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Die Welt, das Jenseits und die große Sehnsucht

von Pater Prof. Dr. Werner Löser SJ

Der Mensch nimmt sich selbst dann wahr, wenn er von außen mit Liebe und Zuneigung angesprochen wird, wenn ihm die Liebe gezeigt wird – eine Sehnsucht, die im Letzten nur Gott erfüllen kann… Es ist der Anfang im Menschen, der Augustinus hat formulieren lassen: „Auf dich hin, o Gott, sind wir geschaffen und unruhig ist unser Herz, bis es ruht in dir“.

Wer sucht aber wen? Gibt es einen uns suchenden Gott? Oder projiziert der Mensch seine Sehnsüchte auf ein absolutes Sein? 

Gibt es einen Gott?

Gibt es einen solchen Gott? Auf der Suche nach einer gut begründbaren Antwort setzt von Balthasar mit einem Blick in die Religions- sowie in die Philosophiegeschichte ein. Dabei bestätigt sich zunächst einmal, dass es im Menschen eine tiefe Sehnsucht nach einer Beziehung zu einem liebenden Gott gibt. Alle Religionen, alle Kulturen, kennen sie in dieser oder jenen Weise. Oft ist sie freilich verschüttet. Dann zeigt sie sich fast gar nicht mehr, oder sie meldet sich auf den verschlungensten Wegen. Aber diese Sehnsucht ist doch in der Tiefe des menschlichen Herzens da und will nur freigelegt werden. Wie soll dieser Sehnsucht aber entsprochen werden?

Allzu menschlich – allzu göttlich

Die eine Möglichkeit: die Menschen formen ihr Gottesbild – religiös – von Gedanken der Beziehung bon sich zu Gott oder von Gott zu sich her, wobei in diese Beziehung alle Hoffnungen und Erfahrungen und Befürchtungen hineingedacht und -gefühlt werden. Dieser Gott trägt menschenförmige Züge. Von den Beziehungen zwischen ihm und den Menschen erzählen die Mythen. Doch ist ein solcher Gott wirklich Gott? Ist er nicht zu sehr hineinverstrickt in die Geschichte der Welt?

Als Alternative zu diesem Weg hat sich immer wieder die Philosophie vor allem und in eindrucksvoller Weise die platonische Philosophie und alle aus ihr hervorgegangene Systeme, angeboten. Sie wirbt für die zweite Möglichkeit, der zufolge Gott vom Gedanken der Jenseitigkeit und der Unbedürftigkeit her zu denken ist. Entfalte sich die erste Möglichkeit im Zeichen des Mythos, so setzt die zweite auf die Prinzipien des Logos. Doch auch angesichts eines so verstandenen Gottes, kommt die menschliche Sehnsucht nicht zur Ruhe. Wie sollte ein solcher jenseitiger Gott als eine gütige, liebende, je mir zugewandte Macht erfahren werden können?

So bleiben Gottesbilder, die die Menschen auf dem Grund ihrer Sehnsucht nach göttlicher Liebe aufrichten, unbefriedigend. Sie stehen zueinander in Spannung und lassen sich nicht innerlich zusammenfügen. Von Balthasar spricht hier gerne von der Unvollendbarkeit des menschlichen Denkens und Sprechens über Gott.

 Das Herz fordert einen Gott als Du und eine absolute Liebe zwischen beiden; die Vernunft aber verbietet, Gott als ein solches Du zu erfassen, weil er absolut (und damit unbedürftig) sein muss, jede Gegensatzspannung von vornherein übersteigt und deshalb bestensfall als anonyme, sich neidlos verströmende Allgüte, aber nicht als das personal Ansprechende und Perseonerweckende zu verstehen ist. 

Die Offenbarung – ein göttliches Du

Was der Mensch in diesem Sinn nur erwarten, aber nicht erwirken kann, das begegnet ihm wunderbarerweise in der Offenbarung des biblischen Gottes. Es ist zunächst der Gott Israels, Jahve. Er ist ein göttliches Du, der zu den Menschen gesprochen un einen Bund mit Israel geschlossen hat. Und doch ist und bleibt er der jenseitige Gott, von dem sich niemand ein Bild machen darf. Die Verheißungen, die er seinem Volk anvertraut hat, weisen über sich hinaus: Israel soll die für alle Völker offen werden, und Israel soll die Verfehlungen der Vielen tragen. Sie erfüllen sich in der Offenbarung des dreifaltigen Gottes. Dieser ist als dreifaltiger abschließend der absolute, unbedürftige, jenseitige Gott. Aber er ist – ebenfalls als dreifaltiger – in sich und für die Welt und je mich die Liebe. Der dreifaltige Gott ist als absolutes Du die Erfüllung der menschlichen Sehnsucht nach einem liebenden Gott.

Das anvertraute Leben

Zwei Momente kennzeichnen diesen Gedankengang. Das eine Moment: dass Gott als der dreifaltige dem Menschen liebend begegnet, kann weder in seiner Tatsächlichkeit, noch in seiner Inhaltlichkeit vom Menschen her erwartet werden. Der Mensch kann es weder erdenken, noch – erst recht – erwirken. Es ist Gnade und Wunder. Das andere Moment: gerade dies, dass Gott sich dem Menschen als der dreifaltige liebend zuneigt, ist es, was der Mensch zutiefst ersehnt hat. So zeigt sich eine überraschende Entsprechung zwischen seiner Sehnsucht und ihrer Erfüllung. Hier liegt auch – weil das SEINE Offenbarung ist – die Gewissheit, dass er „dreifaltig einer“ ist. Dieser Gott hat, ohne seine Göttlichkeit zu verlieren, eine Brücke in seine Schöpfung hineingeschlagen: In der Erwählung Israels und in der Menschwerdung  des ewigen Logos Gottes in Jesus von Nazareth. Was die Philosophie einforderte, ist gegeben: die bleibende Taranszendenz Gottes. Ebenso ist gewährleistet, was die Mythologie ersehnte: die Zuwendung Gottes zu seiner endlichen Welt.

Ein solcher Gott kann auch als Ursprung und Ziel des Lebens bekannt und geglaubt werden, das uns endlichen und doch zur Gemeinschaft mit Gott berufenen Menschen anvertraut ist.

Für den Text danken wir Pater Prof. Dr. Werner Löser SJ. Die volle Fassung siehe: Löser Werner, Kleine
Hinführung zu Hans Urs von Balthasar.

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