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Mann und Frau der Kirche

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von Barbara Wenz

Die Sendung von Speyrs und Balthasars bleibt, trotz umfassender Forschung ein Geheimnis – weil sie direkt von Gott kam und eine Ganzhingabe beider erforderte. Barbara Wenz erläutert kurz ihre gemeinsame Geschichte.

Eine Protestantin wird katholisch

Als Seelsorger für Studenten und Akademiker an der Universität Basel lernt der Jesuit Hans Urs von Balthasar 1940 Adrienne von Speyr kennen, die Ehefrau eines Dozenten, welche bei ihm die Vorbereitung auf den Eintritt in die katholische Kirche, ihr Katechumenat, absolvieren wollte.
Die nur wenige Jahre ältere Adrienne wuchs in der protestantischen Familie eines Basler Augenarztes auf, dessen Vorbild sie nacheifern und Ärztin werden wollte. Seit frühester Kindheit befand sie sich im Dialog mit einem Engel, mit sechs Jahren begegnet ihr in einer Schauung zum ersten Mal Ignatius von Loyola, was ihr erst im Nachhinein bewusst wird. Als junges Mädchen, sie hat gerade ihren 15. Geburtstag gefeiert, in den umliegenden Ländern tobt der Erste Weltkrieg und im fernen Fatima ist drei Hirtenkindern die Muttergottes erschienen, haben gerade Tausende von Menschen ein Sonnenwunder dort erlebt und bezeugt, sieht Adrienne zum ersten Mal die Jungfrau Maria, umgeben von einer Unzahl von Heiligen und Engeln. Gleichzeitig fühlt sie ein immer unstillbarer werdendes Bedürfnis nach der sakramentalen Beichte in sich aufwachsen. Dass dies alles recht ungewöhnlich für ein protestantisches Mädchen ist, bemerkt sie freilich selbst.

Nach außen hin wirkt sie anziehend und lebensfroh, ist erfolgreich in der Schule und später beim Studium, beliebt bei ihren Kameraden und Kommilitonen. Die größte Hürde, die sie während dieser Zeit zu nehmen hat, neben dem beharrlichen Widerstand ihrer Mutter gegen ihren Berufswunsch, ist vermutlich der Abscheu vor dem Seziersaal. Doch mit Hilfe ihres tiefen Glaubens kann sie auch diese überwinden, in dem sie unablässig für die Seelen der Toten, die sie sezieren muss, betet.

Nach dem Abschluss ihres Studiums scheint zunächst alles gut zu gehen, sie eröffnet eine eigene Praxis, in der sie arme Menschen auch umsonst behandelt und heiratet 1934 den Historiker Emil Dürr, dessen plötzlicher Tod sie nur schwer verkraftet. Zwei Jahre später folgt ihre zweite Heirat mit seinem Nachfolger Werner Kaegi, ebenfalls Geschichtsprofessor in Basel. Doch der Tod ihres ersten Mannes ist nur äußerlich überwunden, innen bricht sich bei dieser merkwürdigen protestantischen Mystikerin eine spirituelle Krise Bahn, die sich in einer schweren Herzattacke somatisiert.

Kurz danach kommt es zur ersten Begegnung mit von Balthasar. Adrienne vertraut dem priesterlichen Freund, der schließlich zu ihrem Seelenführer und geistlichen Gefährten werden wird an, dass es ihr seit einiger Zeit unmöglich sei, das Vaterunser zu beten, ein Gebet, das sie bis zu dem Tode ihres ersten Mannes sehr geliebt habe – und zwar wegen der Zeile „Dein Wille geschehe“!

Von Balthasar legt ihr diese Bitte aus dem Gebet, das Jesus uns gelehrt hat, so verständig aus, dass es ihm scheint, als hätte er einen Schalter in seiner Gesprächspartnerin umgelegt:“(….) als hätte ich unversehens auf einen elektrischen Knopf gedrückt, der auf einen Schlag alle Lichter im Saal entzündete (…) Sie wurde am Fest Allerheiligen getauft (…)“

Gemeinsame Sendung

Tatsächlich hatte Adrienne zu allen Heiligen einen besonderen Bezug, oft „schaute“ sie deren Gebetshaltungen und -weisen. Hinzu kamen kurz nach ihrer Taufe immer mehr Passionen, in denen sie das Leiden Jesu durchlitt, sie die Stigmata vorübergehend empfing und deren Höhepunkt stets in der „Karsamstagserfahrung“ gipfelte. Von Balthasar begann sie während ihrer Schauungen ab 1943 eine Einführung in das Johannesevangelium“ zu diktieren – seine Theologie wurde zunehmend und derart von Adrienne beeinflusst, woran immer mehrere Menschen Anstoß nahmen. Doch für von Balthasar ist glasklar, dass es sich hier um einen göttlichen Auftrag handle, den er mit Adrienne zu erfüllen hat: Zunächst gründen sie fünf Jahre nach ihrem ersten Treffen die Johannesgemeinschaft, ein Säkularinstitut für Frauen; Johannes war Adriennes Lieblingsheiliger und sie hatte einen besonderen Bezug zu ihm. Später entsteht dann auch der Priesterzweig dieser Gemeinschaft.

Der Austritt aus der „Societas Jesu“, die er immer als geistige Heirat betrachtet hatte, ist ihm sehr schwer gefallen, doch seine Überzeugung, Gott gehorsamer sein zu müssen als seinen Ordensoberen war unverrückbar und wurde von Adrienne gestützt.

Weibliche Prophetie – männlicher Intellekt

Bei aller verständlichen Skepsis gegenüber Adriennes Zuständen: Es handelt sich um ein kirchliches Erfolgsmodell, weibliche Prophetie mit männlichem Intellekt und Seelenführerschaft zu verbinden: Angefangen von Hildegard von Bingen und ihrem Volmar über Angela von Foligno und ihren Seelenführer Arnaldo, Theresa von Avila und Johannes vom Kreuz, Franz von Sales und Jeanne de Chantal bis hin zu Anna Katharina Emmerick und Clemens Brentano. Doch die Kirche befand sich mittlerweile in der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts und war zu „aufgeklärt“ für diese Form gemeinsamer Berufung. Von Balthasar hatte sich nach dem Tode Adriennes – zu diesem Zeitpunkt liegen bereits 34 ihrer Bücher in Druckform vor – viele Gedanken über dieses Thema gemacht und sich dabei von dem innerkirchlich immer noch umstrittenen Teilhard de Chardin inspirieren lassen, der die „männlichen und weiblichen Teile der Natur“ als vereinigte Paare zu Gott aufsteigen sah.

Hans Urs von Balthasar schreibt 1977 von den paarweise Berufenen, dass sie „zwei in einem Rufe“ seien, für die gelte, was auch über die natürliche Verbindung zwischen Mann und Frau geschrieben steht: „Was Gott vereint hat, darf der Mensch nicht trennen.“
Der Jahrhunderttheologe und Mozartliebhaber Joseph Ratzinger, der, was die Herrlichkeit und Weite seines Werkes betrifft, wohl Hans Urs von Balthasar auf Augenhöhe begegnet – und mit ihm gemeinsam u.a. die Zeitschrift „Communio“ begründete, hat es in einem 1999 gegebenen Interview wie folgt trefflich beschrieben: „Hans Urs von Balthasar ist undenkbar ohne Adrienne von Speyr. Ich glaube, man könnte bei allen wirklich großen theologischen Gestalten zeigen, dass neue theologische Aufbrüche nur dann ermöglicht werden, wenn zuerst ein prophetischer Durchbruch da ist. (…) die eigentlichen Durchbrüche, in denen dann wieder große Theologie neu entsteht, kommen nicht einfach aus dem rationalen Geschäft der Theologie, sondern aus einem charismatischen, prophetischen Anstoß heraus. (…) Die Theologie als wissenschaftliche Theologie im strengen Sinne ist nicht prophetisch, aber sie wird nur wirklich lebendige Theologie, wenn sie von einem prophetischen Impuls angeschoben und erleuchtet ist.“

Ihr Werk soll weiterleben

Von Balthasars Tod erfolgt schließlich unter ähnlich signifikanten Umständen wie derjenige Adriennes, die am Tag der heiligen Hildegard von Bingen, einer Ärztin und Seherin, wie sie selbst eine war im Jahre 1967 starb. Der Ex-Jesuit und Theologe, der niemals einen Lehrstuhl innehatte, der große Universalgelehrte und Literaturliebhaber, den niemand zum Zweiten Vatikanischen Konzil als Berater eingeladen hatte, er sollte eine – wahrscheinlich die größte Ehrung erhalten, die ein Papst vergeben kann: Der polnische Papst, selbst ein großer Frauenfreund und überzeugt von der Dualität und Komplementarität der Berufungen von Mann und Frau in der Kirche, ernannte ihn zum Kardinal, zu einem Prinzen der Kirche. Doch nur zwei Tage vor der Kreiierungszeremonie verstarb von Balthasar schicksalhaft am 26. Juni 1988 in Basel, knapp 20 Jahre nach Adrienne. Aufgabe der Nachwelt könnte es sein, immer neu zu versuchen, deren Werk und das von Balthasars in Synthese und kongruent zu rezipieren und so abschließend zur Vollendung zu bringen.

 


 

Barbara Wenz ist freie Journalistin (u.a. für Cicero – das Magazin für politische Kultur, Vatican-Magazin, Die Tagespost, Liborius-Magazin, PUR-Magazin, kath.net, Der Durchblick), Autorin und Lektorin. 

Der Artikel ist erstmals in der Rubrik „Geistliche Paare“ über Hans-Urs von Balthasar und Adrienne von Speyr, der im Oktoberheft 2016 des Vatican-Magazins erschienen. Wir danken der Autorin für die Bereitstellung des Textes, dessen volle Version Sie HIER finden.

Bildernachweis: pixabay.com

 

 

 

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