Was ist „dialogische Freiheit“?

Am 12.10.2018 an der Theologischen Fakultät der Katholischen Peter-Patzmany-Universität in Budapest hat Prof. Dr. Hermann Stinglhammer (Universität Passau) einen Vortrag über dialogische Freiheit als Weg zum Verstehen der Theodramatik gehalten. Klingt kompliziert? Ist aber schön! Hier einige Lichtblicke. Den Vortrag kann man sich auch ganz herunterladen.

Eine einzelne Freiheit gibt es nicht

Es ist die schlichte Erfahrung des Menschseins, dass jene einzelne Freiheit sich immer schon vorfindet im Raum anderer Freiheit. Dies bedeutet ontologisch, dass es eine einzelne Freiheit überhaupt nicht gibt und Freiheit im Sinne eines absoluten Aus-sich-selbst-heraus-Beginnens und Existierens ein Selbstwiderspruch ist. Warum? Jede einzelne Freiheit ist immer schon eingewiesen in den Raum anderer Freiheit, aus dem sie stammt, von dem her sie erst zu sich selbst kommt. Um dies zu konkretisieren, verweist Balthasar auf die existentiale Grundsituation des Neugeborenen, das erst durch die Mutter – und sie steht hier primär für den Raum der übrigen Freiheiten – zu seinem Ichsein erweckt wird. Mit anderen Worten: Die Stelle, wo Freiheit zu sich selbst hineinfindet und zu sich selbst ermächtigt wird, ist der Du-Raum des Anderen. Die Freiheit der anderen ist der stellvertretende Raum für meine eigene Freiheit, in dem diese erst zu sich selbst freigesetzt wird. Diese wird durch die anderen also zu sich selbst eröffnet. Dies ist aber nur dann möglich, wenn andere Freiheit sich mir selbst in Freiheit schenkt. Denn Freiheit kann nur frei gewährt werden. Der Raum der anderen Freiheit öffnet sich mir aber nicht, wenn und insofern ich ihn mir gewaltsam einverleibe und einordne, sondern dort, wo ich mich der anderen Freiheit öffne, sie sein lasse, sodass sie sich in ihrer eigenen Freiheit mir gewähren und schenken kann. Das egozentrische Ich bleibt in der Konsequenz ein armes, weil unbeschenktes Ich, eine monologische Freiheit, die nicht über sich selbst hinaus kommt und in den Reichtum hineinfindet, der ihr nur durch andere Freiheit geschenkt werden kann.

Genau an dieser Stelle der menschlichen Freiheitsaporie öffnet sich für Balthasar theologisch der Raum der unendlichen Freiheit, aus dem heraus die endliche Freiheit von Gott freigesetzt wird. Er verweist daher stets auf Apk 2,17, da der Geist Gottes spricht: „Ich werde ihm einen weißen Stein geben und auf dem Stein steht ein neuer Name, den nur der kennt, der ihn empfängt“. Dieser Vers steht in Balthasars Sicht für die Grundbestimmung menschlicher Identität, sofern der Mensch von dort mit ihr beschenkt wird. Endliche Freiheit ist eine auf Gott hin vorläufige Freiheit, die ihr Ziel nicht in sich selber findet.

Theo-logische Freiheit?

Balthasar weist im Zusammenhang seiner zunächst formal-abstrakten freiheitstheologischen Argumentation in Theodramatik 2,1 darauf hin, dass bereits in der antiken Philosophie gesehen wird, dass autonome geschöpfliche Freiheit nur im Horizont der unendlichen Freiheit zu denken ist. Als die höchste Form einer solchen Philosophie im Antik-Außerchristlichen nennt Balthasar die Philosophie Plotins. Allerdings kommen hier Mensch und Gott nicht zueinander.[1] Nach Balthasar löst sich diese Tragik erst im Raum der biblischen Offenbarung, in dem sie sich nun als eine Freiheit begreifen darf, die eingeladen ist, sich selbst in der unendlichen Freiheit Gottes zu vollenden. Diese biblisch-christliche Sichtweise bleibt für Balthasar auch die kritische Norm für das moderne Freiheitsdenken, das sich von Gott lossagt, um dann den Menschen in seinem absoluten Freiheitsstreben selbst nicht mehr verstehen zu können – denken wir nur an Sartre. Dies ist die Tragik der modernen Freiheit. Nicht im Menschen selbst liegt also das Maß seiner Freiheit, sondern allein in dem Gott, von dem sie herkommt. Also nicht: „Cogito ergo sum“, wie es die Neuzeit mit Descartes sprechen wird, sondern: „Cogitor ergo sum“: „Ich werde gedacht, von Gott“, also bin ich und bin ich frei. Oder mit Augustinus formuliert: „Der Mensch lebt‚ über sich‘.“ Damit offenbart sich für Balthasar im Horizont des Jüdisch-Christlichen eine fundamentale Grammatik, die wie ein Wasserzeichen in die endliche Freiheit eingeschrieben ist. Gott ist nicht der Konkurrent der menschlichen Autonomie– dies ist ja die Angst der Moderne bis hinein in die Gegenwart. Gott ist vielmehr ihr sie freisetzender Grund und ihr erfüllendes Ziel. Und er ist auch ihr Weg dorthin. Die christologischen und trinitarischen Reflexionen Balthasars, auf die wir uns dabei gedanklich zubewegen, werden dies verdeutlichen. In seiner Grundlegung will Balthasar vor allem zeigen, dass die christliche Synthese von endlicher und unendlicher Freiheit jenseits der modernen Alternative „menschliche Autonomie oder Gott“ liegt. Die entsprechende Haltung gegenüber der Freiheit Gottes liegt in der Sicht des Alten Testamentes in ihrem Entscheid zum „Bund mit Gott“, d.h. konkret in der Haltung des Ge-horsams, des Hörens auf Gott („Schema Israel“). Diese Struktur wird auch die christologische Gestalt der Freiheit bilden, wie sie im Sendungsraum Jesu Christi greifbar  wird.

Göttliche Freiheit der Hingabe: Urbild der geschaffenen Freiheit

In der christo-logischen Sendungsgestalt des menschgewordenen Sohnes Gottes wird die endliche, d.h. konkret: sündige, in sich verschlossene Freiheit, wieder auf ihre Gottesbeziehung eröffnet. Insofern ist nach Hans Urs von Balthasar die Christologie mit dem Wort Gregors von Nyssa charakterisiert: „Unser Spiel spielt in seinem Spiel“[2].

Wie ist nun Seine Freiheit zu charakterisieren? Kurz zusammengefasst als die wechselseitige Hingabe von Vater und Sohn in der Communio des Geistes. Damit zeigt sich eine lebendige Dynamik wechselseitiger Öffnung auf das Du von Vater und Sohn im gemeinsamen Geist. Die Liebe ist wesentlich relational, weil Liebe immer auf die Einheit mit einem Du zielt, sodass sie erst als Wir-Einheit konkret ist. So zeigt sich nach Balthasar in der Trinität die konkrete Wirklichkeit Gottes als die Communio der Liebe. Und eben darin ist er das Urbild aller geschaffenen Freiheit. Der konkrete Weg der endlichen Freiheit ist – zumal im Raum der Sünde – der Weg in der personalen Nachfolge Jesu Christi. Sein Wort und seine Wahrheit sind es, die den Menschen befreien (vgl. Joh 8,32).

Warum es sich lohnt, mit Balthasar Theologie zu lernen

Balthasar ist kompliziert, komplex, weitläufig und in seinen theologiegeschichtlichen Argumentationen oft schwer nachvollziehbar – er weiß so viel! Seine Sprache macht es nicht leichter. Ist es also die Mühe wert, die man in seine Theologie – zu der auch diejenige Adrienne von Speyrs[3] unablösbar gehört – stecken muss? Einige kurze Striche mögen als Antwort genügen.

Balthasar denkt Theologie ganz modern, wenn er sie im Horizont der Freiheit denkt. Eben diese sucht die Gegenwart wie im Fieber, ohne sie finden zu können. Dies liegt daran, dass sie die Freiheit als autonome nicht richtig denkt und lebt. Dabei bleibt Balthasar mit dem Thema der Freiheit ganz bei der Sache der Theologie selbst und entfaltet sie aus dem Raum eines breiten und tiefen kirchlich-katholischen Denkens.

Gerade darin zeigt sich Hans Urs von Balthasar inspirierend für gegenwärtige Philosophen, die sich von der transzendentalen Subjektphilosophie abwenden, wie etwa Jean-Luc Marion.[4] Auch er versteht mit Balthasar das Ich und seine Wahrheit innerhalb seiner phänomenologischen Analysen von der Wirklichkeit des Anderen her, das sich dem Subjekt als Gabe verschenkt, sodass auch hier die Haltung des Subjekts nicht die der Bewältigung, sondern des Empfangens ist, die dem trinitarischen Seins-Sinn der Liebe als göttlichen Gehalt von Freiheit entspricht. Dies kann man in einer neuen und vertieften Sicht mit der Theologie Hans Urs von Balthasars lernen.

[1] Der antike Mythos des Sisyphos, der den Stein (der Endlichkeit) vergeblich nach oben wälzt und immer wieder an seinem Ziel scheitert, steht genau dafür.

[2] Vgl. dazu Stinglhammer, a.a.O. 125ff.

[3] Vgl. Hans Urs von Balthasar: Unser Auftrag. Bericht und Entwurf, Einsiedeln 1994.

[4] Jean-Luc Marion: Gegeben sei. Entwurf einer Phänomenologie der Gegebenheit, Freiburg/München 2015. Vgl dazu: Thomas Alferi: „…Die Unfasslichkeit der uns übersteigend-zuvorkommenden Liebe Gottes…“. Von Balthasar als Orientierung für Marion, in: Hanna-Barbara Gerl-Falkowitz (Hg.): Jean-Luc Marion. Studien zum Werk, Dresden 2013, 103-125.

Prof. Dr. Hermann Stinglhammer,Diözesanpriester der Diözese Passau, Professor für Dogmatik an der Universität Passau, leitet die Forschungsstelle Hans Urs von Balthasar.

Theologie und Heiligkeit

von Prof. Dr. Anton Štrukelj Theologie und Heiligkeit sind zwei Schwestern. Sie gehören untrennbar zusammen. Sie sind „Schwestern im Geist“. Die Theologen haben es lange Zeit gewusst: Die Urkirche kennt das Phänomen, dass die großen Theologen auch große Heiligen waren: Denken wir nun an die Kirchenväter und die großen Theologen des Mittelalters.  Was haben wir verloren und ob wir es wiedergewinnen sollen? Den beiden Fragen gehen wir jetzt nach. 
Es war ein großes Anliegen des Schweizer Theologen, die beiden Schwestern in ihrer ursprünglichen Einheit zu bewahren. Das gesamte Opus von ihm beweist diese seine Grundintention.

Philosophische Scheidung

Die großen Theologen waren in der Mehrheit auch große Dogmatiker (Irenäus, Gregor von Nazianz, Augustinus… um nur einige zu nennen). Sie waren berufene Träger der kirchlichen Lebendigkeit gerade dadurch, dass sie in ihrem Leben die Fülle der kirchlichen Lehre und in ihrer Lehre die Fülle des kirchlichen Lebens darstellten. Als heilige Theologen waren sie „Säulen der Kirche“. Diese Einheit von Einsicht und Leben war im beginnenden westlichen Mittelalter noch eine selbstverständliche Regel. Die Scheidung kam mit der Scholastik und mehr noch durch die Rezeption des hereinbrechenden Aristotelismus. Gewiss gewann man damals an Klarheit, Sichtung, Beherrschung des gesamten Wissensmaterials, aber man war wie betrunken von den unverhofft großen Beutschätzen des Aristotelismus. Die Beute war zunächst eine philosophische und nur indirekt eine theologische. Dann nistete sich die Spaltung zwischen den beiden Bereichen immer tiefer ein. Nach Thomas erfolgt der Abfall in den Nominalismus. Mit einer Akzentverlegung gerät Dogmatik in den Hintergrund. So sind allmählich beide Bereiche disparat geworden. Die gegenseitige Entfremdung beider kirchlicher Welten führte zu einer katastrophalen Verarmung, die besonders in der Verkündigung spürbar ist.

Christus nicht verlassen

Diese verheerende Situation kann nur durch eine ernste Neubesinnung auf das Wesen der Theologie überwunden werden. Mit der Theologie ist hier die zentrale Wissenschaft der Dogmatik gemeint – sie hat ihr Zentrum genau dort, wo die Offenbarung selbst das ihrige hat. Die Heiligen verlassen niemals das Zentrum in Christus. Sie „bleiben“ in Christus, auch wenn sie ihren Auftrag in der Welt erfüllen. „Die wahre Theologie, die Theologie der Heiligen, fragt im Glaubensgehorsam, in der Ehrfurcht der Liebe, und immer das Zentrum der Offenbarung visierend, welche Denkweise dazu angetan ist, den Sinn der Offenbarung selbst zu erhellen“ (Verbum Caro, S. 212). Deswegen heißt beten frei sein und still sein zu Gott – die Erkenntnis Gottes wird durch die totale persönliche Hingabe ermöglicht und auch gesteigert. Theologische Vernunft beginnt und endet im Gebet. Die Heiligen „wollen stets empfangen, das heißt Betende sein. Ihre Theologie ist wesentlich ein Akt der Anbetung und des Gebetes“ (Verbum Caro, S. 220). Das gilt ausnahmslos für das christliche Denken. Die Erkenntnis darf sich nie von der Gebetshaltung entfernen. Es gibt in der Theologie keine Untersuchung, die nicht notwendig den Atem dieses betenden Suchens ausströmen müsste. In der Theologie ist nichts denkenswert, was nicht Gegenstand eines Gebetes werden kann.

Kniende Theologie

Von der Zusammengehörigkeit der beiden „Schwestern“ ganz und gar überzeugt, prägt Balthasar jenes berühmte Wort von der „knienden“ und „sitzenden“ Theologie: „Die Theologie war, solange sie eine Theologie der Heiligen war, eine betende, eine kniende Theologie. Darum ist ihr Gebetsertrag, ihre Fruchtbarkeit für das Gebet, ihre gebetszeugende Macht so unsagbar gewesen. Irgendwann geschah die Wendung von der knienden zur sitzenden Theologie“ (Verbum Caro, 224). Den Ausweg aus dieser Sackgasse der sieht Balthasar im Besinnen auf das Wesen der Theologie. Jesus Christus in seiner Auslegung des Vaters (exegesis, vgl. Joh 1,18) ist die ursprüngliche Rede von Gott (theo-logia). Nur von diesem Ur-Fundamentum her kann es eine christliche Theologie geben. Der echte Fortschritt kann nur aus den tiefen Quellen hervorsprudeln; nicht nur aus den immerjungen Quellen der Heiligen Schrift, sondern auch aus dem Jungbrunnen der patristischen Theologie. Welchen Reichtum enthält doch Thomas, verglichen mit dem Gerippe eines heutigen Lehrbuchs! Das grundlegende Gesetz für alle kirchliche Reform heißt: „Reform aus dem Ursprung“ – und eben damit Reform aus der Einsamkeit und aus der Heiligkeit. Dieses Grundgesetz weist wieder auf das Programm hin: Zurück zu den Quellen! In der neuen Zeit haben sich Theologie und Heiligkeit, zum großen Schaden beider, auseinanderentwickelt. Due heutige Zeit braucht eindeutig Heilige, jene Gestalten, an denen man sich wie an Leuchttürmen orientieren kann. Wenn die Spiritualität das Ferment der Theologie ist, so sind die Heiligen die gelebte Theologie schlechthin – kirchliche Theologie kann nichts anderes sein, als klärende Meditation über das Bekenntnis vor der Welt, um es verstehen und anderen verständlich zu machen. Darum muss die Theologie nur im Heiligen Geist gründen und sich sachgemäß entfalten.

Wahrheit des Evangeliums

Nur die Existenz der Heiligen, die beten und die vom Heiligen Geist Christi ergriffen sind, kann die Welt von der Wahrheit des Evangeliums überzeugen. Das Hauptmerkmal des Heiligen, des Betenden, ist der Gehorsam dem Ruf Gottes gegenüber, der für gewöhnlich Nachfolge des leidenden Christus ist in seine Gottverlassenheit und seinen Abstieg in die Finsternis hinein. Gehorsam gegenüber der Amtskirche, auch wenn diese von unwürdigen Dienern vertreten ist. Der Heilige ist berufen, das Amt zu stärken und zu beleben. Die wahren Heiligen waren alle Gehorsame. Sie suchten nur den Willen Gottes, nicht die Verwirklichung eigener Pläne und Ideen – die Heiligen waren gehorsam, nicht fügsam – denn Gehorsam ist etwas anderes als Fügsamkeit. Das Beispiel unzähliger Heiligen zeigt überdeutlich, dass nur „Theologie“ als Einheit von heiligkeit und Zeugnis im Leben der Kirche diesen Namen verdient. Die Theologie muss in der Nachfolge Christi bereit sein, mit ungeteilter Hingabe für die Wahrheit Gottes einzutreten. Henri de Lubac sagt über Hans Urs von Balthasar: Er selbst gehört zu den Menschen, von denen er gesagt hat, dass sie ihr Leben für die Herrlichkeit eingesetzt haben – für die Theologie, dieses verzehrende Feuer zwischen zwei Nächten, zwei Abgründen: der Anbetung und dem Gehorsam“. Balthasars ganze Theologie ist eine trinitarisch verwurzelte Theologie; sie ist eine kniende Theologie, die aus der Urquelle schöpft und in die glühende Mitte des Mysteriums einführt. Die Theologie ist eine Zeugnisablegung: Er will nur Theologe sein, weil er Apostel sein will. Der Text in der vollen Länge befindet sich im Buch: Štrukelj Anton; Kniende Theologie, EOS-Verlag, St. Ottilien 2004, S. 11-23.

Der Text in der vollen Länge befindet sich im Buch: Štrukelj Anton; Kniende Theologie.

Prof. Dr. Anton Štrukelj, geb. 1952  in Slovenien, Diözesanpriester der Erzdiözese Ljubjana, seit 1980 Professor für Dogmatik an der Universität Ljubjana, Gastprofessor in Friboweg, Lugano und St. Petersburg, Sekretär der Slovenischen Bischofskonferenz, Mitglied der Internationalen Theologischen Kommission.

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Rezension: „Verkaufe alles und folge mir nach“

Buchrezension

Verkaufe alles und folge mir nach

Hans Urs von Balthasar.

Mit der Einleitung von Stefan Oster SDB

Der Johannes-Verlag hat sich hinsichtlich der Bischofssynode zur Jugend entschieden, das Berufungsbüchlein Balthasars noch einmal aufzulegen. Der Titel des Bandes lautet „Verkaufe alles und folge mir nach“. Das Vorwort stammt vom deutschen Jugendbischof, Stefan Oster SDB. Was enthält das Büchlein und lohnt es sich, dieses in die Hand zu nehmen? Darüber sollen die nächsten Zeilen berichten.

Philosophische Theologie? Theologische Philosophie?

Dr. Roberto Graziotto wurde von Sr. M. Gabriela Wozniak befragt

Hans Urs von Balthasar vereinte in seinem theodramatischen Konzept theologische und philosophische Aspekte – bewusst strebt er eine Synthese an, die sich nicht mit einfachen Lösungen zufriedengibt, sondern immer weiter und immer tiefer zu fragen vermag. Eine vernünftige Theologie braucht immer einen fundierten Gedankenhintergrund. Wo beginnen und wo enden die Grenzen? 

Zuerst würde ich an einer Anekdote erinnern. In einem Interview sagte Balthasar, er habe sich für Goethe und Karl Rahner SJ für Kant entschieden. Also Balthasar ist zuerst Germanist und nicht Philosoph. Kant bedeutet eine Transzendentalphilosophie, die versucht, die subjektiven Voraussetzungen der Erkenntnis zu erforschen.  Goethe bedeutet die Wahrnehmung der Gestalt, sprich eines Subjektes, der nicht daran interessiert ist, zuerst zu wissen welche Bedingungen erlauben es, ihn zu kennen, sondern der sich sofort in einer Beziehung zu einer ihn anziehenden Gestalt befindet.

Und dennoch misst Balthasar der Philosophie eine große Bedeutung zu, indem er in der Einführung zum ersten Band der Theologik sagt, dass es ohne Philosophie keine Theologie geben kann. Wieso? Weil eine theologische Wahrheit, die nicht mit der Wahrheit der Welt zu tun hat, einfach abstrakt und irrelevant ist.

Zurück zu Ihrer Frage. Balthasar selbst zitierte Erich Przywara SJ und sagte, er habe nichts Philosophisches geschrieben, was nicht von diesem großen und ziemlich unbekannten polnischen Philosophen beeinflusst gewesen wäre. Es geht um Analogia entis. Analogie bedeutet „Ähnlichkeit“, aber zugleich noch mehr „Unähnlichkeit“ zwischen der Wahrheit der Welt und der göttlichen Wahrheit. Sie ist die katholische Antwort auf die moderne Philosophie. Dazu zählen Hegel, der ausgehend von einer „Identität“ denkt und die kalvinistische Theologie des jungen Barths, die ausgehend von einem „Ganz Anderen“ denkt. Diese Analogie ist auch der Ausdruck einer letzten Polarität im endlichen Sein selbst, nämlich der Polarität zwischen dem Sein und dem Seienden. Eine Polarität, die (um mit Romano Guardini zu sprechen), Gegensätze im Sein, die dennoch nicht als Widersprüche gelten, aufwertet. Bloße Aufwertung bedeutet aber noch lange nicht, dass er hier ein Problem sieht.

Am Ende der zwei philosophischen Bänden von Herrlichkeit III/2 zitiert Balthasar Ferdinand Ulrich, den ich hier erwähnen möchte, weil perspektivisch mir die Verbindung dieser zwei  „Brüder im Geist“ als sehr fruchtbar für die Kirche und für die Universität vorkommt. Irgendwo hat Balthasar von ihm geschrieben: „Ulrichs Philosophie hat mit allen schöpferischen Leistungen dies gemeint, dass sie in untrennbarer Einheit mit allen großen Intuitionen Aug in Aug steht: Sie spricht ebenso unmittelbar mit Thomas wie mit Schelling und Hegel, wie mit Heidegger. Sie hat zudem vor allen mir bekannten ontologischen Einwürfen dies voraus, dass sie Aug in Aug zu den innersten Mysterien der christlichen Offenbarung steht, sie öffnet, ohne den streng-philosophischen Raum zu verlassen, und damit den heillosen Dualismus zwischen Philosophie und Theologie glücklicher als vielleicht je bisher überwindet“.

So, dass der heillose Dualismus zwischen Theologie und Philosophie eben überwunden wird.  Das größte Mysterium der christlichen Offenbarung ist Gott selbst als „Gratis Liebe“. Eine Liebe, die sich nicht aufgrund einer „Bedingung“ offenbart, auch wenn sie eine „Notwendigkeit“ entfaltet.

Gott hat uns als erster geliebt, das ist die Bedingungslosigkeit seiner Liebe. Die Notwendigkeit der Liebe selbst, die die deutsche Sprache wunderbar offenlegt. Die Not des Menschen kann nur „gewendet“ werden, indem seine Liebe auf die Liebe antwortet. Die Liebe ist tatsächlich gratis geschenkt, aber nur in einer liebenden Antwort offenbart sie ihren „not-wendigen Seinsinn“ (Ulrich). Angesicht dieses Mysteriums ist die Philosophie nur die „Magd“, die zur Verfügung steht, um der Welt, die heutzutage in einem tiefen Nihilismus steckt, eine befreiende Antwort zu geben. Das Nichts des Nihilismus wird nicht mit einer absoluten Gnosis überwunden (auch nicht mit einer absoluten Theologie), sondern mit der Entdeckung von dem, was Ferdinand Ulrich, „die selbige Verwendung von Sein und Nichts“ nennt. Es gibt ein Nichts, der sich nicht „extern“ zum Nichts des Nihilismus verhält, sondern von innen her es beleuchtet – gerade das ist das „Nichts“ der Liebe, die eben gratis und frustra ist. Wenn ich bereit bin jemand zu lieben, dann geschieht das gratis, aber auch in der Annahme der Möglichkeit eines Nicht-Erfolgs, sprich frustra (umsonst). Das Wort Umsonst ist auch ein wunderbares Wort, das beide Dimensionen erhellt: „gratis“ und „vergebend“. Dieses Verständnis, das streng philosophisch gedacht wird, offenbart uns, dass das Sein tatsächlich Liebe ist. Und nur die Liebe ist glaubwürdig, nur die Gratis Liebe kann das Nichts des Seins überwinden.

Nein! Weil Gott selbst „interior intimo meo“ (Augustinus ) ist. Die Philosophie hat Mühe mit einem Deus ex machina, nicht mit dem Gott der Liebe. Der größte ontologische Gegensatz (nicht Widerspruch betone ich nochmals) ist derjenige zwischen dem Sein als Gabe und der gegebenen Substanz. Thomas sagt, dass das endliche Sein „simplex et completum, sed non subistens“ ist. Als Akt subsistiert das Sein nicht, die Substanzen subsistieren: eine Pflanze, eine Blume, ein Tier oder ein Mensch. Und dennoch ohne die Gabe des Seins gäbe es gar nichts von dem. Das Staunen, um das älteste Thema der Philosophie zu nennen, erfahren wir vor den Substanzen, da sie etwas offenbaren, das nicht nur „etwas“ ist, sondern ein Ausdruck der Gratis Liebe, die sich uns gibt. Wenn es aber eine Liebe gibt, dann ist es auch ein Geber notwendig. Die Philosophie braucht Gott, um die eigene elementare Erfahrung des Staunens zu retten. Neulich hat mir eine Schülerin der 10. Klasse gefragt, ob ich mich nicht dadurch widersprechen würde, da ich am Anfang meines Philosophiekurses gesagt hatte, dass die Philosophie allergisch ist gegenüber jeglicher Form von konfessionellen Proselytismus. Ich habe ihr geantwortet: Nein, weil Proselytismus zeugt eben von einem „Deus ex machina“, während hier Gott als Geber des Seins umsonst einen inneren Bedürfnis der Philosophie entspricht: der Rettung des Staunens, das etwas gibt statt lieber nichts. Das ist auch das Thema Balthasars am Ende des schon zitierten Bandes „Im Raum der Metaphysik“ (Herrlichkeit III,2). 

Ja, freilich. Balthasar hat bis zu seinem Lebensende den großen deutschen Philosoph Schelling gelesen. Massimo Borghesi, ein italienischer Philosoph, hat gezeigt, dass Papst Franziskus einen sehr starken philosophischen Hintergrund hat, zuerst in einem echten Bedürfnis nach einer offenen Philosophie, die den primären Auftrag hat, dass Gegensätze nicht in Widersprüchen enden – eine Philosophie, die keine geschlossene Bevorzugung eines Aspektes des Problems gegen einen anderen ist. Zum Beispiel Globalisierung und nationale Identität können als Widerspruch gesehen werden, aber können auch als fruchtbare Gegensätze, die die Wirklichkeit in der Gesamtheit ihrer Faktoren erhellen. Zu den Quellen des Heiligen Vaters zählen der große italienisch-deutsche Denker, Romano Guardini, aber auch eben Hans Urs von Balthasar, der mit seiner theologischen Ästhetik gezeugt hat, dass die Schönheit der Gestalt nicht von einem geschlossenen System wahrgenommen werden kann. Daher sehe ich auch seine Entscheidung für Goethe, der „Gegensätze“ als „Wahlverwandtschaften“ gesehen hat, nicht als Problem.

Ja, auf jeden Fall! In einer Welt, die – um das mit Charles Peguy auszudrücken – „nach Jesus und ohne Jesus ist“, werden wir uns theologisch in fruchtbarer Weise nur ausdrucken können, wenn die Menschen hören und spüren werden, dass wir sie nicht für unsere katholische „Partei“ gewinnen wollen, sondern dass es uns darum geht, was der Mensch am meistens braucht, um eine liebende Annahme seiner selbst und der ganzen Natur als unseres „gemeinsamen Hauses“ (wie Papst Franziskus in der „Laudato si’ sagt). Die Philosophie als „Auswortung“ eines letzten Staunens, das etwas gibt als lieber nichts, ist hier wie Maria, die „Magd des Herrn“, deren trinitarisches Geheimnis die Theologie ihrerseits „ausworten“ möchte. „Er, der in göttlicher Gestalt war, hielt es nicht für einen Raub, Gott gleich zu sein, sondern entäußert sich selbst und nahm Knechtgestalt an, ward den Menschen gleich und der Erscheinung nach als Mensch erkannt. Er erniedrigte sich selbst und war gehorsam bis zum Tode, ja zum Tode am Kreuz. Darum hat ihn Gott erhöht und hat ihm den Namen gegeben, der über allen Namen ist…“ (Phil 2,6-9). Dieses Mysterium kann philosophisch nicht antizipiert werden, aber man kann ihm „dienen“, so wie Maria dies getan hat, ohne Servilismus, sogar „cum grande animo y liberalidad“ (Ignatius), wie eben Maria tat: „was er euch sagt, das tut“ (Joh 2, 5). Was tut er? Er leuchtet gratis, umsonst für die Rettung der Welt und unserer Seele! Man sieht wie zwischen der Ontologie des Seins als Gabe und Theologie des „discensus“ (er entäußert sich…) eine echte „Analogie“ waltet!

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Die Welt, das Jenseits und die große Sehnsucht

von Pater Prof. Dr. Werner Löser SJ

Der Mensch nimmt sich selbst dann wahr, wenn er von außen mit Liebe und Zuneigung angesprochen wird, wenn ihm die Liebe gezeigt wird – eine Sehnsucht, die im Letzten nur Gott erfüllen kann… Es ist der Anfang im Menschen, der Augustinus hat formulieren lassen: „Auf dich hin, o Gott, sind wir geschaffen und unruhig ist unser Herz, bis es ruht in dir“.

Wer sucht aber wen? Gibt es einen uns suchenden Gott? Oder projiziert der Mensch seine Sehnsüchte auf ein absolutes Sein? 

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Ein zerissenes Ganzes?

von P. Prof. Dr. Werner Löser SJ

Was ist der Mensch? Oder wer? Die Philosophen haben sich diese Frage oft genug gestellt – und wurden mit der Antwort nicht fertig.

Heute hat man den Eindruck, dass das christliche Menschenbild kaum eine Entsprechung in der Realität hat. Balthasar hat behauptet,  das Ganze der Gott-Mensch-Welt-Wirklichkeit ist Kosmos, hat Gestalt, ist Einheit – dies alles aber nur als Geschichte, als Miteinander von unendlicher und endlicher Freiheit… Ist es heute noch nachvollziehbar?