Philosophische Theologie? Theologische Philosophie?

Dr. Roberto Graziotto wurde von Sr. M. Gabriela Wozniak befragt

Hans Urs von Balthasar vereinte in seinem theodramatischen Konzept theologische und philosophische Aspekte – bewusst strebt er eine Synthese an, die sich nicht mit einfachen Lösungen zufriedengibt, sondern immer weiter und immer tiefer zu fragen vermag. Eine vernünftige Theologie braucht immer einen fundierten Gedankenhintergrund. Wo beginnen und wo enden die Grenzen? 

Zuerst würde ich an einer Anekdote erinnern. In einem Interview sagte Balthasar, er habe sich für Goethe und Karl Rahner SJ für Kant entschieden. Also Balthasar ist zuerst Germanist und nicht Philosoph. Kant bedeutet eine Transzendentalphilosophie, die versucht, die subjektiven Voraussetzungen der Erkenntnis zu erforschen.  Goethe bedeutet die Wahrnehmung der Gestalt, sprich eines Subjektes, der nicht daran interessiert ist, zuerst zu wissen welche Bedingungen erlauben es, ihn zu kennen, sondern der sich sofort in einer Beziehung zu einer ihn anziehenden Gestalt befindet.

Und dennoch misst Balthasar der Philosophie eine große Bedeutung zu, indem er in der Einführung zum ersten Band der Theologik sagt, dass es ohne Philosophie keine Theologie geben kann. Wieso? Weil eine theologische Wahrheit, die nicht mit der Wahrheit der Welt zu tun hat, einfach abstrakt und irrelevant ist.

Zurück zu Ihrer Frage. Balthasar selbst zitierte Erich Przywara SJ und sagte, er habe nichts Philosophisches geschrieben, was nicht von diesem großen und ziemlich unbekannten polnischen Philosophen beeinflusst gewesen wäre. Es geht um Analogia entis. Analogie bedeutet „Ähnlichkeit“, aber zugleich noch mehr „Unähnlichkeit“ zwischen der Wahrheit der Welt und der göttlichen Wahrheit. Sie ist die katholische Antwort auf die moderne Philosophie. Dazu zählen Hegel, der ausgehend von einer „Identität“ denkt und die kalvinistische Theologie des jungen Barths, die ausgehend von einem „Ganz Anderen“ denkt. Diese Analogie ist auch der Ausdruck einer letzten Polarität im endlichen Sein selbst, nämlich der Polarität zwischen dem Sein und dem Seienden. Eine Polarität, die (um mit Romano Guardini zu sprechen), Gegensätze im Sein, die dennoch nicht als Widersprüche gelten, aufwertet. Bloße Aufwertung bedeutet aber noch lange nicht, dass er hier ein Problem sieht.

Am Ende der zwei philosophischen Bänden von Herrlichkeit III/2 zitiert Balthasar Ferdinand Ulrich, den ich hier erwähnen möchte, weil perspektivisch mir die Verbindung dieser zwei  „Brüder im Geist“ als sehr fruchtbar für die Kirche und für die Universität vorkommt. Irgendwo hat Balthasar von ihm geschrieben: „Ulrichs Philosophie hat mit allen schöpferischen Leistungen dies gemeint, dass sie in untrennbarer Einheit mit allen großen Intuitionen Aug in Aug steht: Sie spricht ebenso unmittelbar mit Thomas wie mit Schelling und Hegel, wie mit Heidegger. Sie hat zudem vor allen mir bekannten ontologischen Einwürfen dies voraus, dass sie Aug in Aug zu den innersten Mysterien der christlichen Offenbarung steht, sie öffnet, ohne den streng-philosophischen Raum zu verlassen, und damit den heillosen Dualismus zwischen Philosophie und Theologie glücklicher als vielleicht je bisher überwindet“.

So, dass der heillose Dualismus zwischen Theologie und Philosophie eben überwunden wird.  Das größte Mysterium der christlichen Offenbarung ist Gott selbst als „Gratis Liebe“. Eine Liebe, die sich nicht aufgrund einer „Bedingung“ offenbart, auch wenn sie eine „Notwendigkeit“ entfaltet.

Gott hat uns als erster geliebt, das ist die Bedingungslosigkeit seiner Liebe. Die Notwendigkeit der Liebe selbst, die die deutsche Sprache wunderbar offenlegt. Die Not des Menschen kann nur „gewendet“ werden, indem seine Liebe auf die Liebe antwortet. Die Liebe ist tatsächlich gratis geschenkt, aber nur in einer liebenden Antwort offenbart sie ihren „not-wendigen Seinsinn“ (Ulrich). Angesicht dieses Mysteriums ist die Philosophie nur die „Magd“, die zur Verfügung steht, um der Welt, die heutzutage in einem tiefen Nihilismus steckt, eine befreiende Antwort zu geben. Das Nichts des Nihilismus wird nicht mit einer absoluten Gnosis überwunden (auch nicht mit einer absoluten Theologie), sondern mit der Entdeckung von dem, was Ferdinand Ulrich, „die selbige Verwendung von Sein und Nichts“ nennt. Es gibt ein Nichts, der sich nicht „extern“ zum Nichts des Nihilismus verhält, sondern von innen her es beleuchtet – gerade das ist das „Nichts“ der Liebe, die eben gratis und frustra ist. Wenn ich bereit bin jemand zu lieben, dann geschieht das gratis, aber auch in der Annahme der Möglichkeit eines Nicht-Erfolgs, sprich frustra (umsonst). Das Wort Umsonst ist auch ein wunderbares Wort, das beide Dimensionen erhellt: „gratis“ und „vergebend“. Dieses Verständnis, das streng philosophisch gedacht wird, offenbart uns, dass das Sein tatsächlich Liebe ist. Und nur die Liebe ist glaubwürdig, nur die Gratis Liebe kann das Nichts des Seins überwinden.

Nein! Weil Gott selbst „interior intimo meo“ (Augustinus ) ist. Die Philosophie hat Mühe mit einem Deus ex machina, nicht mit dem Gott der Liebe. Der größte ontologische Gegensatz (nicht Widerspruch betone ich nochmals) ist derjenige zwischen dem Sein als Gabe und der gegebenen Substanz. Thomas sagt, dass das endliche Sein „simplex et completum, sed non subistens“ ist. Als Akt subsistiert das Sein nicht, die Substanzen subsistieren: eine Pflanze, eine Blume, ein Tier oder ein Mensch. Und dennoch ohne die Gabe des Seins gäbe es gar nichts von dem. Das Staunen, um das älteste Thema der Philosophie zu nennen, erfahren wir vor den Substanzen, da sie etwas offenbaren, das nicht nur „etwas“ ist, sondern ein Ausdruck der Gratis Liebe, die sich uns gibt. Wenn es aber eine Liebe gibt, dann ist es auch ein Geber notwendig. Die Philosophie braucht Gott, um die eigene elementare Erfahrung des Staunens zu retten. Neulich hat mir eine Schülerin der 10. Klasse gefragt, ob ich mich nicht dadurch widersprechen würde, da ich am Anfang meines Philosophiekurses gesagt hatte, dass die Philosophie allergisch ist gegenüber jeglicher Form von konfessionellen Proselytismus. Ich habe ihr geantwortet: Nein, weil Proselytismus zeugt eben von einem „Deus ex machina“, während hier Gott als Geber des Seins umsonst einen inneren Bedürfnis der Philosophie entspricht: der Rettung des Staunens, das etwas gibt statt lieber nichts. Das ist auch das Thema Balthasars am Ende des schon zitierten Bandes „Im Raum der Metaphysik“ (Herrlichkeit III,2). 

Ja, freilich. Balthasar hat bis zu seinem Lebensende den großen deutschen Philosoph Schelling gelesen. Massimo Borghesi, ein italienischer Philosoph, hat gezeigt, dass Papst Franziskus einen sehr starken philosophischen Hintergrund hat, zuerst in einem echten Bedürfnis nach einer offenen Philosophie, die den primären Auftrag hat, dass Gegensätze nicht in Widersprüchen enden – eine Philosophie, die keine geschlossene Bevorzugung eines Aspektes des Problems gegen einen anderen ist. Zum Beispiel Globalisierung und nationale Identität können als Widerspruch gesehen werden, aber können auch als fruchtbare Gegensätze, die die Wirklichkeit in der Gesamtheit ihrer Faktoren erhellen. Zu den Quellen des Heiligen Vaters zählen der große italienisch-deutsche Denker, Romano Guardini, aber auch eben Hans Urs von Balthasar, der mit seiner theologischen Ästhetik gezeugt hat, dass die Schönheit der Gestalt nicht von einem geschlossenen System wahrgenommen werden kann. Daher sehe ich auch seine Entscheidung für Goethe, der „Gegensätze“ als „Wahlverwandtschaften“ gesehen hat, nicht als Problem.

Ja, auf jeden Fall! In einer Welt, die – um das mit Charles Peguy auszudrücken – „nach Jesus und ohne Jesus ist“, werden wir uns theologisch in fruchtbarer Weise nur ausdrucken können, wenn die Menschen hören und spüren werden, dass wir sie nicht für unsere katholische „Partei“ gewinnen wollen, sondern dass es uns darum geht, was der Mensch am meistens braucht, um eine liebende Annahme seiner selbst und der ganzen Natur als unseres „gemeinsamen Hauses“ (wie Papst Franziskus in der „Laudato si’ sagt). Die Philosophie als „Auswortung“ eines letzten Staunens, das etwas gibt als lieber nichts, ist hier wie Maria, die „Magd des Herrn“, deren trinitarisches Geheimnis die Theologie ihrerseits „ausworten“ möchte. „Er, der in göttlicher Gestalt war, hielt es nicht für einen Raub, Gott gleich zu sein, sondern entäußert sich selbst und nahm Knechtgestalt an, ward den Menschen gleich und der Erscheinung nach als Mensch erkannt. Er erniedrigte sich selbst und war gehorsam bis zum Tode, ja zum Tode am Kreuz. Darum hat ihn Gott erhöht und hat ihm den Namen gegeben, der über allen Namen ist…“ (Phil 2,6-9). Dieses Mysterium kann philosophisch nicht antizipiert werden, aber man kann ihm „dienen“, so wie Maria dies getan hat, ohne Servilismus, sogar „cum grande animo y liberalidad“ (Ignatius), wie eben Maria tat: „was er euch sagt, das tut“ (Joh 2, 5). Was tut er? Er leuchtet gratis, umsonst für die Rettung der Welt und unserer Seele! Man sieht wie zwischen der Ontologie des Seins als Gabe und Theologie des „discensus“ (er entäußert sich…) eine echte „Analogie“ waltet!

Dr. Roberto Graziotto, geb. 1960, unterrichtet Philosophie, Religion, Latein und Geschichte an einem Gymnasium in Sachsen-Anhalt. Er ist verheiratet und hat zwei Kinder. Er hat philosophische, pädagogische und theologische Artikel in der amerikanischen und deutschen Ausgabe der Zeitschrift Communio veröffentlicht und schreibt als Non-Profit-Journalist in der Online Tageszeitung „Il Sussidiario“ zu folgenden Themen: deutsche Politik, Kirche und Schule.

Mit jeder Form wirklicher Philosophie kann sich die Offenbarung verständigen.

Hans Urs von Balthasar