Knieend bei meiner ersten Heiligen Messe

Von Gastautor Tasman Westbury

Im Namen Jesu sollte sich jedes Knie beugen, von denen, die im Himmel, auf Erden und unter der Erde sind. – Philipper 2:10

Als ich mich hinkniete…

Ich bin in einer Freikirche aufgewachsen, habe aber nie wirklich eine ihrer Lehren verstanden und verbrachte mehrere Jahre als Atheist, bevor eine Reihe von Ereignissen und Zeichen mich zu dem Schluss führten, dass es eine höhere, geistliche Kraft gibt, die ich schließlich als Gott annahm. In der Osternacht wurde ich dank der göttlichen Vorsehung in die Katholische Kirche aufgenommen.

Als ich zum ersten Mal in eine katholische Heilige Messe ging, fiel mir deutlich auf, dass alle sich zur Eucharistie hinknieten. Das was mich auch zum Knien ermutigte, war, dass in der Bibel geschrieben steht: “Demütigt euch also unter der mächtigen Hand Gottes, damit Er euch zu gegebener Zeit verherrlichen kann”. (1. Petrus 5,6)

Wenn du etwas in dir fühlst, solltest du auch in der Lage sein, das in einer Geste auszudrücken. Die Geste soll eine klare und präzise Darstellung deines Glaubens sein. Demut drückt sich nicht in großen, lauten Gesten aus. Demut ist ruhig und klein in der physischen Erscheinung. Es geht nicht darum, Aufmerksamkeit oder Zustimmung zu suchen, sondern um den Verzicht auf sich selbst in einem bestimmten Moment, zum Wohle eines anderen.

Das bedeuten “knien” für mich

Knieen ist eine Geste, sich angesichts der Gegenwart Gottes ruhig und klein zu machen, sich in der Gegenwart Gottes klein zu fühlen, damit wir erkennen, dass wir wie Gras sind, das hier an einem Tag wächst und am nächsten verschwunden ist (vgl. Psalm 103,15-16; 1 Petrus 1,24). Objektiv können wir mit dem Niederknien demütig ausdrücken, dass wir unseren Wert mindern: “Wir sind absolut nichts”. Aber gleichzeitig sind wir so besonders und von großem Wert für Gott, der uns nach Seinem Ebenbild und Gleichnis erschaffen hat, der für jeden von uns gelitten und gestorben ist, damit wir an seinem göttlichen Leben der Liebe teilhaben können.

Knien kommt nicht aus irgendeiner Kultur – es kommt aus der Bibel und ihrer Kenntnis von Gott. Die zentrale Bedeutung des Kniens in der Bibel ist sehr konkret zu erkennen. Allein das Wort proskynein kommt im Neuen Testament neunundfünfzigmal vor, davon vierundzwanzigmal in der Apokalypse, dem Buch der himmlischen Liturgie, das der Kirche als Maßstab für ihre eigene Liturgie präsentiert wird. (vgl. Ratzinger, Geist der Liturgie)

Keine Theologie ohne Gott

Ich wünsche Euch allen, dass ihr die Bedeutung des Kniens neu lernt und erkennt, denn wer knien kann, erkennt am besten Gottes Größe und Macht. Seine Größe und Macht ermöglichen überhaupt das theologische Schaffen des Menschen. Wenn wir die Größe Gottes nicht mehr vor Augen haben, haben wir das Zentrum unseres theologischen Schaffens bereits verloren, aus dem alles andere entspringen soll. Wir betreiben eine Selbstvergöttlichung auf Kosten Gottes statt einer wirklichen Theologie, in der es um Gott geht.

 

Tasman Westbury ist neu in der katholischen Kirche, erkundet derzeit die Schatzkammer der Kirche, die sich im Gebetsleben befindet.

Der Artikel entstand in Mitarbeit mit Ignitum Today.

Ist ein kniender Theologe ein Mystiker?

Wir wollen heute in die Mystik von Balthasar hineinschauen. Ich glaube, er ist ein der wenigen Theologen, der so unmittelbar auf die übernatürlichen Quellen verweist. Aber war er auch selber ein Mystiker? Dazu wurde Roberto Graziotto von Sr. M. Gabriela Wozniak SAS befragt. 

Wenn Sie an Hans Urs von Balthasar denken: War er ein Theologe, von dem man sagen kann, dass seine Theologie mystisch sei?

Die Frage, die zu hier zunächst zu beantworten ist, ist: Was bedeutet „mystisch“? Karl Rahner SJ, auch ein großer deutschsprachiger Theologe, mit dem Balthasar in Cordula polemisiert hat (bezüglich der Frage, ob es ein anonymes Christentum überhaupt geben kann), sagte, dass das Christentum in der Zukunft mystisch wird oder es nicht mehr existieren wird. Ich verstehe diesen Satz so, dass wenn das Christentum sich nur als eine Wiederholung versteht von dem, was im Katechismus zu lesen ist, wird es überhaupt nicht bestehen können in einer Welt, die ganz anders denkt und spürt.  Wir müssen keine Lehre „wiederholen“, sondern sie existentiell erfahren und verinnerlichen. In seinen „Letzten Gesprächen“ behauptet Benedikt XVI, dass Balthasar, der genialste Theologe gewesen sei, dem er begegnet ist, ein Mystiker. Ich glaube, dass es hier nicht um etwas Kurioses geht, sondern um eine innerliche Vertiefung und Erfahrung der christlichen Wahrheiten, insbesondere dessen, dass Gott die Liebe ist.

Wer war für ihn Adrienne von Speyr?

An einer Tagung, die im November 2017 in Vatikan stattgefunden hat, hat Pater Jacques Servais SJ, einer der größten Kenner sowohl Adriennes wie auch von Balthasars, behauptet, Adrienne sei der „Polarstern“ Balthasars gewesen. Also jemand, der ihn mit ihrem ganzen Leben auf Christus, die zweite Person der Dreifaltigkeit, verwiesen hat. Balthasar sagte in einer seiner letzten Schriften, dass sein Werk und das Werk Adriennes weder „philologisch noch psychologisch“ zu trennen seien. Es handelt sich um eine gemeinsame Sendung, die – wie alle Sendungen – nur als von Gott gewollt zu verstehen ist und die sich zuerst als Gründung einer Gemeinschaft (Adrienne sprach von dieser Gemeinschaft als „Kind“) und dann als theologische Erörterung verwirklicht hat. Adrienne ist zweifelsohne eine Mystikerin, auch im engen Sinne des Wortes, jemand, dem der Himmel offen ist, wie in Balthasars Erster Blick auf Adrienne von Speyr zu lesen ist. Adrienne wollte jedoch nicht als eine Zirkusattraktion verstanden werden. Sie hat sich auch ein bisschen geschämt für die Wunder, die durch sie, geschahen. Zweifelsohne war jedoch ihr der Himmel jahrzehntelang offen; nicht nur heute in Medjugorje, auch damals in Basel oder wo sich eben Adrienne befand, haben sich jahrelang Erscheinungen etwa Marias oder des Hl. Ignatius (der Adrienne und Hans Urs SPN nannten: sanctus pater noster) ereignet. Was ist aber das Wesentliche dabei? Das Wesentliche war, dass zwei Menschen, eine Ärztin und ein Theologe, sich als Instrumente der göttlichen Liebe verstanden haben, sich haben verwenden lassen. Dass sie ganz offen waren für das was Gott wollte; und Gott wollte etwas ganz Wichtiges: jemand der bereit war, um so zu sagen, ihn in seinen descensus ad inferos zu begleiten. Wir erwarten vielleicht Erfolg für unsere Bereitschaft, Christ zu sein, aber wer ist bereit, die Gratis Liebe, die Gott ist, dort zu folgen und zu begleiten, wo es dunkel wird, wo die Ungerechtigkeit und die Brutalität der Sünde konzentriert anwesend sind: in die Hölle?

Solchen Sendungen gegenüber kommt die Kirche mit ihrer Anerkennung immer zu spät, aber es ist nicht schlimm. Hauptsache ist, dass eine dankbare Anerkennung stattfindet, da die Kirche die Zeit braucht, um sich mit der Sache auseinanderzusetzen und sie authentisch zu überprüfen.

Kann man also seine Theologie zusammen mit der Adriennes setzen? Verschwindet dann sein Ansatz nicht? Oder es ist „nur“ als Ausdeutung der Mystik Adriennes zu verstehen?

Welcher wäre dann der Ansatz Balthasars? Ganz jung in seiner Apokalypse der deutschen Seele, die vor der Begegnung mit Adrienne geschrieben worden ist, versucht Balthasar die deutsche Seele „beichten“ zu lassen, indem er sie angesichts Christi gestellt hat. Was besteht von Drang dieser Seele angesichts Christi? So könnte man die Bände zusammenfassen. Die Begegnung mit Adrienne bedeutet für Balthasar auch eine Menge Arbeit, da fast alle Bücher Adriennes Diktaten waren, die Balthasar stenographiert hat und dann als Bücher herausgegeben hat. Die Fertigstellung dieser Bände war ihm wichtiger als seine Trilogie (Herrlichkeit, Theodramtik und Theologik), in denen der reife Balthasar versucht, aufgrund der Transzendentalien des Schönen, des Guten (Freiheit) und des Wahren, die gesamte metaphysische europäische Tradition (Literatur, Philosophie und Theologie) „beichten“ zu lassen: Was besteht in der europäischen kulturellen Geschichte angesichts des konkreten und universalen Logos, der Christus ist? Die Werke Adriennes sind grundsätzlich Kommentare der Bibel, die „Auswortung“ des konkreten universellen Logos. Der Logos („das Wort“, wie Luther übersetzt) ist nicht die Bibel, der Logos ist Christus selbst.  Und was tut Christus? Auf dem Kreuz beichtet er die gesamte Sünde der Welt, um in der Auferstehung eine „überraschende“ Absolution zu bekommen! Mir scheint, dass in dieser Idee der „Beichte“ der Schlüssel zu finden ist, der das Gesamtwerk der Beiden öffnet, ohne die einzelnen Werke „gleichzumachen“ – womöglich, wie in dem schon zitierten römischen Symposion gesagt worden ist, werden einige Leser Balthasars Adrienne nicht verstehen können (Benedikt XVI gehört hierzu, der freilich versteht was er von ihr liest, aber der keinen fruchtbaren Zugang zu Adrienne gefunden hat) und einige Leser Adriennes werden Balthasar nicht verstehen (etwa die Frauen, die sich in San Francisco regelmäßig getroffen haben um Adrienne zu lesen). Es ist auch gut so! Und dennoch willentlich die zwei trennen zu wollen, entspricht nicht der Sinn dieser gemeinsamen Sendung.

Gab es andere Einflüsse aus dem „übernatürlichen“ Bereich, die seine Theologie, geprägt haben?

Wie schon Pater Henri de Lubac SJ sagte, haben wir bei Balthasar mit dem „vielleicht gebildetsten Menschen des zwanzigsten Jahrhunderts“ zu tun. Nirgends findet sich „das Beste“ in dieser Fülle präsent, wie im Werk Balthasars. Auch im Bereich der Geschichte der Mystik (unzähligen Frauen sind in seinem Werk zitiert worden), der europäischen theologischen Tradition… Er dirigiert ein gigantisches Orchester und die Einflüsse kommen hinzu von überall her, besonders von den Mystikerinnen wie z.B. Juliane von Norwich, die das Thema der „Hoffnung für alle“ „erfahren“ hat. Gerade weil die ganze Sünde von Christus „gebeichtet“ worden ist, dürfen wir eine vernünftig für alle Menschen auf Erlösung hoffen. Die Hoffnung der Rettung aller hat freilich mit einem Wissen, wie es ihm vorgeworfen worden ist, gar nichts zu tun. Eine solche Gnosis, ein solches Wissen würde die Freiheit der Menschen überspringen.

Was kann das für die Theologie heute bedeuten?

Ich würde nicht so sehr den „übernatürlichen“ Spuren nachgehen, auch wenn in der Wirklichkeit in der Übernatur der Kirche viel Trost gespendet worden ist. Ich würde eher sagen, dass Adrienne und Hans Urs uns eine Theologie als Erbe hinterlassen haben, die immer wieder in die Knie geht. Eine Theologie, die Gebet und Wissenschaft verbindet. Man wird nie im Herzen dieser Sendung reinkommen ohne eine Haltung des Gebetes. Wie bei Papst Franziskus, der die kleine Therese verehrt, geht es bei ihnen auch nicht nur und nicht primär um viel Wissen, sondern um ein „sentire cum ecclesia“, und das „Sentire“ stammt nicht von der Gnosis, sondern von einer demütigen Haltung des Gebetes. Das ist wohl die Mystik, die wir brauchen als Erfahrung und als Gebet.

Theologie bei der Krippe

Ist die Weihnachtsnacht das nächste Jahr spurlos an uns vorbeigegangen? Das Knien vor dem Jesuskind endete wieder mit zügigem Weiterlauf? Oder können wir etwas Dauerhaftes in unser theologisches Schaffen mitnehmen?

Eine Weihnachtsmeditation zu Lk 2,15-20 von Pater Winfried M. Wermter CO

 

Teile es!

Die Hirten sind mit etwas Neugierde, aber auch im Vertrauen auf ihren gesunden Menschenverstand und eingebettet in ihren traditionellen Glauben Israels unterwegs nach Betlehem. Für sie war die Erscheinung der Engel nicht allzu wirklichkeitsfremd. So etwas war im allgemeinen Verständnis vorhanden – eigentlich etwas Normales in der Geschichte Israels. Nun, sie gehen und schauen, was los ist. Und sie finden alles so, wie es gesagt worden war. Also sie sind fest überzeugt und berichten im Stall (oder in der Grotte), und sie erzählen überall dort weiter, wo sie sonst noch jemand antreffen. Sie werden ihr Leben lang berichtet haben. Dann kehrten sie zurück zu ihren Herden und dort sind sie auch geblieben. Wohl waren sie gespannt: Was wird wohl einmal aus all dem werden?

Maria aber!

„Maria aber“  – so lesen wir weiter –  (und das ist hier ein ganz wichtiges Aber!) – für Maria ist der Bericht der Hirten doch mehr, viel mehr. Sie weiß schon etwas von den neuen Plänen Gottes, aber sie übereilt nichts. Sie denkt weiter und weiter nach. Denn Maria ist zunächst die große Denkerin. Wenn wir jetzt ein Stückchen zur die Erscheinung des Engels mit der frohen Botschaft zurückblenden dürfen – was deutet sich da schon an? Da kommt doch das Wesen der Theologie zum Vorschein! Hans Urs von Balthasar betont diese drei Schwerpunkte: Theologie  geht hervor aus dem Staunen, ist untrennbar vom Leben und vollendet sich auf Knien, also in der Anbetung. Das ist Theologie – ein wunderschöner Dreiklang aus der Symphonie des Himmels!

Und genau das ist schon sichtbar bei der Verkündigung. Maria erstaunt bis hin zum Erschrecken. Es ist ein gewaltiges Erstaunen bei der Begegnung mit dem Boten Gottes. Aber sie verliert nicht den Kopf, sondern sie denkt nach. Sie  grübelt jedoch nicht in einem Elfenbeinturm abstrakter Überlegungen, sondern möchte verstehen, was die Botschaft zunächst einmal für sie persönlich bedeutet. Sie integriert die Ankündigung in ihr Leben, indem sie die Pläne Gottes zu ihren eigenen macht, aber nicht, um Gottes Pläne zu ändern. Sie steht zu Verfügung für das, was Gott will. Und dann fehlt auch nicht das Knien, das hier nicht physisch zu verstehen ist, sondern als Ausdruck der Hingabe deutlich wird: „Siehe, ich bin die Magd des Herrn.“  Das ist das vollendete Knien, das voll Ja auch über das eigene Verstehen hinaus. Denn bei allem Nachdenken über die Pläne Gottes bleibt doch mehr offen als im Moment verstanden werden kann. Und Maria gibt ihr trotzdem ihre volle Zustimmung auch zu den noch dunklen Plänen Gottes. Das ist Theologie: Maria, die bis zum Erschrecken staunt, aber nicht den Kopf verliert, sondern nachdenkt, das, was von Gott kommt, in ihr Leben und sich selber in die Pläne Gottes integriert, und schließlich auch noch dem zustimmt, was weiter dunkel bleibt und noch weiter zu entdecken ist.

Theologie des Herzens

Auch heute hören wir bei der Begegnung mit den Hirten wieder dieses „Maria denkt nach“. Das ist die Fortsetzung der „Theologie” Mariens: Sie „bewahrte alles, was geschehen war, in ihrem Herzen.“  Also nicht nur im Verstand, sondern im Herzen ist – nach biblischem Verständnis – das ganze Leben mit einbezogen. Sie denkt darüber nach, und richtet sich weiter danach aus, lässt sich weiter überraschen. (…)

Jetzt sind auch wir eingeladen zu staunen, Weihnachten in unser Leben zu integrieren und uns in die gesamte Fortsetzung der Inkarnation. Vollendet wird dann diese Anteilnahme an der Menschwerdung, durch das „Venite adoremus“, das wir nicht nur in unseren Weihnachtliedern anklingen lassen wollen, sondern auch durch unser ganzes Leben einlösen wollen.

Theologie? Wer spricht da?

Teile es!

Die Geschichte der Theologie ist eine Geschichte der Diskussion. Jedes Dogma, jede Äußerung des Amtes in der Kirche ist eine Frucht langer Diskussion, manchmal heftiger Auseinandersetzung. Balthasar hat diese Kultur des Gesprächs gelebt. Sein Werk ist ein Gespräch.

von Pater Werner Löser SJ und Sr. M.Gabriela Wozniak SAS

Symphonie heißt Zusammenklang. Es klingt. Verschiedenes kling. Das Verschiedene klingt ineinander. (Hans Urs von Balthasar)

Orchester meint Menschen

Das Bild der Orchester meint die Menschengemeinschaft in ihrer unübersehbaren Vielfalt, in der aber doch auch eine verborgene Ordnung waltet, die sich freilich im Wesentlichen erst herstellen muss, bis dass sie am Ende der Tage durch die siegreiche Gnade Gottes aufstrahlt. Dass dies geschieht, darf erhofft werden. Die vielen Stimmen klingen schon. Ihre Träger sind die Menschen, unter ihnen die Christen. Zu einem Zusammenklingen kommt es nur, wenn alle aufeinander achten. Das verweist auf die Aufmerksamkeit im Gespräch miteinander. Einigen sind besonders wichtige Stimmen anvertraut. Aus ihnen ist das Woher und Wohin des Stückes besonders deutlich vernehmbar. Dies alles ist ein Bild für das Gespräch, in dem die Partner einander mitteilen. Von Balthasar hat sich immer als ein Partner im großen Weltgespräch verstanden. Er achtete auf die Stimmen, die größere oder kleinere Fragmendte der Wahrheit über den Glauben und die Hoffnung zu Gehör zu bringen berufen waren. Auf sehr viele Stimmen hat er gelauscht: die Stimmen der Heiligen, die Stimmen der Dichter und Maler und Musiker, die Stimmen der Philosophen, die Stimmen der Theologen. Im Gespräch übernahm er Einsichten anderer, im Gespräch übte er aber auch das Unterscheiden der Geister. Maßstab war dabei die Wahrheit, letztlich die Wahrheit, wie sie sich im Worte Gottes offenbart und ihm gezeigt hat.

Ständig im Gespräch

Der Kreis der Gesprächspartner von Balthasars war groß. Man fragt sich, wie es überhaupt möglich war, dass ein Mensch mit so vielen anderen das Gespräch suchen und aufnehmen konnte – in der Literatur: Homer, Aischulos, Sophokles, Euripides, Vergil, später Cervantes, Dante, Goethe, Claudel, Brecht und viele andere; in der Malerei: Dürer, Rouault, Hegenbarth, Fronius und andere; in der Musik: vor allem J.S. Bach, Mozart; in der Philosophie: Platon, Plotin, Hegel, Blondel, Nietzsche, Heidegger und sehr viele andere; in der Theologie: Irenäus, Origenes, Augustinus, Gregor von Nyssa, Maximus, Thomas von Aquin, Bonaventura, de Lubac, Karl Barth und viele, viele andere; aus der Welt der Heiligen: Ignatius von Loyola, Therese von Lisieux, um nur die wichtigsten zu nennen. Zwischen ihnen allen stellt sich ein Zusammenhang ein. Stets soll dabei der Splitter des Denkens von Balthasars erkennbar werden, der sich mit den anderen auf eine Mitte hin ordnen lässt: den Grund der Hoffnung in Gottes Liebe.

Sprechen wir noch?

Man fragt sich heute: Mit wem spricht die Theologie? Eine oft wiederholte Meinung besagt: Die Theologen beantworten Fragen, die niemand stellt. Das mag natürlich sein. Daran merken wir, wie heute in der Theologie gesprochen wird: Aneinander aber nicht zueinander. Wir fliehen in die Gewohnheit der pauschalen Fragen, beschäftigen uns mit dem Zeitgeist oder suchen Dialog mit irgendjemand, der uns zustimmt. Balthasar suchte eine Symphonie mit der einen Mitte des Kreuzes. Was suchen wir? Haben wir noch den Mut, in die Tiefe zu gehen, zu reflektieren, wieder symphonisch zu denken? Der Geist Gottes ist kreativ und kommunikativ. Vielleicht ist die vorweihnachtliche Besinnung eine gute Gelegenheit, wieder in Dialog zu treten um die Schönheit des Geheimnisses der Menschwerdung wieder heller aufkommen zu lassen.

Vom Geistsubjekt zur Person

Prof. Dr. Hermann Stinglhammer von der Universität Passau hielt den Vortrag am 4. Oktober 2018 zum Jahresgedenken der Hans Urs von Balthasar-Gesellschaft in Luzern.  Der ganze Vortrag ist als PDF zum Herunterladen, unten einige Gedanken daraus:

 

Theologisch heilig

Wenn es ein Diktum Hans Urs von Balthasars gibt, das wie ein Leuchtturm aus dem weiten Meer seiner Publikationen herausragt, so ist vielleicht jenes Wort aus seinem Aufsatz „Theologie und Heiligkeit“ aus dem Jahre 1948 (jetzt in Verbum Caro 31990, 195-225). Bekanntlich markiert und beklagt Balthasar dort die mittlerweile sprichwörtlich gewordene Entzweiung zwischen einer „knienden und einer sitzenden Theologie“ (vgl. a.a.O. 224). Es ist die Trennung, dessen, was früher integrale Theologie gewesen ist: die Einheit von Glaubenseinsicht und Glaubensexistenz im Gehorsam gegenüber der lebendigen göttlichen Offenbarung im Raum der Kirche. Eine Trennung des Zusammengehörenden, die darum Glauben und Theologie gleichermaßen zum Schaden gereicht: „Die nun ‚wissenschaftliche‘ Theologie wird gebetsfremder und damit unerfahrener im Ton, mit dem man über das Heilige reden soll, während die ‚erbauliche‘ Theologie durch Inhaltslosigkeit nicht selten falscher Salbung verfällt.“ (ebd.). Balthasar lässt in seinem Aufsatz (und seinem ganzen Werk) den langen Zug all jener heiligen Männer und Frauen vorüberziehen, die aus der Heiligkeit ihrer Existenz heraus zu eigentlichen Theologen und Theologinnen geworden sind. All jene, die vielleicht nicht akademisch im heutigen Sinn waren, aber authentisch treffend im Ton eingefangen, weil verstanden haben, was das Herz ihres lebendigen Glaubens im Schwingungsraum der Catholica erspürt und erblickt hat. Es ist gerade diese Zweieinheit von Theologie und Heiligkeit, die Balthasar den Theologen immer neu ins Gedächtnis ruft und die eine seiner Fundamentaloptionen bildet. Wenn es nicht überhaupt die letzte Grundlage für sein Wirken in Theologie und geistlichem Exerzitium gebildet hat, die sein Lebenswerk zusammen mit Adrienne von Speyr durchzieht. Denn darum geht es ihm zusammen mit ihr: Leben mit Gott und von Gott her, um so in der Welt ein Gott angemessenes Zeugnis geben zu können, als Auslegung jener Wahrheit, die aus dem Zentrum der Offenbarung kommt. Denn nur von diesem Zentrum her findet nach Balthasars Überzeugung jene Theologie in ihre lebendige Mitte, die sie mehr sein lässt als ein reines begriffliches Wissen. Eben, weil sie aus einem vertrauten Umgang, einem Er-Kennen Gottes erwächst und so das Gefühl für die rechten Proportionen gläubiger Zeugnisgabe schenkt. Kurz: Theologie wird wahrheitsfähig aus ihrer Gottesbeziehung heraus. (Vgl. dazu Balthasars kleine Schrift: Kennt uns Jesus, kennen wir ihn?). Es ist diese Einheit von Glaube und Theologie als Nachdenken jener Glaubenspraxis, auf die uns Hans Urs von Balthasar immer verweist, „da der erfüllte Begriff der Wahrheit, den das Evangelium darbietet, gerade in dieser lebendigen Darstellung der Theologie in der Praxis, des Wissens im Tun besteht.“ >Wenn ihr mein Wort haltet… dann werdet ihr die Wahrheit erkennen…< (Joh 8,32).“ (a.a.O.195) So geht es Balthasar im theologischen Denken um ein „Verifizieren“ (vgl. a.a.O. 196) und Bewähren der Offenbarungswahrheit durch die eigene Existenz, die – für Balthasar selbstverständlich – eingebettet ist in den Raum der lebendigen Tradition der Kirche, deren Authentizität und Souveränität allererst ermöglicht, dass der Zeuge mit „Vollmacht“ sprechen kann. Allein aus dieser ekklesiologischen Fundamentalbestimmung heraus ergibt sich für Balthasar erst jene Theologie, die aus ihrem theologischen Wahrheitsraum heraus in das Gespräch mit der Philosophie eintreten kann und muss. Nicht, um sich so mit fremden Wissen anzureichern und einen Mangel auszugleichen, sondern im Lichtkegel der göttlichen Offenbarung die Verschattungen des philosophischen Denkens aufzudecken, ihre Wahr-nehmungen im Licht des Glaubens in die volle Vernunft zu heben. Denn, so die tiefe Überzeugung Balthasars, auch das menschheitliche philosophische Denken ist und bleibt Denken von Gott her und auf Gott hin. Und darum ist es auch in seinen prekären Gestalten erlösungsfähig, Licht, das erst im Licht der Offenbarung wahrhaft hell wird – „in deinem Licht sehen wir das Licht“ (Ps 36,9). Wie im Denkraum des lebendigen Glaubens sich der Blick auf den Menschen in seiner Welt schärft und darin seine Konturen neu zur Geltung bringt, möchte ich nun im Folgenden entlang Balthasars Erörterung um den theologischen Begriff der Person in Absetzung vom Konzept des menschlichen Geistsubjektes aufzeigen. Wir können dabei sehen, dass genau an diesem Sachverhalt dasNachdenken der Gotteserfahrung ihren Ausschlag findet.

Personen des Spiels

Im 2. Band der Theodramatik (TD) unter der Überschrift „Die Personen des Spiels“, der also die Spielräume für die Handlung des Menschen im Theodrama umkreist, ging es um die Frage nach der Identität eines menschlichen Ich im Raum des Miteinanders, in dem jeder von uns verschiedensten Rollen einzunehmen hat. Eine Rolle aber ist noch nicht die Person. Diese, so resümiert Balthasar, wird erst dort möglich, wo sie sich in einer einzigartigen Weise von Gott her den Menschen zuspielt als seine eigene, unveräußerliche Sendung, die unvertretbar nur er selbst vollbringen kann – und kein anderer sonst. Im Geist des Herrn wird der Mensch so zu jener Freiheit ermächtigt, die ihm aus dem Grund und Ziel seiner eigenen Existenz in Gott zuwächst. Erst im reinen Annehmen dieser Sendung wächst ihm jene lebendige Kenntnis zu, in der sich die Logik Gottes entbirgt als die Wahrheit, in der der Mensch zu sich selbst begabt wird.

Geist und Person

Entlang welcher Einsichten bestimmt Balthasar nun seine Unterscheidung von Geistsubjekt und Person? Diese erscheint ja durchaus fremd. Denn wir sind es gewohnt, von jedem Menschen die Würde seiner Person zu bekennen und diese in unseren säkularen Gesellschaftsverfassungen mit philosophischen Gründen zu reklamieren. Was also veranlasst Balthasar zu einer derartigen Ge-zweiung? Sein Motiv ist ein durch und durch theologisches. Balthasar erinnert am Beginn seiner Denkbewegung eindringlich daran, dass der Personbegriff theologischen Ursprungs ist und im Zusammenhang der Trinitätslehre und der mit ihr verbundenen Christologie generiert wurde. Darum kann die Frage nach dem Wesen der Person ihm zufolge auch nur hier sachlich angemessen eingeholt werden. Nach Balthasar ist das menschliche Geistsubjekt also zu charakterisieren als jenes „Ich“ eines einzelnen Menschen in seiner unveräußerlichen Je-meinigkeit, in der sich die dessen Teilnahme an der Art und zugleich die „Einmaligkeit und Unmittelbarkeit der Individualität“ (a.a.O. 187) bewusst ist. Allerdings ist für Balthasar damit zugleich das Fundamentalproblem jedes einzelnen Ich allererst gestellt. Dieses Problem formuliert er folgendermaßen: „Das Geistsubjekt weiß, dass es ein solches ist, und damit, dass es auf eine einmalige und unmittelbare Weise Mensch ist. Weiß es aber damit auch schon, wer es ist? Nämlich: Wodurch es sich nicht nur quantitativ sondern qualitativ von allen anderen Geistsubjekten unterscheidet?“ (ebd.).

Balthasar markiert zunächst die Wege, die dieses Ich auf der Suche nach sich selbst grundsätzlich gehen kann. Im Raum der endlichen Welt kommt der Mensch dennoch nicht hinter die Frage, die sich ihm aufdrängt als die Frage nach sich selbst. In diesem Antworthorizont bleibt er letztlich ein zufälliger „Fall von Mensch“. Letztlich kann der ihn Liebende ihm nur sagen, wer er für ihn, nicht aber wer er für sich ist. Und auch diese Zusage des Liebenden bleibt endlich, vorläufig, widerrufbar und endet mit dem Tod. Auch das „Wer“, das ihm durch seine Eltern zukommt, ist ohne wirklichen Bestand. Denn kaum etwas ist zufälliger und beliebiger als die lange Reihe von Zeugung und Geburt. Kurz: Auch im Raum der interpersonalen Begegnung lässt sich die Frage nach der eigenen Wesensidentität nicht endgültig und restlos vergewissern. Alles verharrt in einem Geflecht relativer und gegenseitiger vorläufiger Wertungen und Umwertungen, Anerkennungen und Aberkennungen.“ Auch die Einzigartigen leben in einer besonderen Weise die Möglichkeiten ihrer Art dar und experimentieren sie vielleicht in genialer Weise durch, ohne darin bereits den Horizont zu betreten, in dem sie zur eigentlichen Person werden. Denn Personsein kommt als theologischer Begriff dem Menschen erst von Gott zu.  Als Geistsubjekt, in dem das Ich sich in seinem natürlich-gattungshaften Menschsein bewusst ist, steht es noch immer vor sich selbst als Person, weil personale Identität wesentlich über-natürlich bestimmt ist. Diese theologische Personalisierung des menschlichen Ich ist im Verlauf der Heilsgeschichte einmalig und zugleich allmalig für jeden Menschen erfolgt in der Inkarnation des universale concretum Jesus Christus.

(…)

Um zum Schluss zu kommen: Christsein ist für Balthasar kein abstraktes Wissen, keine Lehrbuchdogmatik, die er darum auch nie geschrieben hat. Christentum ist ihm eine Praxis, ein inneres Er-Kennen der dreipersonalen Wahrheit Gottes als Liebe im Zeichen des Kreuzes Christi. Es ist so der Weg seiner geschöpflichen Teilhabe an der göttlichen Hingabe, hinein in seine Bestimmung zur theologischen Person in Gott, in der das geschöpfliche Abbild mit dem göttlichen Urbild übereinkommen darf.

Prof. Dr. Hermann Stinglhammer,Diözesanpriester der Diözese Passau, Professor für Dogmatik an der Universität Passau, leitet die Forschungsstelle Hans Urs von Balthasar.

Was ist “dialogische Freiheit”?

Am 12.10.2018 an der Theologischen Fakultät der Katholischen Peter-Patzmany-Universität in Budapest hat Prof. Dr. Hermann Stinglhammer (Universität Passau) einen Vortrag über dialogische Freiheit als Weg zum Verstehen der Theodramatik gehalten. Klingt kompliziert? Ist aber schön! Hier einige Lichtblicke. Den Vortrag kann man sich auch ganz herunterladen.

Eine einzelne Freiheit gibt es nicht

Es ist die schlichte Erfahrung des Menschseins, dass jene einzelne Freiheit sich immer schon vorfindet im Raum anderer Freiheit. Dies bedeutet ontologisch, dass es eine einzelne Freiheit überhaupt nicht gibt und Freiheit im Sinne eines absoluten Aus-sich-selbst-heraus-Beginnens und Existierens ein Selbstwiderspruch ist. Warum? Jede einzelne Freiheit ist immer schon eingewiesen in den Raum anderer Freiheit, aus dem sie stammt, von dem her sie erst zu sich selbst kommt. Um dies zu konkretisieren, verweist Balthasar auf die existentiale Grundsituation des Neugeborenen, das erst durch die Mutter – und sie steht hier primär für den Raum der übrigen Freiheiten – zu seinem Ichsein erweckt wird. Mit anderen Worten: Die Stelle, wo Freiheit zu sich selbst hineinfindet und zu sich selbst ermächtigt wird, ist der Du-Raum des Anderen. Die Freiheit der anderen ist der stellvertretende Raum für meine eigene Freiheit, in dem diese erst zu sich selbst freigesetzt wird. Diese wird durch die anderen also zu sich selbst eröffnet. Dies ist aber nur dann möglich, wenn andere Freiheit sich mir selbst in Freiheit schenkt. Denn Freiheit kann nur frei gewährt werden. Der Raum der anderen Freiheit öffnet sich mir aber nicht, wenn und insofern ich ihn mir gewaltsam einverleibe und einordne, sondern dort, wo ich mich der anderen Freiheit öffne, sie sein lasse, sodass sie sich in ihrer eigenen Freiheit mir gewähren und schenken kann. Das egozentrische Ich bleibt in der Konsequenz ein armes, weil unbeschenktes Ich, eine monologische Freiheit, die nicht über sich selbst hinaus kommt und in den Reichtum hineinfindet, der ihr nur durch andere Freiheit geschenkt werden kann.

Genau an dieser Stelle der menschlichen Freiheitsaporie öffnet sich für Balthasar theologisch der Raum der unendlichen Freiheit, aus dem heraus die endliche Freiheit von Gott freigesetzt wird. Er verweist daher stets auf Apk 2,17, da der Geist Gottes spricht: „Ich werde ihm einen weißen Stein geben und auf dem Stein steht ein neuer Name, den nur der kennt, der ihn empfängt“. Dieser Vers steht in Balthasars Sicht für die Grundbestimmung menschlicher Identität, sofern der Mensch von dort mit ihr beschenkt wird. Endliche Freiheit ist eine auf Gott hin vorläufige Freiheit, die ihr Ziel nicht in sich selber findet.

Theo-logische Freiheit?

Balthasar weist im Zusammenhang seiner zunächst formal-abstrakten freiheitstheologischen Argumentation in Theodramatik 2,1 darauf hin, dass bereits in der antiken Philosophie gesehen wird, dass autonome geschöpfliche Freiheit nur im Horizont der unendlichen Freiheit zu denken ist. Als die höchste Form einer solchen Philosophie im Antik-Außerchristlichen nennt Balthasar die Philosophie Plotins. Allerdings kommen hier Mensch und Gott nicht zueinander.[1] Nach Balthasar löst sich diese Tragik erst im Raum der biblischen Offenbarung, in dem sie sich nun als eine Freiheit begreifen darf, die eingeladen ist, sich selbst in der unendlichen Freiheit Gottes zu vollenden. Diese biblisch-christliche Sichtweise bleibt für Balthasar auch die kritische Norm für das moderne Freiheitsdenken, das sich von Gott lossagt, um dann den Menschen in seinem absoluten Freiheitsstreben selbst nicht mehr verstehen zu können – denken wir nur an Sartre. Dies ist die Tragik der modernen Freiheit. Nicht im Menschen selbst liegt also das Maß seiner Freiheit, sondern allein in dem Gott, von dem sie herkommt. Also nicht: „Cogito ergo sum“, wie es die Neuzeit mit Descartes sprechen wird, sondern: „Cogitor ergo sum“: „Ich werde gedacht, von Gott“, also bin ich und bin ich frei. Oder mit Augustinus formuliert: „Der Mensch lebt‚ über sich‘.“ Damit offenbart sich für Balthasar im Horizont des Jüdisch-Christlichen eine fundamentale Grammatik, die wie ein Wasserzeichen in die endliche Freiheit eingeschrieben ist. Gott ist nicht der Konkurrent der menschlichen Autonomie– dies ist ja die Angst der Moderne bis hinein in die Gegenwart. Gott ist vielmehr ihr sie freisetzender Grund und ihr erfüllendes Ziel. Und er ist auch ihr Weg dorthin. Die christologischen und trinitarischen Reflexionen Balthasars, auf die wir uns dabei gedanklich zubewegen, werden dies verdeutlichen. In seiner Grundlegung will Balthasar vor allem zeigen, dass die christliche Synthese von endlicher und unendlicher Freiheit jenseits der modernen Alternative „menschliche Autonomie oder Gott“ liegt. Die entsprechende Haltung gegenüber der Freiheit Gottes liegt in der Sicht des Alten Testamentes in ihrem Entscheid zum „Bund mit Gott“, d.h. konkret in der Haltung des Ge-horsams, des Hörens auf Gott („Schema Israel“). Diese Struktur wird auch die christologische Gestalt der Freiheit bilden, wie sie im Sendungsraum Jesu Christi greifbar  wird.

Göttliche Freiheit der Hingabe: Urbild der geschaffenen Freiheit

In der christo-logischen Sendungsgestalt des menschgewordenen Sohnes Gottes wird die endliche, d.h. konkret: sündige, in sich verschlossene Freiheit, wieder auf ihre Gottesbeziehung eröffnet. Insofern ist nach Hans Urs von Balthasar die Christologie mit dem Wort Gregors von Nyssa charakterisiert: „Unser Spiel spielt in seinem Spiel“[2].

Wie ist nun Seine Freiheit zu charakterisieren? Kurz zusammengefasst als die wechselseitige Hingabe von Vater und Sohn in der Communio des Geistes. Damit zeigt sich eine lebendige Dynamik wechselseitiger Öffnung auf das Du von Vater und Sohn im gemeinsamen Geist. Die Liebe ist wesentlich relational, weil Liebe immer auf die Einheit mit einem Du zielt, sodass sie erst als Wir-Einheit konkret ist. So zeigt sich nach Balthasar in der Trinität die konkrete Wirklichkeit Gottes als die Communio der Liebe. Und eben darin ist er das Urbild aller geschaffenen Freiheit. Der konkrete Weg der endlichen Freiheit ist – zumal im Raum der Sünde – der Weg in der personalen Nachfolge Jesu Christi. Sein Wort und seine Wahrheit sind es, die den Menschen befreien (vgl. Joh 8,32).

Warum es sich lohnt, mit Balthasar Theologie zu lernen

Balthasar ist kompliziert, komplex, weitläufig und in seinen theologiegeschichtlichen Argumentationen oft schwer nachvollziehbar – er weiß so viel! Seine Sprache macht es nicht leichter. Ist es also die Mühe wert, die man in seine Theologie – zu der auch diejenige Adrienne von Speyrs[3] unablösbar gehört – stecken muss? Einige kurze Striche mögen als Antwort genügen.

Balthasar denkt Theologie ganz modern, wenn er sie im Horizont der Freiheit denkt. Eben diese sucht die Gegenwart wie im Fieber, ohne sie finden zu können. Dies liegt daran, dass sie die Freiheit als autonome nicht richtig denkt und lebt. Dabei bleibt Balthasar mit dem Thema der Freiheit ganz bei der Sache der Theologie selbst und entfaltet sie aus dem Raum eines breiten und tiefen kirchlich-katholischen Denkens.

Gerade darin zeigt sich Hans Urs von Balthasar inspirierend für gegenwärtige Philosophen, die sich von der transzendentalen Subjektphilosophie abwenden, wie etwa Jean-Luc Marion.[4] Auch er versteht mit Balthasar das Ich und seine Wahrheit innerhalb seiner phänomenologischen Analysen von der Wirklichkeit des Anderen her, das sich dem Subjekt als Gabe verschenkt, sodass auch hier die Haltung des Subjekts nicht die der Bewältigung, sondern des Empfangens ist, die dem trinitarischen Seins-Sinn der Liebe als göttlichen Gehalt von Freiheit entspricht. Dies kann man in einer neuen und vertieften Sicht mit der Theologie Hans Urs von Balthasars lernen.

[1] Der antike Mythos des Sisyphos, der den Stein (der Endlichkeit) vergeblich nach oben wälzt und immer wieder an seinem Ziel scheitert, steht genau dafür.

[2] Vgl. dazu Stinglhammer, a.a.O. 125ff.

[3] Vgl. Hans Urs von Balthasar: Unser Auftrag. Bericht und Entwurf, Einsiedeln 1994.

[4] Jean-Luc Marion: Gegeben sei. Entwurf einer Phänomenologie der Gegebenheit, Freiburg/München 2015. Vgl dazu: Thomas Alferi: „…Die Unfasslichkeit der uns übersteigend-zuvorkommenden Liebe Gottes…“. Von Balthasar als Orientierung für Marion, in: Hanna-Barbara Gerl-Falkowitz (Hg.): Jean-Luc Marion. Studien zum Werk, Dresden 2013, 103-125.

Prof. Dr. Hermann Stinglhammer,Diözesanpriester der Diözese Passau, Professor für Dogmatik an der Universität Passau, leitet die Forschungsstelle Hans Urs von Balthasar.

Theologie und Heiligkeit

von Prof. Dr. Anton Štrukelj Theologie und Heiligkeit sind zwei Schwestern. Sie gehören untrennbar zusammen. Sie sind „Schwestern im Geist“. Die Theologen haben es lange Zeit gewusst: Die Urkirche kennt das Phänomen, dass die großen Theologen auch große Heiligen waren: Denken wir nun an die Kirchenväter und die großen Theologen des Mittelalters.  Was haben wir verloren und ob wir es wiedergewinnen sollen? Den beiden Fragen gehen wir jetzt nach. 
Es war ein großes Anliegen des Schweizer Theologen, die beiden Schwestern in ihrer ursprünglichen Einheit zu bewahren. Das gesamte Opus von ihm beweist diese seine Grundintention.

Philosophische Scheidung

Die großen Theologen waren in der Mehrheit auch große Dogmatiker (Irenäus, Gregor von Nazianz, Augustinus… um nur einige zu nennen). Sie waren berufene Träger der kirchlichen Lebendigkeit gerade dadurch, dass sie in ihrem Leben die Fülle der kirchlichen Lehre und in ihrer Lehre die Fülle des kirchlichen Lebens darstellten. Als heilige Theologen waren sie „Säulen der Kirche“. Diese Einheit von Einsicht und Leben war im beginnenden westlichen Mittelalter noch eine selbstverständliche Regel. Die Scheidung kam mit der Scholastik und mehr noch durch die Rezeption des hereinbrechenden Aristotelismus. Gewiss gewann man damals an Klarheit, Sichtung, Beherrschung des gesamten Wissensmaterials, aber man war wie betrunken von den unverhofft großen Beutschätzen des Aristotelismus. Die Beute war zunächst eine philosophische und nur indirekt eine theologische. Dann nistete sich die Spaltung zwischen den beiden Bereichen immer tiefer ein. Nach Thomas erfolgt der Abfall in den Nominalismus. Mit einer Akzentverlegung gerät Dogmatik in den Hintergrund. So sind allmählich beide Bereiche disparat geworden. Die gegenseitige Entfremdung beider kirchlicher Welten führte zu einer katastrophalen Verarmung, die besonders in der Verkündigung spürbar ist.

Christus nicht verlassen

Diese verheerende Situation kann nur durch eine ernste Neubesinnung auf das Wesen der Theologie überwunden werden. Mit der Theologie ist hier die zentrale Wissenschaft der Dogmatik gemeint – sie hat ihr Zentrum genau dort, wo die Offenbarung selbst das ihrige hat. Die Heiligen verlassen niemals das Zentrum in Christus. Sie „bleiben“ in Christus, auch wenn sie ihren Auftrag in der Welt erfüllen. „Die wahre Theologie, die Theologie der Heiligen, fragt im Glaubensgehorsam, in der Ehrfurcht der Liebe, und immer das Zentrum der Offenbarung visierend, welche Denkweise dazu angetan ist, den Sinn der Offenbarung selbst zu erhellen“ (Verbum Caro, S. 212). Deswegen heißt beten frei sein und still sein zu Gott – die Erkenntnis Gottes wird durch die totale persönliche Hingabe ermöglicht und auch gesteigert. Theologische Vernunft beginnt und endet im Gebet. Die Heiligen „wollen stets empfangen, das heißt Betende sein. Ihre Theologie ist wesentlich ein Akt der Anbetung und des Gebetes“ (Verbum Caro, S. 220). Das gilt ausnahmslos für das christliche Denken. Die Erkenntnis darf sich nie von der Gebetshaltung entfernen. Es gibt in der Theologie keine Untersuchung, die nicht notwendig den Atem dieses betenden Suchens ausströmen müsste. In der Theologie ist nichts denkenswert, was nicht Gegenstand eines Gebetes werden kann.

Kniende Theologie

Von der Zusammengehörigkeit der beiden „Schwestern“ ganz und gar überzeugt, prägt Balthasar jenes berühmte Wort von der „knienden“ und „sitzenden“ Theologie: „Die Theologie war, solange sie eine Theologie der Heiligen war, eine betende, eine kniende Theologie. Darum ist ihr Gebetsertrag, ihre Fruchtbarkeit für das Gebet, ihre gebetszeugende Macht so unsagbar gewesen. Irgendwann geschah die Wendung von der knienden zur sitzenden Theologie“ (Verbum Caro, 224). Den Ausweg aus dieser Sackgasse der sieht Balthasar im Besinnen auf das Wesen der Theologie. Jesus Christus in seiner Auslegung des Vaters (exegesis, vgl. Joh 1,18) ist die ursprüngliche Rede von Gott (theo-logia). Nur von diesem Ur-Fundamentum her kann es eine christliche Theologie geben. Der echte Fortschritt kann nur aus den tiefen Quellen hervorsprudeln; nicht nur aus den immerjungen Quellen der Heiligen Schrift, sondern auch aus dem Jungbrunnen der patristischen Theologie. Welchen Reichtum enthält doch Thomas, verglichen mit dem Gerippe eines heutigen Lehrbuchs! Das grundlegende Gesetz für alle kirchliche Reform heißt: „Reform aus dem Ursprung“ – und eben damit Reform aus der Einsamkeit und aus der Heiligkeit. Dieses Grundgesetz weist wieder auf das Programm hin: Zurück zu den Quellen! In der neuen Zeit haben sich Theologie und Heiligkeit, zum großen Schaden beider, auseinanderentwickelt. Due heutige Zeit braucht eindeutig Heilige, jene Gestalten, an denen man sich wie an Leuchttürmen orientieren kann. Wenn die Spiritualität das Ferment der Theologie ist, so sind die Heiligen die gelebte Theologie schlechthin – kirchliche Theologie kann nichts anderes sein, als klärende Meditation über das Bekenntnis vor der Welt, um es verstehen und anderen verständlich zu machen. Darum muss die Theologie nur im Heiligen Geist gründen und sich sachgemäß entfalten.

Wahrheit des Evangeliums

Nur die Existenz der Heiligen, die beten und die vom Heiligen Geist Christi ergriffen sind, kann die Welt von der Wahrheit des Evangeliums überzeugen. Das Hauptmerkmal des Heiligen, des Betenden, ist der Gehorsam dem Ruf Gottes gegenüber, der für gewöhnlich Nachfolge des leidenden Christus ist in seine Gottverlassenheit und seinen Abstieg in die Finsternis hinein. Gehorsam gegenüber der Amtskirche, auch wenn diese von unwürdigen Dienern vertreten ist. Der Heilige ist berufen, das Amt zu stärken und zu beleben. Die wahren Heiligen waren alle Gehorsame. Sie suchten nur den Willen Gottes, nicht die Verwirklichung eigener Pläne und Ideen – die Heiligen waren gehorsam, nicht fügsam – denn Gehorsam ist etwas anderes als Fügsamkeit. Das Beispiel unzähliger Heiligen zeigt überdeutlich, dass nur „Theologie“ als Einheit von heiligkeit und Zeugnis im Leben der Kirche diesen Namen verdient. Die Theologie muss in der Nachfolge Christi bereit sein, mit ungeteilter Hingabe für die Wahrheit Gottes einzutreten. Henri de Lubac sagt über Hans Urs von Balthasar: Er selbst gehört zu den Menschen, von denen er gesagt hat, dass sie ihr Leben für die Herrlichkeit eingesetzt haben – für die Theologie, dieses verzehrende Feuer zwischen zwei Nächten, zwei Abgründen: der Anbetung und dem Gehorsam“. Balthasars ganze Theologie ist eine trinitarisch verwurzelte Theologie; sie ist eine kniende Theologie, die aus der Urquelle schöpft und in die glühende Mitte des Mysteriums einführt. Die Theologie ist eine Zeugnisablegung: Er will nur Theologe sein, weil er Apostel sein will. Der Text in der vollen Länge befindet sich im Buch: Štrukelj Anton; Kniende Theologie, EOS-Verlag, St. Ottilien 2004, S. 11-23.

Der Text in der vollen Länge befindet sich im Buch: Štrukelj Anton; Kniende Theologie.

Prof. Dr. Anton Štrukelj, geb. 1952  in Slovenien, Diözesanpriester der Erzdiözese Ljubjana, seit 1980 Professor für Dogmatik an der Universität Ljubjana, Gastprofessor in Friboweg, Lugano und St. Petersburg, Sekretär der Slovenischen Bischofskonferenz, Mitglied der Internationalen Theologischen Kommission.

verkaufeallesundfolgemirnach

Rezension: “Verkaufe alles und folge mir nach”

Buchrezension

Verkaufe alles und folge mir nach

Hans Urs von Balthasar.

Mit der Einleitung von Stefan Oster SDB

Der Johannes-Verlag hat sich hinsichtlich der Bischofssynode zur Jugend entschieden, das Berufungsbüchlein Balthasars noch einmal aufzulegen. Der Titel des Bandes lautet „Verkaufe alles und folge mir nach“. Das Vorwort stammt vom deutschen Jugendbischof, Stefan Oster SDB. Was enthält das Büchlein und lohnt es sich, dieses in die Hand zu nehmen? Darüber sollen die nächsten Zeilen berichten.

Philosophische Theologie? Theologische Philosophie?

Dr. Roberto Graziotto wurde von Sr. M. Gabriela Wozniak befragt

Hans Urs von Balthasar vereinte in seinem theodramatischen Konzept theologische und philosophische Aspekte – bewusst strebt er eine Synthese an, die sich nicht mit einfachen Lösungen zufriedengibt, sondern immer weiter und immer tiefer zu fragen vermag. Eine vernünftige Theologie braucht immer einen fundierten Gedankenhintergrund. Wo beginnen und wo enden die Grenzen? 

Zuerst würde ich an einer Anekdote erinnern. In einem Interview sagte Balthasar, er habe sich für Goethe und Karl Rahner SJ für Kant entschieden. Also Balthasar ist zuerst Germanist und nicht Philosoph. Kant bedeutet eine Transzendentalphilosophie, die versucht, die subjektiven Voraussetzungen der Erkenntnis zu erforschen.  Goethe bedeutet die Wahrnehmung der Gestalt, sprich eines Subjektes, der nicht daran interessiert ist, zuerst zu wissen welche Bedingungen erlauben es, ihn zu kennen, sondern der sich sofort in einer Beziehung zu einer ihn anziehenden Gestalt befindet.

Und dennoch misst Balthasar der Philosophie eine große Bedeutung zu, indem er in der Einführung zum ersten Band der Theologik sagt, dass es ohne Philosophie keine Theologie geben kann. Wieso? Weil eine theologische Wahrheit, die nicht mit der Wahrheit der Welt zu tun hat, einfach abstrakt und irrelevant ist.

Zurück zu Ihrer Frage. Balthasar selbst zitierte Erich Przywara SJ und sagte, er habe nichts Philosophisches geschrieben, was nicht von diesem großen und ziemlich unbekannten polnischen Philosophen beeinflusst gewesen wäre. Es geht um Analogia entis. Analogie bedeutet „Ähnlichkeit“, aber zugleich noch mehr „Unähnlichkeit“ zwischen der Wahrheit der Welt und der göttlichen Wahrheit. Sie ist die katholische Antwort auf die moderne Philosophie. Dazu zählen Hegel, der ausgehend von einer „Identität“ denkt und die kalvinistische Theologie des jungen Barths, die ausgehend von einem „Ganz Anderen“ denkt. Diese Analogie ist auch der Ausdruck einer letzten Polarität im endlichen Sein selbst, nämlich der Polarität zwischen dem Sein und dem Seienden. Eine Polarität, die (um mit Romano Guardini zu sprechen), Gegensätze im Sein, die dennoch nicht als Widersprüche gelten, aufwertet. Bloße Aufwertung bedeutet aber noch lange nicht, dass er hier ein Problem sieht.

Am Ende der zwei philosophischen Bänden von Herrlichkeit III/2 zitiert Balthasar Ferdinand Ulrich, den ich hier erwähnen möchte, weil perspektivisch mir die Verbindung dieser zwei  „Brüder im Geist“ als sehr fruchtbar für die Kirche und für die Universität vorkommt. Irgendwo hat Balthasar von ihm geschrieben: „Ulrichs Philosophie hat mit allen schöpferischen Leistungen dies gemeint, dass sie in untrennbarer Einheit mit allen großen Intuitionen Aug in Aug steht: Sie spricht ebenso unmittelbar mit Thomas wie mit Schelling und Hegel, wie mit Heidegger. Sie hat zudem vor allen mir bekannten ontologischen Einwürfen dies voraus, dass sie Aug in Aug zu den innersten Mysterien der christlichen Offenbarung steht, sie öffnet, ohne den streng-philosophischen Raum zu verlassen, und damit den heillosen Dualismus zwischen Philosophie und Theologie glücklicher als vielleicht je bisher überwindet“.

So, dass der heillose Dualismus zwischen Theologie und Philosophie eben überwunden wird.  Das größte Mysterium der christlichen Offenbarung ist Gott selbst als „Gratis Liebe“. Eine Liebe, die sich nicht aufgrund einer „Bedingung“ offenbart, auch wenn sie eine „Notwendigkeit“ entfaltet.

Gott hat uns als erster geliebt, das ist die Bedingungslosigkeit seiner Liebe. Die Notwendigkeit der Liebe selbst, die die deutsche Sprache wunderbar offenlegt. Die Not des Menschen kann nur „gewendet“ werden, indem seine Liebe auf die Liebe antwortet. Die Liebe ist tatsächlich gratis geschenkt, aber nur in einer liebenden Antwort offenbart sie ihren „not-wendigen Seinsinn“ (Ulrich). Angesicht dieses Mysteriums ist die Philosophie nur die „Magd“, die zur Verfügung steht, um der Welt, die heutzutage in einem tiefen Nihilismus steckt, eine befreiende Antwort zu geben. Das Nichts des Nihilismus wird nicht mit einer absoluten Gnosis überwunden (auch nicht mit einer absoluten Theologie), sondern mit der Entdeckung von dem, was Ferdinand Ulrich, „die selbige Verwendung von Sein und Nichts“ nennt. Es gibt ein Nichts, der sich nicht „extern“ zum Nichts des Nihilismus verhält, sondern von innen her es beleuchtet – gerade das ist das „Nichts“ der Liebe, die eben gratis und frustra ist. Wenn ich bereit bin jemand zu lieben, dann geschieht das gratis, aber auch in der Annahme der Möglichkeit eines Nicht-Erfolgs, sprich frustra (umsonst). Das Wort Umsonst ist auch ein wunderbares Wort, das beide Dimensionen erhellt: „gratis“ und „vergebend“. Dieses Verständnis, das streng philosophisch gedacht wird, offenbart uns, dass das Sein tatsächlich Liebe ist. Und nur die Liebe ist glaubwürdig, nur die Gratis Liebe kann das Nichts des Seins überwinden.

Nein! Weil Gott selbst „interior intimo meo“ (Augustinus ) ist. Die Philosophie hat Mühe mit einem Deus ex machina, nicht mit dem Gott der Liebe. Der größte ontologische Gegensatz (nicht Widerspruch betone ich nochmals) ist derjenige zwischen dem Sein als Gabe und der gegebenen Substanz. Thomas sagt, dass das endliche Sein „simplex et completum, sed non subistens“ ist. Als Akt subsistiert das Sein nicht, die Substanzen subsistieren: eine Pflanze, eine Blume, ein Tier oder ein Mensch. Und dennoch ohne die Gabe des Seins gäbe es gar nichts von dem. Das Staunen, um das älteste Thema der Philosophie zu nennen, erfahren wir vor den Substanzen, da sie etwas offenbaren, das nicht nur „etwas“ ist, sondern ein Ausdruck der Gratis Liebe, die sich uns gibt. Wenn es aber eine Liebe gibt, dann ist es auch ein Geber notwendig. Die Philosophie braucht Gott, um die eigene elementare Erfahrung des Staunens zu retten. Neulich hat mir eine Schülerin der 10. Klasse gefragt, ob ich mich nicht dadurch widersprechen würde, da ich am Anfang meines Philosophiekurses gesagt hatte, dass die Philosophie allergisch ist gegenüber jeglicher Form von konfessionellen Proselytismus. Ich habe ihr geantwortet: Nein, weil Proselytismus zeugt eben von einem „Deus ex machina“, während hier Gott als Geber des Seins umsonst einen inneren Bedürfnis der Philosophie entspricht: der Rettung des Staunens, das etwas gibt statt lieber nichts. Das ist auch das Thema Balthasars am Ende des schon zitierten Bandes „Im Raum der Metaphysik“ (Herrlichkeit III,2). 

Ja, freilich. Balthasar hat bis zu seinem Lebensende den großen deutschen Philosoph Schelling gelesen. Massimo Borghesi, ein italienischer Philosoph, hat gezeigt, dass Papst Franziskus einen sehr starken philosophischen Hintergrund hat, zuerst in einem echten Bedürfnis nach einer offenen Philosophie, die den primären Auftrag hat, dass Gegensätze nicht in Widersprüchen enden – eine Philosophie, die keine geschlossene Bevorzugung eines Aspektes des Problems gegen einen anderen ist. Zum Beispiel Globalisierung und nationale Identität können als Widerspruch gesehen werden, aber können auch als fruchtbare Gegensätze, die die Wirklichkeit in der Gesamtheit ihrer Faktoren erhellen. Zu den Quellen des Heiligen Vaters zählen der große italienisch-deutsche Denker, Romano Guardini, aber auch eben Hans Urs von Balthasar, der mit seiner theologischen Ästhetik gezeugt hat, dass die Schönheit der Gestalt nicht von einem geschlossenen System wahrgenommen werden kann. Daher sehe ich auch seine Entscheidung für Goethe, der „Gegensätze“ als „Wahlverwandtschaften“ gesehen hat, nicht als Problem.

Ja, auf jeden Fall! In einer Welt, die – um das mit Charles Peguy auszudrücken – „nach Jesus und ohne Jesus ist“, werden wir uns theologisch in fruchtbarer Weise nur ausdrucken können, wenn die Menschen hören und spüren werden, dass wir sie nicht für unsere katholische „Partei“ gewinnen wollen, sondern dass es uns darum geht, was der Mensch am meistens braucht, um eine liebende Annahme seiner selbst und der ganzen Natur als unseres „gemeinsamen Hauses“ (wie Papst Franziskus in der „Laudato si’ sagt). Die Philosophie als „Auswortung“ eines letzten Staunens, das etwas gibt als lieber nichts, ist hier wie Maria, die „Magd des Herrn“, deren trinitarisches Geheimnis die Theologie ihrerseits „ausworten“ möchte. „Er, der in göttlicher Gestalt war, hielt es nicht für einen Raub, Gott gleich zu sein, sondern entäußert sich selbst und nahm Knechtgestalt an, ward den Menschen gleich und der Erscheinung nach als Mensch erkannt. Er erniedrigte sich selbst und war gehorsam bis zum Tode, ja zum Tode am Kreuz. Darum hat ihn Gott erhöht und hat ihm den Namen gegeben, der über allen Namen ist…“ (Phil 2,6-9). Dieses Mysterium kann philosophisch nicht antizipiert werden, aber man kann ihm „dienen“, so wie Maria dies getan hat, ohne Servilismus, sogar „cum grande animo y liberalidad“ (Ignatius), wie eben Maria tat: „was er euch sagt, das tut“ (Joh 2, 5). Was tut er? Er leuchtet gratis, umsonst für die Rettung der Welt und unserer Seele! Man sieht wie zwischen der Ontologie des Seins als Gabe und Theologie des „discensus“ (er entäußert sich…) eine echte „Analogie“ waltet!