zu können. Im Akt der Selbstopferung Christi – als das geschlachtete Lamm – zeigt sich als Erstes die unbegreifliche Liebe Gottes, die Christus zur stellvertretenden, freiwillig auf sich genommenen Sühne macht. Deshalb ist die Form der Eucharistie – als die unblutige Vergegenwärtigung des einst geschehenen Kreuzereignisses – nur ungenaues Wiedergeben des innersten Wesens. Es geht dabei weniger um eine rein leibliche Trennung von Leib und Blut, als um einen geistigen Zustand. Jesu Opfer war der größte Verzicht des Sohnes Gottes, der in intimster Nähe zum Vater lebt: Er nahm die Gottverlassenheit auf sich.

Das Opfer als Verzicht

In allen besprochenen Opfern des Alten Testamentes finden wir immer ein Konstitutivum: Opfer bedeutet Verzicht, man hat immer das Beste geopfert, bis hinein in die heroischste Absicht Abrahams. Gott ersetzte die menschliche Erstgeburt durch eine tierische, er schonte aber den eigenen Sohn nicht (vgl. Röm 8,32). Ist dieses größte Opfer zusammenzusetzen mit dem Wenigen, was die Kirche gibt? Selbst die Verzichte der ersten Gemeinde auf Eigenbesitz wären hier unwahrscheinlich klein, geschweige denn die sich daraus entwickelnde Messstipendien und Kollektensammlungen, die als Anteil des Volkes Gottes am Opfer der Kirche vielfach verstanden wurden. Aber hat dieses winzig kleine Opfer irgendwas noch mit dem Opfer Christi zu tun?

Christus selber nahm die Kirche, seinen Leib in sein Opfer mithinein: Für sie heilige ich mich (Joh 17,19). Das besagt ferner, dass jedes menschliche Leiden, das um Christi Willen angenommen wurde, nicht nur bloße Nachfolge bedeutet, sondern als Teilnahme an seinem Kreuzesopfer gewertet werden darf und soll.

Ein Opfer der Kirche

Erst aus dieser Sicht heraus kann man die Frage stellen, ob denn die Kirche nicht nur „mitgeopfert wird“, sondern ebenso aktiv „mitopfert“. Die Kirche als Ganzes und als je konkrete Gemeinde hat einen existenziellen Anteil am Opfer Christi, sowie sie schon Maria, dem Lieblingsjünger und anderen unter dem Kreuz zugemutet wird, auch wenn es nur Ja zu seinem Schmerz bedeutet. Darin kommt auch deutlich zum Ausdruck, dass die Eucharistie, wie ihre Verkündigung nicht ein bloß formeller, sondern vor allem ein existenzieller Akt der Kirche ist, dass folglich die Kirche das leistet, „was an den Leiden Christi noch fehlt“ (Kol 1,24), das heißt: all das „wofür der Gekreuzigte eine Stelle in seinem Leiden offengelassen hat: für das aktive Jawort von Maria, Johannes, Petrus und all derer, für die sei stehen“ (Balthasar).

Das liebende Ja soll also von der Kirche immer neu gesprochen werden, um einen alttestamentlichen legalistischen Opferbegriff hinter sich zu lassen und in ein Opfer der lebhaften Heiligkeit zu treten, so wie das Maurice de la Taille beschreibt:

„Schreit doch wirklich auf den Altären der Kirche Christi Blut, und es schreit durch unseren Mund und durch unser Herz in dem Maße, als ihm von uns eine Gelegenheit zum Schreien gewährt wird“.

Heilige Messe: Das Opfer Christi

KURS: Das Heilige Messopfer
Teil 4: Das Opfer Christi

von Jean Elizabeth Seah und Sr. Gabriela Wozniak

Das Heilige Opfer der Messe wurde in den Opfern des Alten Testaments vorgezeichnet, die eine mehrwertige Bedeutung hatten. Tier- und Pflanzenopfer wurden verwendet, um für Sünden zu büßen, Gott Danksagung und Anbetung anzubieten und Bündnisse zu schließen, die in die Gemeinschaft mit dem Allmächtigen eintreten. Die Messe als das wahre Opfer des Kalvarienberges ist die Erfüllung und Vervollkommnung aller zuvor dargebrachten Opfer.

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Die Taten Gottes preisen

Schließlich sind das Passahopfer und das Mahlopfer die wichtigsten Archetypen der jüdischen Tradition, die Christus in die eucharistische Feier verwandelte. So wie Gott am Vorabend der Befreiung des Volkes Israel von der Sklaverei Ägyptens das Passahfest als Gedenken an Seine wundersamen Taten im Exodus einrichtete, so gab uns Jesus am Vorabend des Opfers seines Lebens ein Denkmal für dieses wunderbare Ereignis. Dies begründete eine neue unzerbrechliche Bundesbeziehung zwischen Gott und dem Menschen, eine Beziehung der Liebe, Freundschaft und des Erlasses der Sünde…. Was der Herr hier tut, ist eine prophetische Handlung, die er vornimmt, in Erwartung dessen, was am Kreuz geschehen wird, nämlich das eine und vollkommene Opfer, in dem Er sich selbst für die Rettung vieler opfern wird.

Außerdem müssen die Apostel an diesem Opferessen beteiligt sein, da es um ihrer selbst willen stattgefunden hat. Sie müssen dieses Geschenk mit-konsumieren. Das Passahfest ist nicht nur ein Denkmal für den Exodus, sondern das Gründungsereignis des jüdischen Volkes wird im Laufe der Liturgie in einem sehr realen Sinne präsent und aktuell gemacht. Es ist ein lebendiges Denkmal, das mit der Realität dessen gefüllt ist, woran es erinnert. Ebenso erinnern und erleben wir in der Messe den „Exodus“ Christi, seinen Übergang von dieser Welt zum Vater, den Gründungsereignissen des neuen Volkes Israel.

Noch unendlich viel mehr...

Christus ist das neue Passahlamm, dessen Blut sein Volk vor dem Tod bewahrt. Denn das unschuldige Lamm ohne Makel, war ein Prototyp unseres Erlösers Jesus Christus, des unschuldigen Lammes, von dem der heilige Johannes der Täufer Zeugnis ablegte. „Ecce agnus Dei qui tollit peccata mundi“ (Seht, das Lamm Gottes, das die Sünden der Welt hinwegnimmt). Nach den Evangelien hat Jesus das letzte Abendmahl nicht beendet… Zumindest hat er es nicht im Abendmahlssaal beendet. Er hat es erst durch seinen Kreuzestod abgeschlossen.

Das Opfer Christi wird im Opfer der Messe fortgesetzt, weil sie sein Andenken am Leben erhält und die Früchte bringt, die den Gläubigen, die nach dem Vorbild Christi leben, ermöglicht, an seinem ewigen Opfer teilzunehmen und die Gnaden zu empfangen, die aus seinem Opfer hervorgehen. In der Messe werden uns die historischen Ereignisse des Lebens, des Todes und der Auferstehung Jesu gegenwärtig gemacht und sie verwandeln uns weit darüber hinaus, wozu die psychologische Erinnerung fähig ist. Die Messe ist mehr als die Erinnerung und Neuinszenierung der Passion: In der Eucharistiefeier ist das ganze Osterfest Christi gegenwärtig, d.h. Seine Inkarnation, Passion, Tod und Seine Auferstehung, Verherrlichung und die Herabkunft des Geistes – das ganze „Geheimnis der Erlösung“. So ist die Messe eschatologisch ein Geschmack der künftigen Herrlichkeit, soweit wir das Leben Christi teilen und am ewigen Leben des dreieinigen Gottes teilnehmen. Die Eucharistie setzt die Inkarnation fort…. Zu sagen, dass in der Eucharistie Brot und Wein bleiben, was sie sind und nur eine neue Bedeutung erlangen, würde der Logik der Inkarnation widersprechen. Christus war nicht nur ein Prophet, der den Weg zum Vater zeigte; er war der Weg zum Vater. Er vermittelte nicht nur die Wahrheit über Gott, er war das Wort Gottes. Der Gläubige kommt zum Vater, nicht durch den Weg und die Wahrheit, die durch Christus gekennzeichnet sind, sondern durch Christus selbst, der der Weg, die Wahrheit und das Leben ist. Die Messe ist ein Vorgeschmack auf den Himmel und die höchste Form des Gebets, das uns Christus am nächsten bringt und uns erlaubt, an seinem Heilswerk teilzunehmen.

Auf Christus hin

Die Opfer des Alten Testaments weisen alle auf das Opfer Christi hin, die Ursache der Erlösung der Menschheit. In der Messe werden die Opfer von Abel, Abraham und Melchisedek im römischen Kanon ausdrücklich erwähnt und das Passahlamm wird von den Agnus Dei angerufen. Wenn die Heilige Schrift uns sagt, dass die Opfergaben vor Gott ein süßer Geruch waren, dann deshalb, weil es sich um Prototypen des Opfers Christi, des Herrn, handelte. Die Messe ermöglicht es allen Generationen von Katholiken, an dem einen Opfer Christi teilzunehmen, und wendet Seine rettenden Verdienste auf einzelne Seelen an.

Heilige Messe: Die universale Sühne

KURS: Das Heilige Messopfer
Teil 3: Die universale Sühne

von Jean Elizabeth Seah und Sr. Gabriela Wozniak

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Das Heilige Opfer der Messe wurde in den Opfern des Alten Testaments vorgezeichnet, die eine mehrwertige Bedeutung hatten. Tier- und Pflanzenopfer wurden verwendet, um für Sünden zu büßen, Gott Danksagung und Anbetung anzubieten und Bündnisse zu schließen, die in die Gemeinschaft mit dem Allmächtigen eintreten. Die Messe als das wahre Opfer des Kalvarienberges ist die Erfüllung und Vervollkommnung aller zuvor dargebrachten Opfer.

Heute betrachten wir das Opfer Abrahams und das des Priesters Melchisedek. 

Der einzige Sohn

Das Opfer, zu dem Abraham berufen wurde, seinen einzigen Sohn Isaak zu bringen (Gen 22), ist ein Prototyp des Opfers des einzigen Sohnes Gottes. Abraham wird als treuer Diener Gottes dargestellt und gehorcht seinem Ruf, seine Familie und sein Heimatland zu verlassen und in ein fremdes Land zu ziehen, in dem Gott versprochen hat, aus ihm eine große Nation zu machen; Gott sagte: „In dir werden alle Völker der Erde gesegnet werden“. Abraham hat Gott häufig ein Tieropfer dargebracht, Altäre an verschiedenen Orten gebaut und auf diese Weise einen Bund mit Gott geschlossen. Schließlich prüfte Gott seine Treue, indem er ihm befahl, seinen geliebten Isaak als Ganzopfer auf dem Berg Moriah anzubieten.

Gott sucht sein Lamm aus

Weil Abraham viele Jahre darauf gewartet hatte, dass Gott sein Versprechen erfüllt, ihm Nachkommen zu geben, war diese Bitte Gottes ein sehr verwirrender und herzzerreißender Befehl. Er stellte aber Gott an der ersten Stelle und gehorchte ihm ohne Fragen: „Und er nahm das Holz für den Holocaust und legte es auf seinen Sohn Isaak.“ Dadurch wurde er zu einem dauerhaften Beispiel höchster Treue, und Gott segnete ihn für seinen Gehorsam und erneuerte seine Verheißung. Darüber hinaus wurden Abrahams Worte an Isaak: „Gott wird sich das Lamm für das Brandopfer ausersehen“ (Gen 22,8), wurde prophetisch für das Opfer Jesu. Jesus war völlig gehorsam gegenüber dem Willen des Vaters, bereit, in die Familie der Menschheit einzutreten und ein heiliges Volk für Gott durch seinen Dienst und den Tod am Holz des Kreuzes zu begründen. Tatsächlich war der Ort, an dem Jesus starb, Kalvarienberg, einer der Hügel auf Moriahs Reichweite.

In der Messe verkündet das Volk Gottes den Tod Christi erinnert sich an die ewige Treue Gottes und verspricht dafür ihre Treue. In der Opfermahlzeit ist der Verzehr dessen, was Gott gehört, das Sitzen am Tisch Gottes, das Zeichen der Freundschaft und Gemeinschaft mit Gott.

Der ewige Priester

Schließlich nimmt die Eucharistie (wörtlich „Danksagung“) Bezug auf das Dankopfer von Brot und Wein, das der Priesterkönig Melchisedek von Salem (ein Toponym, das „Frieden“ bedeutet) nach Abrahams Sieg im Kampf Gott darbietet. Christus, der Friedensfürst, König des himmlischen Jerusalems, bietet ebenfalls Brot und Wein als seinen Leib und Blut an, ein Dankopfer für seinen Triumph über Sünde und Tod. Die Schriften identifizieren Christus als „den ewigen Priester nach der Ordnung Melchisedeks“, und stellen sein unblutiges Opfer von Brot und Wein den Tieropfern der Leviten gegenüber, die mit der Zerstörung des Tempels endeten. Wie der heilige Paulus schrieb: “ Wäre nun die Vollendung durch das levitische Priestertum gekommen – das Volk hat ja darüber gesetzliche Bestimmungen erhalten – , warum musste dann noch ein anderer Priester nach der Ordnung Melchisedeks eingesetzt und nicht nach der Ordnung Aarons benannt werden?“ (Hebr 7,11). Es gibt in der Tat eine Aufhebung des früheren Gebotes, seiner Schwäche und Unergiebigkeit wegen.  Im Gegensatz zu den Opfern der Leviten, war das Opfer Melchisedeks ein universelles Priestertum, nicht das Privileg einer bestimmten Kaste. Das Opfer Christi, als des Osterlammes wurde von den täglichen levitischen Opfern der Lämmer angedeutet, übertraf sie aber bei weitem. Was sie nur teilweise vollbrachten: die Sühne für die Sünden des Volkes Israels, vollbringt Christus in voller Breite: Er bewirkt mit seinem immerwährenden Opfer die Sühne für die Sünden der ganzen Menschheit. Er ist der ewige Priester aller Nationen aller Zeiten.

Heilige Messe: Das Dankopfer

KURS: Das Heilige Messopfer
Teil 2: Das Dankopfer

von Jean Elizabeth Seah und Sr. Gabriela Wozniak

Das Heilige Opfer der Messe wurde in den Opfern des Alten Testaments vorgezeichnet, die eine mehrwertige Bedeutung hatten. Tier- und Pflanzenopfer wurden verwendet, um für Sünden zu büßen, Gott Danksagung und Anbetung anzubieten und Bündnisse zu schließen, die in die Gemeinschaft mit dem Allmächtigen eintreten. Die Messe als das wahre Opfer des Kalvarienberges ist die Erfüllung und Vervollkommnung aller zuvor dargebrachten Opfer.

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Das erste Dankopfer: Noahs Bund mit Gott

Das zweite bedeutende Opfer war das von Noah (Gen 8-9). Seine Familie und Vertreter der einzelnen Tierarten wurden durch den Schutz der von ihm gebauten Arche gerettet. Nachdem er die katastrophale Überschwemmung überlebt hatte, die die Welt von der Sünde reinwusch, baute er einen Altar, als er das Festland erreichte, und bot Gott ein Brandopfer als Dankopfer an. Die Brandopfer sind diejenige Opfer, bei denen das ganze Opfer durch Feuer auf dem Altar Gottes verzehrt wurde und kein Teil dem Gebrauch von Priestern oder Menschen vorbehalten war.

Gott war erfreut über Noahs Opfer und schloss einen Bund, in dem er verspricht, die Menschheit nie wieder durch eine Flut auszulöschen. Gott befahl Noah und seinen Nachkommen, fruchtbar zu sein, sich zu mehren und die Erde zu füllen.

Das neue Dankopfer

Ebenso bietet sich Jesus nach seiner Auferstehung von den Toten in der Eucharistie, im Dankopfer als Opfer dar. Die Heilige Messe ist somit ein Dankopfer für den Sieg über den Tod und für die Befreiung des neuen Volkes Israel vom Ertrinken in der Sünde.

Das Dankopfer (Toda) entwickelte sich später zu einem eigenen Ritus. Es beginnt damit, an eine tödliche Bedrohung zu erinnern und feiert dann die Befreiung des Menschen von dieser Bedrohung durch Gott. Bevor Jesus das Brot in Emmaus brach, erklärte er, wie sich die Schrift in Seiner Passion erfüllte. Sowohl in der Feier des alttestamentlichen Dankopfers, wie auch in der Eucharistie wird die Anbetung Gottes im Wort und im Mahl zum Ausdruck gebracht. Darüber hinaus beinhaltet ein Dankopfer, wie die Messe, ein unblutiges Opfer von ungesäuertem Brot und Wein.  Die jüdischen Rabbiner prophezeiten, dass bei der Ankunft des Messias alle Opfer enden würden, außer dem des Toda, der ewig andauern würde. Am Ende jeder Messe wird uns befohlen, auszugehen und die Frohe Botschaft zu verbreiten, damit alle Nationen getauft und die Kinder Gottes vermehrt werden können und in der Arche der Barke Petri gerettet werden. Das Opfer gewinnt seine eigentliche Bedeutung: Die Rettung der Menschheit im Schiff der Kirche.

Die maximale Liebe

Gott ist unendlich erfreut über Jesu Opfer. Er begründet einen Neuen Bund, der die Menschheit vor den ewigen Auswirkungen der Sünde erlöst. Der heilige Anselm schrieb: „Christus hätte uns erlösen können, indem er einen einzigen Tropfen seines kostbaren Blutes vergossen hat“. Göttliche Gerechtigkeit hätte besänftigt werden können, der Sturz des Menschen und all unsere nachfolgenden Sünden – von Kains Abschlachtung Abels bis hin zum Massenmord an Europas Juden – hätten durch das Blut, das Jesus vergossen hat bei seiner Beschneidung ausgelöscht werden können.

Jesus hat sich aber so entleert hat, um die Unermesslichkeit Seiner Liebe zu zeigen, um unseren Blick auf die geheime Liebe der Dreifaltigkeit zu lenken… Christus wollte keine minimale Antwort geben, keinen sparsamen, aber fairen Tausch eines Tropfens des Blutes des Gottmenschen gegen die Milliarden von kleinen Verwahrlosungen, die wir jeden Tag auftürmen. Stattdessen überwältigt Er uns, sprengt unsere Vorstellungen und bietet uns im Kreuz ein Schauspiel, das Tausende Jahren der Kontemplation nicht erschöpfen können.

Heilige Messe: Das Opfer Abels

KURS: Das Heilige Messopfer
Teil 1: Das Opfer Abels und Kains

von Jean Elizabeth Seah und Sr. Gabriela Wozniak

Das Heilige Opfer der Messe wurde in den Opfern des Alten Testaments vorgezeichnet, die eine mehrwertige Bedeutung hatten. Tier- und Pflanzenopfer wurden verwendet, um für Sünden zu büßen, Gott Danksagung und Anbetung anzubieten und Bündnisse zu schließen, die in die Gemeinschaft mit dem Allmächtigen eintreten. Die Messe als das wahre Opfer des Kalvarienberges ist die Erfüllung und Vervollkommnung aller zuvor dargebrachten Opfer.

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Das unschuldige Blut

Das erste Opfer des Alten Testamentes ist das von Abel, der ein Hirte war. Er „bot dem Herrn, seinem Gott, mit wahrer Hingabe und als Anerkennung seiner Unterwerfung unter die göttliche Majestät, ein Schlachtopfer der Erstlinge seiner Herde an “ (siehe Genesis 4). Gott, der das Herz ansieht und die inneren Dispositionen der Menschen kennt, nahm sein Opfer an, das Opfer seines Bruders, Kain, lehnte er aber ab. Kain beneidete seinen Bruder Abel und tötete ihn. So war das erste aufgezeichnete Opfer mit der Vergießung von unschuldigem Blut verbunden, dem ersten Mord in der Geschichte der Menschheit. Ebenso bot sich Christus der gute Hirte demütig, treu, liebevoll und gehorsam als das vollkommene, makellose Lamm Gottes und das Erstgeborene der Schöpfung an. Seine Selbsthingabe war das Beste, was er dem Vater anbieten konnte. Er wurde gekreuzigt.

Das vollkommene Opfer Christi

In der Messe sind sowohl Abels als auch Kains Opfergaben sichtbar, die die Aufnahme der ganzen Schöpfung und der Menschheitsgeschichte in das Göttliche Opfer symbolisieren, das die Erde erneuert, die Sünde überwindet und uns ein neues, ewiges Leben schenkt. Kains Opfergabe aus den Früchten seines Gartens ist ein Prototyp jüdischer und katholischer Opfergaben von Brot und Wein, durch die wir Gott Seine eigene Schöpfung darbringen, unsere völlige Abhängigkeit vom Schöpfer anerkennen, schließlich Seine Großzügigkeit und die Güte Seiner Gaben loben. Wie Kain’s Opfergabe, die durch die Bewirtschaftung des Landes mit dem Schweiß Seiner Stirn erhalten wurde, wird unser durch das gemeinsame Werk der menschlichen Zivilisation beschafft. Abels würdiges Opfer ist darin erkennbar, was die Opfergaben von uns unwürdigen Sündern, die Opfer, die allein keine Erlösung verdienen können, in das vollkommene Opfer Christi, des Osterlammes, umgewandelt werden, das sowohl der göttliche Gärtner als auch der gute Hirte der Seelen ist.

Das rufende Blut

Wir lesen im Hebräerbrief:

Ihr seid vielmehr zum Berg Zion hingetreten, zur Stadt des lebendigen Gottes, dem himmlischenJerusalem, zu Tausenden von Engeln, zu einer festlichen Versammlung und zur Gemeinschaft der Erstgeborenen, die im Himmel verzeichnet sind; zu Gott, dem Richter aller, zu den Geistern der schon vollendeten Gerechten, zum Mittler eines neuen Bundes, Jesus, und zum Blut der Besprengung, das mächtiger ruft als das Blut Abels.“ (Hebr 12,24).

Der Verfasser erinnert hier der Gemeinde: Ihr seid erlöst! Ihr seid schon zum Heiligtum hingetreten!
Im Opfer Christi ruft nicht mehr unsere Sünde, nicht mehr das Blut Abels, das erste Blut, das von der Erde getrunken wurde.

Im Gen 4,10 heißt es: „Der Herr sprach: Was hast du getan? Das Blut deines Bruders schreit zu mir vom Ackerboden“.  Für das rufende Blut des Abels verwendet die griechische Ausgabe des Alten Testamentes, die Septuaginta, das Wort φωνὴ – φωνέω heißt tatsächlich rufen, schreien; es hat etwas Dramatisches an sich. Dagegen spricht der Verfasser des Hebräerbriefes, das Blut Christi λαλοῦντι – es redet, es spricht. Das Reden des Blutes Christi ist also vollkommener als das Rufen, das Schreien des Blutes der Sünde. Das Blut Christi braucht keine lauten Töne, um die Kraft zu verdeutlichen. Das Sprechen des Blutes Christi ist mehr als das Schreien des in Folge einer Sünde vergossenen Blutes.

...Fortsetzung folgt!

Inkarnation: Die Fülle der Schöpfung

von Prof. Dr. Anton Štrukelj

Der Mensch wird als Krone der Schöpfung bezeichnet. Wenn aber nun Gott in seinem ewigen Wort und Sohn, Jesus Christus, Fleisch wird, dann der Titel dieses Aufsatzes berechtigt: Die Inkarnation ist die Fülle der Schöpfung.

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Der ganze Sinn des Wortes

Der Hymnus aus dem Kolosserbrief ist für unser Thema von zentraler Bedeutung (HIER den Hymnus lesen). Man sieht, dass hier nicht nur von der Schöpfung in Christus, sondern auch von der Erlösung in Ihm die Rede ist. Natürlich gehören beide Aspekte des einen allumfassenden Mysteriums zusammen, denn die Menschwerdung Christi ist auf sein Erlösungswerk ausgerichtet. Balthasar sagt oft sehr treffend: Das menschgewordene Wort Jesus Christus hat drei Silben: Menschwerdung – Tod – Kreuz und Auferstehung. Der ganze Sinn des Wortes versteht man erst, wenn auch die letzte Silbe des Wortes ausgesprochen wird.

Unter „Verbum – Caro“ („Das Wort ist Fleisch geworden“) ist nicht „Gotteswort“ gemeint, sondern einfach das Wort, wenn man Logos, Verbum, überhaupt mit dem verengenden „Wort“ übersetzen will. In „Logos“ liegt ebenso sehr „Sinn“, „Gedanke“, wie ausgesprochenes Wort. Die Aussagen des Neuen Testaments, dass Christus „der Erstgeborene der ganzen Schöpfung“, dass „alles durch ihn und auf ihn hin geschaffen“ ist und „alles in ihm seinen Bestand hat“ (Kol 1,15-17), dass Gott „den zum Erben des Alls eingesetzt hat“, „durch den er auch die Welt erschaffen hat“ (Hebr 1,2), dass „alles durch das Wort geschaffen wurde“ und „ohne das Wort nichts von dem wurde, was geworden ist“ (Joh 1,1-3), sind einzig aufgrund des Glaubens zu rechtfertigen, dass Jesus von Nazareth der ewige Sohn Gottes ist.

Die Offenbarung

Der trinitarische Gott ist kein nachträglich ausgeklügeltes Dogma, sondern offenbart sich unmittelbar im Faktum des Verbum-Caro. Deshalb kann dieses weltgeschichtliche Ereignis nur aufgrund einer trinitarischen Logik erfasst und ausgelegt werden. Was Gott in Christus für den Menschen leistet, ist alles andere als eine mündliche Beteuerung seiner Liebe, es ist eine allmächtige Tat. Der Logos mag noch so sehr als der „Erlöser“ von der Sünde in der Welt erscheinen, sein Menschwerden wird letztlich nicht von diesem Motiv bedingt, sondern durch die alles Weltliche übersteigende freie und großherzige Liebe Gottes. Die Bezeichnung „Logos“ für Jesus Christus meint im Alten Bund mehr als bloße „Rede“; sie bedeutet vielmehr einen totalen „Ausdruck“ Gottes mit dem Schwergewicht auf einer herrscherlichen Tat. Sein Fleischwerden ist die wesentliche Aussage, auf die alles ankommt, jenes kostbare Licht, worin man wandeln muss, solange es da ist, sonst überfällt uns Finsternis (vgl. Joh 12,35). In der Menschwerdung offenbart sich das Urbild als das vollkommenste Abbild. Als Verbum inspiratum schließlich bleibt der Logos in der Geschichte fortdauernd inkarniert, nämlich im Sprechen Gottes, durch das dem Menschen alles offenbart wird, da es ihm die Mitte der Geschichte erhellt.

Weil alles auf den Logos hin geschaffen ist, versteht Bonaventura die Schöpfung als das „Ursakrament“ des Glaubens. Der Kosmos ist nicht in sich schon eine Offenbarung Gottes, auch nicht Gottes Ebenbild, wohl aber trägt er die Spuren Gottes in sich – um sie weiß jeder, der Gottes Offenbarung kennt; deshalb ist das Buch der Heiligen Schrift zugleich auch der Schlüssel zur Erkenntnis des Kosmos. Das Zueinander der beiden „Bücher“ des Glaubens, der Schöpfung und der Heiligen Schrift, gehört auch zum Grundgepräge der neutestamentlichen Schöpfungstheologie. Der Menschensohn kam um alles auf sich hin zusammenzufassen, Himmel und Erde, Schöpfung und Menschheit. Dazu hat er sich dem Menschen auf innigste Weise gleichgestaltet, damit dieser aus der Ähnlichkeit mit dem Menschensohn zum Heil findet: mitgekreuzigt, mitbegraben, mitauferstanden, mitaufgefahren (vgl. Röm 6,3f.).

Die Menschwerdung

Mit der Menschwerdung Gottes wird eine neue (Zeit-)Geschichte des menschlichen Lebens offenbar. Das Leben Jesu selber ist klein und partikulär… von diesem partikulären Jesus bekennen wir, er sei von zentraler und universaler, eschatologischer und kosmischer Bedeutung. Denn mit der Menschwerdung des Gottessohnes ist Gott für immer in die Geschichte der Menschen eingegangen, so dass unsere Alltäglichkeit in die ewige Geschichte des dreifaltigen Lebens an- und aufgenommen ist.

Gehorsam

Gott hat den Menschen wunderbar geschaffen, aber noch wunderbarer erlöst (Exultet). Die größte Würde des Menschen liegt in seiner Ähnlichkeit mit dem Menschensohn begründet, der „das Bild des unsichtbaren Gottes“ ist (vgl. Kol 1,15; 2 Kor 4,4). Somit zeigt sich in der Menschheit Christi auch die göttliche Wirklichkeit des Menschen, der im Menschensohn seine ursprüngliche Würde wiedererhält. In der Menschwerdung des Logos wird eindeutig offenbar, dass die irdische Wirklichkeit Trägerin überirdischer Wirklichkeit ist. Der Logos, die Quelle göttlichen Lebens, wohnt der ganzen Schöpfung inne, alles in ihr nimmt seine Gestalt an. Auch das Leben des Menschen ist „worthaft“. Der Mensch hat jetzt schon, durch Glaube und Taufe, Anteil am göttlichen Leben und an all dem, was der ganzen Schöpfung verheißen ist.

Aber die Menschwerdung des Sohnes hat auch eine universale, kosmische Dimension: Durch den Eintritt des Menschensohnes in den Kosmos und seine Heimkehr zum Vater, wird zunächst der Gegensatz zwischen Zeit und Ewigkeit aufgehoben. Seit dem Eingehen des Menschensohnes in die Geschichte ist allem Geschaffenen eine Sakramentalität eigen. Es gibt einen wesentlichen Unterschied zwischen der Kirche (derer Haupt Christus ist) und dem Kosmos (aus dem die Elemente der Schöpfung entstammen, die der Sakramentalität der Kirche gehören), aufgrund dieser Unterscheidung kann man aber sagen: Die Bestimmung des Wassers ist es, am Mysterium der Epiphanie und der Taufe Anteil zu geben, die des Holzes, im Kreuz aufzublühen… Auch die elementaren Akte des Lebens: Trinken, Essen, Wachsen… – sie alle erhalten durch Hineinnahme in die Liturgie ihre wahre Bestimmung wieder, nämlich „Bausteine lebendigen Tempels“ zu sein.

Es gibt nur einen Sinn.

Der letzte Sinn der Schöpfung wird uns letztlich erst von Jesus Christus her erschlossen. Gott der Schöpfer ist auch Gott der Erlöser und der Vollender seiner Geschöpfe. Es gibt kein Heil ohne erdhafte Entsprechung. Wenn uns der Schöpfer selbst geschenkt ist, wie würde uns nicht mit ihm zugleich die ganze Schöpfung mitgeschenkt? Durch Christus, in Christus und mit Christus sind wir die Mitarbeiter und Miterben am Reich Gottes. Dafür ist er gekommen und Mensch geworden.   

Die umfassende Liebe

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von Pater Aidan Nichols OP

In seiner Person, in Leben, Tod und Auferstehung, ist Jesus Christus die „Form Gottes“. Wie in den neutestamentlichen Schriften dargestellt, bilden die Worte, Handlungen und Leiden Jesu eine Einheit, die durch den „Stil“ der bedingungslosen Liebe zusammengehalten wird. Durch die Gestalt Christi strahlt also die Liebe, die Gott ist, auf die Welt durch. Das ist Balthasars grundlegende Intuition.

Die Intuition

Das Wort „Intuition“ ist hier richtig am Platz. Balthasar ist kein neutestamentlicher Gelehrter, nicht einmal ein (weitgehend) Autodidakt wie Schillebeeckx. Auch unternimmt er nach den hohen Ansprüchen von Schillebeeckx keinen sehr ernsthaften Versuch, moderne exegetische Studien in seine Christologie aufzunehmen. Seine etwas negative Einstellung zu vielen – aber keineswegs allen – aktuellen neutestamentlichen Studien folgt aus seiner Überzeugung, dass die Identifizierung von immer mehr Unterstrukturen, redaktionellen Rahmen, „Traditionen“, Perikopai, binären Korrespondenzen und anderen methodischen Elementen im Umfeld der Evangeliumskritik, in Fragmente zerreißt, was eine offensichtliche Einheit ist. Das Neue Testament ist eine Einheit, denn die Männer, die es geschrieben haben, waren alle von derselben Sache umgeworfen worden, nämlich von der Herrlichkeit Gottes vor Christus. So kann Balthasar provokativ sagen, dass die neutestamentliche Wissenschaft überhaupt keine Wissenschaft ist, verglichen mit der traditionellen Exegese, die ihr vorausging. Um eine Wissenschaft zu sein, musst du eine Methode haben, die deinem Objekt entspricht. Nur die kontemplative Lesung des Neuen Testaments ist der Herrlichkeit Gottes in Jesus Christus angemessen.

Kontemplation

Die Bedeutung des Kontemplationsbegriffes für Balthasars Annäherung an Christus zeigt sich daran, dass er seine Sichtweise der Wahrnehmung Gottes in Christus mit der Vorstellung vergleicht, ein Gemälde zu betrachten und zu sehen, was der Künstler in ihm getan hat. Im christlichen Glauben nimmt die fesselnde Kraft der „subjektive Beweis“) des Kunstwerks Christus unsere Vorstellungskraft in Anspruch; wir treten in die „malerische Welt“ ein, die sich daraus offenbart, und kommen, fasziniert von dem, was wir sehen, zur Betrachtung der Herrlichkeit der souveränen Liebe Gottes in Christus (der „objektive Beweis“), wie sie sich in den konkreten Ereignissen seines Lebens, seines Todes und seiner Auferstehung manifestiert. Wenn wir also in seine Herrlichkeit eintreten, werden wir von ihr absorbiert, aber gerade diese Absorption sendet uns in opfernder Liebe wie die Jesu in die Welt hinaus.

Das Geheimnis der Passion

Dies ist die Grundlage von Balthasars Christologie, aber ihr Inhalt ist eine Reihe von Meditationen über die Geheimnisse des Lebens Jesu. Seine Christologie ist sehr konkret und wurde suggestiv mit der Ikonographie von Andrei Rublev und Georges Roualt verglichen. Balthasar beschäftigt sich nicht besonders mit der ontologischen Zusammensetzung Christi, mit der hypostatischen Vereinigung und ihren Auswirkungen, es sei denn, diese sind unmittelbar an der Darstellung der Geheimnisse des Lebens beteiligt. In jedem großen Moment („Geheimnis“) des Lebens Jesu, sehen wir einen Aspekt der gesamten Gestalt Christi, und dadurch der Gestalt Gottes selbst. Obwohl Balthasar die erzählerische Einheit dieser Episoden betont, die auf dem Gehorsam beruht, der den göttlichen Sohn von der Inkarnation zur Leidenschaft führt, ist ein Gehorsam, der sein innertrinitarisches Wesen als Logos in unsere menschliche Sprache „übersetzt“, die kindliche Reaktionsfähigkeit auf den Vater. Sein Hauptinteresse ist sehr fest an einem ungewöhnlichen Ort angesiedelt. Dieser Ort ist das Geheimnis des Abstiegs Christi in die Hölle, den Balthasar ausdrücklich als „Zentrum der gesamten Christologie“ bezeichnet. Da der Abstieg der letzte Punkt ist, den die Kenose erreicht hat, und die Kenosis der höchste Ausdruck der innertrinitarischen Liebe ist, ist Christus des Karsamstags die vollkommenste Ikone dessen, wie Gott ist. Ohne die Kreuzigung auf ein bloßes Präludium zu verweisen, das im Leben Jesu und in seinen Wundern vorhanden ist, ist deshalb weit gefehlt! Balthasar sieht den Auferstandenen an Ostern deshalb nicht in erster Linie als den Gekreuzigten, sondern als denjenigen, der für uns in die Hölle hinabgestiegen ist. Die „aktive“ Passion des Karfreitags ist jedenfalls nicht vollständig ohne die „passive“ Passion des Karsamstags, die ihre Fortsetzung war. Die Liebe Christi erweist sich darin, dass Christus jede Konsequenz der Sünde auf sich genommen hat.

Der Abstieg

Balthasars Bericht über den Abstieg ist eine Welt fernab vom Konzept einer triumphalen Predigt bis zu dem, was fast alle traditionellen Berichte über den Abstieg in die Hölle ausmachen. Balthasar betont die Solidarität Christi mit den Toten, seine Passivität, seine Situation der totalen Selbstverfremdung und der Entfremdung vom Vater. Für Balthasar löst der Abstieg das Problem der Theodizee, indem er uns die Bedingungen zeigt, unter denen Gott unseren vorhergesagten Freiheitsmissbrauch akzeptiert hat: nämlich seinen eigenen Plan, unsere Selbstvernichtung in der Hölle zu sich zu nehmen. Es zeigt auch die Kostspieligkeit unserer Erlösung: Der göttliche Sohn hat die Erfahrung der Gottlosigkeit durchgemacht. Schließlich zeigt es, dass der vom Erlöser offenbarte Gott eine Trinität ist. Nur wenn der Geist, als „das Band der Liebe“ zwischen dem Vater und dem Sohn, Vater und Sohn in ihrer Entfremdung im Abstieg wiederherstellen kann, kann die Einheit des Offenbarten und Enthüllten erhalten bleiben. In dieser letzten Erniedrigung des „forma servi“ leuchtet das glorreiche „forma Die“ durch seinen tiefsten Ton der sich selbsthingebenden Liebe hindurch.

Die Auferstehung

Mysterium Paschale konnte jedoch kein Bericht über das österliche Geheimnis, das Geheimnis des Osterfestes, sein, es sei denn, es ging nach dem Schicksal des Gekreuzigten selbst weiter zur Annahme seines Opfers durch den Vater. Wir nennen die Wiedervereinigung Auferstehung, der Rückgang zum Vater. Obwohl die Rolle des leeren Grabes nicht überspielt wird – was schließlich ein Zeichen ist, mit all den Einschränkungen, die dieses Wort impliziert, beharrt Balthasar in einer Weise darauf, dass der Vater bei der Erhebung des Sohnes nicht auf die pure Zeugung zurückgreift, d.h. er erhebt den Sohn in Sichtbarkeit, anstatt ihn in den vorgeburtlichen Zustand des unsichtbaren Wortes zurückzubringen. Die Erscheinungen der Auferstehung sind keine visionären Erfahrungen, sondern persönliche Begegnungen, auch wenn die Auferstehung selbst durch kein Konzept, keinen Vergleich angemessen gedacht werden kann.

Die Kirche bleibt

Schließlich bietet Balthasar in seinem Bericht über die „typische“ Bedeutung so unterschiedlicher Zeugnisse der Auferstehung wie Petrus, Johannes und der Frauen eine tiefgründige Interpretation der Zusammensetzung der Kirche, die aus dem österlichen Geheimnis Christi hervorgegangen ist. In seiner Darstellung des Zusammenhangs zwischen den männlichen und weiblichen Elementen in der Gemeinschaft des Gekreuzigten und Auferstandenen – der Amtskirche und der Kirche der Liebe – bestätigt Balthasar, dass das, was die wahre Tiefe der Kirche ausmacht ist, wie der abschließende Abschnitt des Mysterium Paschale zeigt, ist die eheliche Reaktionsfähigkeit der Empfänglichkeit und des Gehorsams gegenüber dem Jesus Christus, der als Haupt der Kirche „immer wieder neu in sein eigenes Wesen diejenigen eintaucht, die er als seine Jünger aussendet“.
  Pater Aidan Nichols OP ist Priester und Theologe. Von 2006 bis 2008 war er der erste seit der Reformation Lehrbeauftragte für die Katholische Theologie an der Universität in Oxford. Derzeit Subprior des Dominikaner-Priorats St. Michael in Cambridge.  HIER der Wikipedia-Beitrag über ihn. 

Wer war Maria – wer ist Maria?

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von Sr. Gabriela Wozniak SAS

In „Herrlichkeit I“ spricht Balthasar von einer „Marianischen Gotteserfahrung“ (S. 326-330).  Das Wort „Erfahrung“ hat hier aber eine ganz andere Relevanz als etwa ein Erlebnis oder eine Begegnung. Marianische Gotteserfahrung meint das Kulminieren der Weltgeschichte in der Person Mariens – das Zusammenkommen des Alten und des Neuen Bundes, das „Überfließen“. Ihre Gotteserfahrung ist unüberbietbar, denn sie durfte „das Ganze“ Gottes kennen lernen und in sich tragen. Was bedeutet das alles? 

Zwischen den Testamenten

Maria bildet in sich die Brücke zwischen Altem und Neuem Bund: Das Empfangen Christi geschieht bei ihr noch im Glauben an das Wort Gottes – insofern ist es noch innerhalb des Alten Bundes, als ein Akt des reinen Vertrauens auf die Verheißungen des Gottes Jakobs, Isaaks und Abrahams. Diesen Gott kennt sie aus der Überlieferung und aus den Heiligen Schriften. Dass dieser Gott aber ein dreifaltiger ist und dass ihr Schoß gerade zu einer „Nachbildung“ des Ausfließens der Liebe zwischen den göttlichen Personen wird, steht schon innerhalb des Neuen Bundes und bildet somit das Zentrum des Geheimnisses, in das Maria miteingenommen wurde.

Die Brücke, die Maria baut, ist eine für das gesamte Christentum grundlegende. Ihr Ja ist das Ja der ganzen Schöpfung! Die bis jetzt selbstverständlich menschliche Ich-Du-Beziehung wird in Maria zu einer zwischendimensionalen Erfahrung der Ganzheitlichkeit Gottes. Auf diese Weise ist Maria die erste Prophetin der Vereinigung beider Naturen in Christus und erste Prophetin der Vereinigung beider Sphären in der Kirche. Die göttliche und die menschliche Realität kommen zusammen wie nie zuvor.

Typus und Person

Auf dieser Basis kann man nach Balthasar Maria als Typus der Kirche sehen. Hier, mit der Überschattung der Jungfrau, beginnen die Mysterien des mystischen Leibes Christi, der Kirche. Der Heilige Geist, der über Maria kommt und in ihr das Werk vollbringt, entzieht sich jeder menschlichen Kategorie. Gott ist der Ursprung und der Alles-Andere-Übersteigende, er setzt die Grenzen zwischen den Realitäten.

Maria ist ein Typus der Kirche, insofern sie eine Verbildlichung des Geheimnisses der innertrinitarischen Fruchtbarkeit ist und dieses Geheimnis in sich in eine sie übersteigende Realität übergehen lässt – diese neue Realität ist die Kirche.

Ach, wie modern!

Heute wird Maria innerhalb der feministischen Theologie vor allem als DIE Frau in Gottes Plan vorgestellt. Bei dieser Betrachtungsweise verschwinden oft die Aspekte des Gehorsams, der Demut und das Bild Mariens als die Magd des Herrn. Der Titel der Tochter Zions wird als Zeichen ihrer Erwählung als selbstverständlich wahrgenommen, manchmal noch die Eva-Maria-Parallele[1]. Stellt man die moderne Perspektive Balthasar gegenüber, so kommt die Frage auf: Steht sie bei Balthasar NUR als Typus da? Hatte sie nur rein instrumentale Funktion im Heilsgeschehen? Wird sie gar nicht als Person beachtet?

An diesen Fragen kommen wir nicht vorbei. Wenn Maria nur ein Typus der Kirche war und darüber hinaus keine eigene Persönlichkeit entfalten konnte, so sind mit ihr alle Frauen ein bloßes Abbild einer allgemeinen Idee des Leibes Christi, aber keine in ihrer je sich erweisenden Einmaligkeit wahrgenommenen realen Mitglieder des realen Leibes Christi. Dann fließt zwar alles Weibliche in der Kirche ineinander – Mutter Gottes, Kirche, Frau – jedoch ohne Rücksicht auf die je individuellen Eigenschaften jeder einzelnen.

Gott berührte Maria aber physisch, indem er in ihr zum Gott-Menschen wird. Die Zeugung, der Geistesblitz und die körperliche Schwangerschaft können sich nur in einer leibhaften Person ereignen und dadurch nur einmal und ganz individuell. Erst aus dieser leiblich-sinnlichen Dimension kann sich eine Typologie entfalten. Natürlich steht die Erfahrung Mariens „funktionell“ zur Christologie und damit auch zur Ekklesiologie – aber nur insofern, wie vergleichbarer Weise jeder Mensch funktionell zum Erlösungsmysterium steht. Das Funktionelle gefährdet nicht das Personale, sondern vollendet es. Das Allgemeine – selbst das Augenzeugnis der Apostel – wäre nicht ausreichend, wenn nicht das konkrete, leibliche Ein-Fleisch-Werden in seiner intimsten und gewagtesten Ausprägung – das eine Fleisch zwischen Gott und Mensch, das sich in Maria ereignet hat. Sie ist Typus nur insofern sie Person ist. Ohne ihr Person-Sein wäre die Typologie fällig – die Kirche wäre der Freiwilligkeit ihrer Mitglieder beraubt und würde zu einer zwanghaften Manifestation des Göttlichen in der Welt werden.

Das Universale nur im Konkreten

Es gibt zahlreiche Arbeiten, die Balthasar – weithin zurecht – in die Reihe der Neuplatoniker stellen. Und es gibt tatsächlich viele Tendenzen innerhalb seiner Theologie, die diese Ansicht bestätigen können – oft projiziert Balthasar das ideale Bild eines spekulativen Himmels auf die klassischen Behauptungen der Theologie, was zu einer ziemlichen Weltfremdheit gegenüber dem Alltagsleben führt und ihn in die Reihe der strikt theoretischen Forschung stellt. Spätestens bei der Menschwerdung Gottes in Maria tritt jedoch das ganz normal Menschliche dazu. Spätestens hier erweist sich Balthasar dennoch als – zumindest partieller – Aristoteliker. Der Ideenhimmel und die irdische Hülle finden hier keine Entsprechung mehr. Es gibt kein idealistisches Urbild, das in seiner unvollkommenen Form sich nur schwer in seinem Abbild verwirklichen kann. Der Glaube Mariens ist der von den Vätern Israels durch Jahrhunderte hindurch getragene Glaube, der sich in ihrer Erfahrung auf das Christentum hin öffnet. Sie ist Abbild dessen, was schon real-menschlich längst anwesend war, gleichzeitig Widerspiegelung dessen, was schon seit Ewigkeit real-göttlich da war und ebenso Urbild dessen, was in der Kirche durch Jahrhunderte hindurch getragen werden wird. Mehr noch: Das Personale an Maria wird im Zuge der immerwährenden Erfahrung des Sohnes Gottes zugunsten der Kirche verschenkt.

Maria für alle

Die Frage, die sich abschließend stellt ist dennoch die: Wie verhalten sich die beiden Dimensionen des Daseins Mariens – als Typus und als Person – zueinander?

Ein schwieriger Begriff: Maria kann so als kontingente Manifestation der Gotteserfahrung bezeichnet werden. Religionsphilosophisch steht dieser Begriff für ein Phänomen, das einer Einzelperson zuteilwurde, jedoch auf einen Großteil der Bevölkerung prägenden Einfluss hat[2]. Die entschiedene Mehrheit solcher Phänomene bilden die Schriften der jeweiligen Religion. Da Christentum aber keine Buchreligion ist (Balthasar betont die Tatsache der Menschwerdung durch sein ganzes Werk hindurch!), handelt es sich auch hier nicht um ein Buch, um eine Schrift, an deren Existenz oder Heiligkeit man zweifeln kann. Maria ist die kontingente Manifestation der Gotteserfahrung – in ihrer Persönlichkeit und in ihrer Typologie – oder besser gesagt: Typo-Logik. In ihr ist das Wort Fleisch geworden. Sie trägt deshalb die für das Christentum grundlegende Erfahrung der Menschwerdung in ihrem Schoß, in ihrer irdischen Existenz, schließlich eben – indem sie den Glauben Israels in sich sammelt und durch ihre Offenheit bis zum Glauben unter dem Kreuz zu einer unendlichen Fruchtbarkeit werden lässt. Ihr Typus-Sein ist deshalb der tiefste Ausdruck der fruchtbaren menschlich-göttlichen Vereinigung – und deshalb auch keine Gefährdung der persönlichen Dimension ihrer Mutterschaft, ihres Frau-Seins. Ihr Frau-Sein realisiert sich in ihrem Brautsein, das zu einer durch die Zeit fortdauernden Erfahrung der Kirche führt.

Nimmt man Maria von der Kirche weg – so bleibt uns eine reine Institution, die nicht einmal den Traum wagen würde, den Erlöser in ihrer eigenen Mitte zu haben.


[1] Vgl. MÜLLER Gerhard Ludwig, Katholische Dogmatik. Für Studium und Praxis der Theologie, Freiburg i. Br.7 2005, S. 482.

[2] Vgl. TANASEANU-DÖBLER Ilinca, DÖBLER Marvin, Interpretation religiöser Quellentexte. Die Natur zwischen Gott und Menschen in der Schrift De planctu naturae des Alanus ab Insuris, in: KURTH Stefan, LEHMANN Karsten (hrsg.), Religionen erforschen. Kulturwissenschaftliche Methoden in der Religionswissenschaft, Wiesbaden 2011, S. 21-42, hier S. 23.

Mann und Frau der Kirche

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von Barbara Wenz

Die Sendung von Speyrs und Balthasars bleibt, trotz umfassender Forschung ein Geheimnis – weil sie direkt von Gott kam und eine Ganzhingabe beider erforderte. Barbara Wenz erläutert kurz ihre gemeinsame Geschichte.

Eine Protestantin wird katholisch

Als Seelsorger für Studenten und Akademiker an der Universität Basel lernt der Jesuit Hans Urs von Balthasar 1940 Adrienne von Speyr kennen, die Ehefrau eines Dozenten, welche bei ihm die Vorbereitung auf den Eintritt in die katholische Kirche, ihr Katechumenat, absolvieren wollte.
Die nur wenige Jahre ältere Adrienne wuchs in der protestantischen Familie eines Basler Augenarztes auf, dessen Vorbild sie nacheifern und Ärztin werden wollte. Seit frühester Kindheit befand sie sich im Dialog mit einem Engel, mit sechs Jahren begegnet ihr in einer Schauung zum ersten Mal Ignatius von Loyola, was ihr erst im Nachhinein bewusst wird. Als junges Mädchen, sie hat gerade ihren 15. Geburtstag gefeiert, in den umliegenden Ländern tobt der Erste Weltkrieg und im fernen Fatima ist drei Hirtenkindern die Muttergottes erschienen, haben gerade Tausende von Menschen ein Sonnenwunder dort erlebt und bezeugt, sieht Adrienne zum ersten Mal die Jungfrau Maria, umgeben von einer Unzahl von Heiligen und Engeln. Gleichzeitig fühlt sie ein immer unstillbarer werdendes Bedürfnis nach der sakramentalen Beichte in sich aufwachsen. Dass dies alles recht ungewöhnlich für ein protestantisches Mädchen ist, bemerkt sie freilich selbst.

Nach außen hin wirkt sie anziehend und lebensfroh, ist erfolgreich in der Schule und später beim Studium, beliebt bei ihren Kameraden und Kommilitonen. Die größte Hürde, die sie während dieser Zeit zu nehmen hat, neben dem beharrlichen Widerstand ihrer Mutter gegen ihren Berufswunsch, ist vermutlich der Abscheu vor dem Seziersaal. Doch mit Hilfe ihres tiefen Glaubens kann sie auch diese überwinden, in dem sie unablässig für die Seelen der Toten, die sie sezieren muss, betet.

Nach dem Abschluss ihres Studiums scheint zunächst alles gut zu gehen, sie eröffnet eine eigene Praxis, in der sie arme Menschen auch umsonst behandelt und heiratet 1934 den Historiker Emil Dürr, dessen plötzlicher Tod sie nur schwer verkraftet. Zwei Jahre später folgt ihre zweite Heirat mit seinem Nachfolger Werner Kaegi, ebenfalls Geschichtsprofessor in Basel. Doch der Tod ihres ersten Mannes ist nur äußerlich überwunden, innen bricht sich bei dieser merkwürdigen protestantischen Mystikerin eine spirituelle Krise Bahn, die sich in einer schweren Herzattacke somatisiert.

Kurz danach kommt es zur ersten Begegnung mit von Balthasar. Adrienne vertraut dem priesterlichen Freund, der schließlich zu ihrem Seelenführer und geistlichen Gefährten werden wird an, dass es ihr seit einiger Zeit unmöglich sei, das Vaterunser zu beten, ein Gebet, das sie bis zu dem Tode ihres ersten Mannes sehr geliebt habe – und zwar wegen der Zeile „Dein Wille geschehe“!

Von Balthasar legt ihr diese Bitte aus dem Gebet, das Jesus uns gelehrt hat, so verständig aus, dass es ihm scheint, als hätte er einen Schalter in seiner Gesprächspartnerin umgelegt:“(….) als hätte ich unversehens auf einen elektrischen Knopf gedrückt, der auf einen Schlag alle Lichter im Saal entzündete (…) Sie wurde am Fest Allerheiligen getauft (…)“

Gemeinsame Sendung

Tatsächlich hatte Adrienne zu allen Heiligen einen besonderen Bezug, oft „schaute“ sie deren Gebetshaltungen und -weisen. Hinzu kamen kurz nach ihrer Taufe immer mehr Passionen, in denen sie das Leiden Jesu durchlitt, sie die Stigmata vorübergehend empfing und deren Höhepunkt stets in der „Karsamstagserfahrung“ gipfelte. Von Balthasar begann sie während ihrer Schauungen ab 1943 eine Einführung in das Johannesevangelium“ zu diktieren – seine Theologie wurde zunehmend und derart von Adrienne beeinflusst, woran immer mehrere Menschen Anstoß nahmen. Doch für von Balthasar ist glasklar, dass es sich hier um einen göttlichen Auftrag handle, den er mit Adrienne zu erfüllen hat: Zunächst gründen sie fünf Jahre nach ihrem ersten Treffen die Johannesgemeinschaft, ein Säkularinstitut für Frauen; Johannes war Adriennes Lieblingsheiliger und sie hatte einen besonderen Bezug zu ihm. Später entsteht dann auch der Priesterzweig dieser Gemeinschaft.

Der Austritt aus der „Societas Jesu“, die er immer als geistige Heirat betrachtet hatte, ist ihm sehr schwer gefallen, doch seine Überzeugung, Gott gehorsamer sein zu müssen als seinen Ordensoberen war unverrückbar und wurde von Adrienne gestützt.

Weibliche Prophetie – männlicher Intellekt

Bei aller verständlichen Skepsis gegenüber Adriennes Zuständen: Es handelt sich um ein kirchliches Erfolgsmodell, weibliche Prophetie mit männlichem Intellekt und Seelenführerschaft zu verbinden: Angefangen von Hildegard von Bingen und ihrem Volmar über Angela von Foligno und ihren Seelenführer Arnaldo, Theresa von Avila und Johannes vom Kreuz, Franz von Sales und Jeanne de Chantal bis hin zu Anna Katharina Emmerick und Clemens Brentano. Doch die Kirche befand sich mittlerweile in der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts und war zu „aufgeklärt“ für diese Form gemeinsamer Berufung. Von Balthasar hatte sich nach dem Tode Adriennes – zu diesem Zeitpunkt liegen bereits 34 ihrer Bücher in Druckform vor – viele Gedanken über dieses Thema gemacht und sich dabei von dem innerkirchlich immer noch umstrittenen Teilhard de Chardin inspirieren lassen, der die „männlichen und weiblichen Teile der Natur“ als vereinigte Paare zu Gott aufsteigen sah.

Hans Urs von Balthasar schreibt 1977 von den paarweise Berufenen, dass sie „zwei in einem Rufe“ seien, für die gelte, was auch über die natürliche Verbindung zwischen Mann und Frau geschrieben steht: „Was Gott vereint hat, darf der Mensch nicht trennen.“
Der Jahrhunderttheologe und Mozartliebhaber Joseph Ratzinger, der, was die Herrlichkeit und Weite seines Werkes betrifft, wohl Hans Urs von Balthasar auf Augenhöhe begegnet – und mit ihm gemeinsam u.a. die Zeitschrift „Communio“ begründete, hat es in einem 1999 gegebenen Interview wie folgt trefflich beschrieben: „Hans Urs von Balthasar ist undenkbar ohne Adrienne von Speyr. Ich glaube, man könnte bei allen wirklich großen theologischen Gestalten zeigen, dass neue theologische Aufbrüche nur dann ermöglicht werden, wenn zuerst ein prophetischer Durchbruch da ist. (…) die eigentlichen Durchbrüche, in denen dann wieder große Theologie neu entsteht, kommen nicht einfach aus dem rationalen Geschäft der Theologie, sondern aus einem charismatischen, prophetischen Anstoß heraus. (…) Die Theologie als wissenschaftliche Theologie im strengen Sinne ist nicht prophetisch, aber sie wird nur wirklich lebendige Theologie, wenn sie von einem prophetischen Impuls angeschoben und erleuchtet ist.“

Ihr Werk soll weiterleben

Von Balthasars Tod erfolgt schließlich unter ähnlich signifikanten Umständen wie derjenige Adriennes, die am Tag der heiligen Hildegard von Bingen, einer Ärztin und Seherin, wie sie selbst eine war im Jahre 1967 starb. Der Ex-Jesuit und Theologe, der niemals einen Lehrstuhl innehatte, der große Universalgelehrte und Literaturliebhaber, den niemand zum Zweiten Vatikanischen Konzil als Berater eingeladen hatte, er sollte eine – wahrscheinlich die größte Ehrung erhalten, die ein Papst vergeben kann: Der polnische Papst, selbst ein großer Frauenfreund und überzeugt von der Dualität und Komplementarität der Berufungen von Mann und Frau in der Kirche, ernannte ihn zum Kardinal, zu einem Prinzen der Kirche. Doch nur zwei Tage vor der Kreiierungszeremonie verstarb von Balthasar schicksalhaft am 26. Juni 1988 in Basel, knapp 20 Jahre nach Adrienne. Aufgabe der Nachwelt könnte es sein, immer neu zu versuchen, deren Werk und das von Balthasars in Synthese und kongruent zu rezipieren und so abschließend zur Vollendung zu bringen.

 


 

Barbara Wenz ist freie Journalistin (u.a. für Cicero – das Magazin für politische Kultur, Vatican-Magazin, Die Tagespost, Liborius-Magazin, PUR-Magazin, kath.net, Der Durchblick), Autorin und Lektorin. 

Der Artikel ist erstmals in der Rubrik „Geistliche Paare“ über Hans-Urs von Balthasar und Adrienne von Speyr, der im Oktoberheft 2016 des Vatican-Magazins erschienen. Wir danken der Autorin für die Bereitstellung des Textes, dessen volle Version Sie HIER finden.

Bildernachweis: pixabay.com

 

 

 

Was bleibt in mir von ihm?

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von Roberto Graziotto

Trento-Leipzig. Von 1978 bis Hans Urs von Balthasar’s Tod (1988) habe ich eine kleine, aber für mich entscheidende Korrespondenz mit ihm geführt. Eine „philologische“ Präsentation dieser Korrespondenz übersteigt zurzeit meine Kräfte, da die Briefe auf Französisch und Deutsch und per Hand geschrieben worden sind (die Originale befinden sich in der „Casa Balthasar“ in Rom und Kopien in dem Archiv in Basel und bei mir zu Hause). In diesem Artikel geht es nur darum folgende Frage zu beantworten: was bleibt in mir 40 bis 30 Jahr nach dem Erhalt dieser Briefe? 

Was soll ich nun tun?

Zuerst bleibt das Staunen, dass Balthasar es als wichtig empfunden hatte, einem unbekannten jungen Mann aus Italien (in der Peripherie von Turin) zu antworten – und das in einer Zeit, in der ich mich von der Kirche entfernte. Er antwortete aus dem Geist des Heiligen Ignatius und zwar in erster Linie als geistlicher Vater und nur sekundär als Theologe oder Philosoph, wobei auch in diesem Bereich die Briefe sehr relevant sind und nicht nur für mich. Im Jahr 1978 hatte ich Giulio Girardi in Turin kennengelernt, der von Paul VI sehr geschätzt war, der aber auf Grund seines Dialogs mit dem Kommunismus Wege gegangen war, die der Heiligen Vater damals nicht gutheißen konnte. Meine erste Frage an Balthasar war: was soll ich tun, um ein guter Christ zu sein? Arbeiter-Priester werden? Die Antwort – drei mit der Hand geschriebenen Seiten auf französisch – lautete, dass es nicht so wichtig ist, was ich tun will, sondern was Gott mit mir tun möchte. Der Brief enthielt auch die Frage, ob Gott, da er die Freiheit dem Menschen geschenkt hat, nicht überwältig werden konnte von dem Bösen in der Welt.  Balthasar sagte, dass das nicht möglich ist, da der Abgrund der Freiheit Gottes viel tiefer ist, als die Freiheit des Homo abyssus.

Ein Moment der Wahrheit

Ich hatte Balthasars Adresse von Francesco Coppellotti, der mein Philosophie-Lehrer in Turin war und der mit Henry de Lubac befreundet war, erhalten. Er hatte u.a. den „Atheismus im Christentum“ von Ernst Bloch übersetzt, ein Buch, das der Theologie Balthasars und de Lubac’s diametral entgegenstand. Ich lernte damals das Buch fast auswendig, wie auch die „Minima Morelia“ Adornos. Das kulturelle Urteil Balthasars war klar: es handelt sich um säkularisierten jüdischen Messianismus, der mich in meinem Leben nicht weiter geführt hätte (es sei denn, ich hätte eine ganz andere kulturelle Reife erhalten). Balthasar schrieb gar keinen seiner Briefen mit „captatio benevolentiae“ und nicht weil er autoreferentiell gedacht hätte. Zuerst sagte er von Bloch lediglich, dass dieser Autor ihn an den „wandernden Juden“ erinnert, der einen Sinn sucht. In der „Apokalypse der deutschen Seele“ sprach er von dem jungen Bloch und noch in der Theodramatik spricht er von ihm als eine „faszinierende Gestalt“. Also man kann sowohl in den Werken wie auch in „meinen“ Briefen nicht einen Balthasar finden, der nicht fähig wäre, in Dialog mit Positionen zu treten, die nicht den seinen entsprachen. Was Massimo Borghesi von Luigi Giussani sagt, gilt auch für Balthasar: Es sind Autoren, die eine gewisse Legitimität der Moderne erkannt haben und zwar eine „kritische Legitimität“ und die in keiner Weise als Integralisten (Fundamentalisten) zu beurteilen sind. In Herrlichkeit III,1-2 zeigt Balthasar, wie er fähig ist, alles zu „integrieren“, alles was einen Moment der Wahrheit hat. Wenn er dann zum Schluss in meinen Briefen von Bloch als einen „bösen Mann“ spricht, ist das als eine Hilfe für mich zu verstehen, für meinen persönlichen Weg, der eine „Form“ gesucht hat, der in Bloch oder Adorno nicht zu finden gewesen wäre.

Den Weg erspart man nicht

Noch weniger in Theologen alla Mode wie Hans Küng, der vom Herzen des Christentums, laut Balthasar, nichts verstanden hätte. Dieses Herz schlägt in dem Johanneskommentar Adrienne’s von Speyer, die ich dann sehr tief, sobald ich Deutsch gelernt hatte, meditiert hatte – vielleicht das Buch, das mich am meisten beeinflusst hat und das ich heute noch reflektiere (auch in einer geschlossen Gruppe in Facebook). In jedem Vers des Evangeliums und des Kommentars konnte ich mich in einer tiefen Unterscheidung der Geister üben, um zu verstehen wer Christus ist und zwar für mich. Ich erinnere mich noch heute mit sehr großer Resonanz in mir, an den Vorschlag Balthasars: beten Sie in großer Demut: Herr, ich glaube, hilf meinem Unglauben (vgl. Mk 9). Die Briefe konnten der „unglücklichen Seele“ (Hegel) eines jungen Mannes, sogar einer „neurotischen Seele“ (wie Balthasar sich ausdrückte) den Weg in den Abyssus der Gottlosigkeit nicht ersparen, aber der Same wirkte, so dass ich ein Jahr vor seinem Tod den Weg zur Kirche wieder fand. Er freute sich wie sich nur ein Kind sich freuen kann, als ich ihm erzählte, dass ich 10 Tage der Exerzitien des Ignatius gemacht hatte. Aber nicht diese Exerzitien, wenigstens nicht sie allein, sondern die Begegnung mit ihm in Basel (und mit Cornelia Capol, die dann eine meiner besten Freundinnen geworden ist) brachte den Durchbruch: ich habe nie eine Sekunde gezweifelt, dass die Begegnung mit meiner Frau Konstanze, kurz nach dem ich Balthasar getroffen hatte, kein Zufall war. Er wusste, dass ich eine Form brauchte, aber noch mehr eine Begleitung meines Lebens: in Konstanze fand ich beides, Form und Begleitung.

Nur zwei Philosophen

In einer Postkarte schrieb Balthasar mir, dass er in Deutschland, wo ich ein Doktorat schreiben wollte, nur 2 Philosophen kenne, die er mir empfehlen könne: Robert Spaemann, bei dem ich dann tatsächlich angefangen habe zu schreiben und Ferdinand Ulrich, der dann vielleicht einer meiner besten Freunde geworden ist. Von Robert Spaemann habe ich gelernt, einige Themen der Moralphilosophie im Unterschied zwischen Dinge und Personen zu durchdenken. Von Ferdinand Ulrich das Geheimnis der Gratis Liebe, das das Sein in seiner Schenkung offenbart.

Wofür stehen Sie?

In einer der Briefe hatte ich Comunione e Liberazione kritisiert und zwar für das, was ich als politische Machenschaften dubiöser Art beurteilt hatte; Balthasar ließ sich nicht in die Diskussion hinein (ich war sehr jung und er wusste, dass diese Kritik, damals, nur Ausdruck meiner Unzufriedenheit war) und fragte mich lediglich: wofür stehen Sie, jenseits aller Kritik? Viele Jahre später, ich glaube 2010, fünf jähre nach dem Tod Luigi Giussanis und 22 nach dem Tod Balthasars konnte ich verstehen, betend am Grab Balthasars in Luzern, dass die Umarmung zwischen den beiden, die ich in den 80er Jahren in Rom gesehen hatte, während des vom Heiligen Johannes Paul II. gewollten Symposiums über Adrienne und nachdem Balthasar im letzten Vortrag das Kreuz als die Beichte der Sünden der Welt erklärt hatte, mich und meine Sendung  endgültig hervorgebrachte hatte. Als Philosoph kann ich nicht anders als Themen zu durchdenken und zu vertiefen, aber nur die Bindung an der Kirche cum et sub Petrum, ermöglich das Scheinen in unserem Leben von dem was einzig glaubwürdig ist: die Liebe, eine Liebe, die bis in die Formlosigkeit der Hölle hinabgestiegen ist, die sich aber auch immer in konkreten Freundschaften verifizieren lässt.   © Bildernachweis: Titelbild: Hans-Urs-von-Balthasar-Archiv; Bilder im Text: pixabay