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Inkarnation: Die Fülle der Schöpfung

von Prof. Dr. Anton Štrukelj

Der Mensch wird als Krone der Schöpfung bezeichnet. Wenn aber nun Gott in seinem ewigen Wort und Sohn, Jesus Christus, Fleisch wird, dann der Titel dieses Aufsatzes berechtigt: Die Inkarnation ist die Fülle der Schöpfung.

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Der ganze Sinn des Wortes

Der Hymnus aus dem Kolosserbrief ist für unser Thema von zentraler Bedeutung (HIER den Hymnus lesen). Man sieht, dass hier nicht nur von der Schöpfung in Christus, sondern auch von der Erlösung in Ihm die Rede ist. Natürlich gehören beide Aspekte des einen allumfassenden Mysteriums zusammen, denn die Menschwerdung Christi ist auf sein Erlösungswerk ausgerichtet. Balthasar sagt oft sehr treffend: Das menschgewordene Wort Jesus Christus hat drei Silben: Menschwerdung – Tod – Kreuz und Auferstehung. Der ganze Sinn des Wortes versteht man erst, wenn auch die letzte Silbe des Wortes ausgesprochen wird.

Unter „Verbum – Caro“ („Das Wort ist Fleisch geworden“) ist nicht „Gotteswort“ gemeint, sondern einfach das Wort, wenn man Logos, Verbum, überhaupt mit dem verengenden „Wort“ übersetzen will. In „Logos“ liegt ebenso sehr „Sinn“, „Gedanke“, wie ausgesprochenes Wort. Die Aussagen des Neuen Testaments, dass Christus „der Erstgeborene der ganzen Schöpfung“, dass „alles durch ihn und auf ihn hin geschaffen“ ist und „alles in ihm seinen Bestand hat“ (Kol 1,15-17), dass Gott „den zum Erben des Alls eingesetzt hat“, „durch den er auch die Welt erschaffen hat“ (Hebr 1,2), dass „alles durch das Wort geschaffen wurde“ und „ohne das Wort nichts von dem wurde, was geworden ist“ (Joh 1,1-3), sind einzig aufgrund des Glaubens zu rechtfertigen, dass Jesus von Nazareth der ewige Sohn Gottes ist.

Die Offenbarung

Der trinitarische Gott ist kein nachträglich ausgeklügeltes Dogma, sondern offenbart sich unmittelbar im Faktum des Verbum-Caro. Deshalb kann dieses weltgeschichtliche Ereignis nur aufgrund einer trinitarischen Logik erfasst und ausgelegt werden. Was Gott in Christus für den Menschen leistet, ist alles andere als eine mündliche Beteuerung seiner Liebe, es ist eine allmächtige Tat. Der Logos mag noch so sehr als der „Erlöser“ von der Sünde in der Welt erscheinen, sein Menschwerden wird letztlich nicht von diesem Motiv bedingt, sondern durch die alles Weltliche übersteigende freie und großherzige Liebe Gottes. Die Bezeichnung „Logos“ für Jesus Christus meint im Alten Bund mehr als bloße „Rede“; sie bedeutet vielmehr einen totalen „Ausdruck“ Gottes mit dem Schwergewicht auf einer herrscherlichen Tat. Sein Fleischwerden ist die wesentliche Aussage, auf die alles ankommt, jenes kostbare Licht, worin man wandeln muss, solange es da ist, sonst überfällt uns Finsternis (vgl. Joh 12,35). In der Menschwerdung offenbart sich das Urbild als das vollkommenste Abbild. Als Verbum inspiratum schließlich bleibt der Logos in der Geschichte fortdauernd inkarniert, nämlich im Sprechen Gottes, durch das dem Menschen alles offenbart wird, da es ihm die Mitte der Geschichte erhellt.

Weil alles auf den Logos hin geschaffen ist, versteht Bonaventura die Schöpfung als das „Ursakrament“ des Glaubens. Der Kosmos ist nicht in sich schon eine Offenbarung Gottes, auch nicht Gottes Ebenbild, wohl aber trägt er die Spuren Gottes in sich – um sie weiß jeder, der Gottes Offenbarung kennt; deshalb ist das Buch der Heiligen Schrift zugleich auch der Schlüssel zur Erkenntnis des Kosmos. Das Zueinander der beiden „Bücher“ des Glaubens, der Schöpfung und der Heiligen Schrift, gehört auch zum Grundgepräge der neutestamentlichen Schöpfungstheologie. Der Menschensohn kam um alles auf sich hin zusammenzufassen, Himmel und Erde, Schöpfung und Menschheit. Dazu hat er sich dem Menschen auf innigste Weise gleichgestaltet, damit dieser aus der Ähnlichkeit mit dem Menschensohn zum Heil findet: mitgekreuzigt, mitbegraben, mitauferstanden, mitaufgefahren (vgl. Röm 6,3f.).

Die Menschwerdung

Mit der Menschwerdung Gottes wird eine neue (Zeit-)Geschichte des menschlichen Lebens offenbar. Das Leben Jesu selber ist klein und partikulär… von diesem partikulären Jesus bekennen wir, er sei von zentraler und universaler, eschatologischer und kosmischer Bedeutung. Denn mit der Menschwerdung des Gottessohnes ist Gott für immer in die Geschichte der Menschen eingegangen, so dass unsere Alltäglichkeit in die ewige Geschichte des dreifaltigen Lebens an- und aufgenommen ist.

Gehorsam

Gott hat den Menschen wunderbar geschaffen, aber noch wunderbarer erlöst (Exultet). Die größte Würde des Menschen liegt in seiner Ähnlichkeit mit dem Menschensohn begründet, der „das Bild des unsichtbaren Gottes“ ist (vgl. Kol 1,15; 2 Kor 4,4). Somit zeigt sich in der Menschheit Christi auch die göttliche Wirklichkeit des Menschen, der im Menschensohn seine ursprüngliche Würde wiedererhält. In der Menschwerdung des Logos wird eindeutig offenbar, dass die irdische Wirklichkeit Trägerin überirdischer Wirklichkeit ist. Der Logos, die Quelle göttlichen Lebens, wohnt der ganzen Schöpfung inne, alles in ihr nimmt seine Gestalt an. Auch das Leben des Menschen ist „worthaft“. Der Mensch hat jetzt schon, durch Glaube und Taufe, Anteil am göttlichen Leben und an all dem, was der ganzen Schöpfung verheißen ist.

Aber die Menschwerdung des Sohnes hat auch eine universale, kosmische Dimension: Durch den Eintritt des Menschensohnes in den Kosmos und seine Heimkehr zum Vater, wird zunächst der Gegensatz zwischen Zeit und Ewigkeit aufgehoben. Seit dem Eingehen des Menschensohnes in die Geschichte ist allem Geschaffenen eine Sakramentalität eigen. Es gibt einen wesentlichen Unterschied zwischen der Kirche (derer Haupt Christus ist) und dem Kosmos (aus dem die Elemente der Schöpfung entstammen, die der Sakramentalität der Kirche gehören), aufgrund dieser Unterscheidung kann man aber sagen: Die Bestimmung des Wassers ist es, am Mysterium der Epiphanie und der Taufe Anteil zu geben, die des Holzes, im Kreuz aufzublühen… Auch die elementaren Akte des Lebens: Trinken, Essen, Wachsen… – sie alle erhalten durch Hineinnahme in die Liturgie ihre wahre Bestimmung wieder, nämlich „Bausteine lebendigen Tempels“ zu sein.

Es gibt nur einen Sinn.

Der letzte Sinn der Schöpfung wird uns letztlich erst von Jesus Christus her erschlossen. Gott der Schöpfer ist auch Gott der Erlöser und der Vollender seiner Geschöpfe. Es gibt kein Heil ohne erdhafte Entsprechung. Wenn uns der Schöpfer selbst geschenkt ist, wie würde uns nicht mit ihm zugleich die ganze Schöpfung mitgeschenkt? Durch Christus, in Christus und mit Christus sind wir die Mitarbeiter und Miterben am Reich Gottes. Dafür ist er gekommen und Mensch geworden.   

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