Theologie bei der Krippe

Ist die Weihnachtsnacht das nächste Jahr spurlos an uns vorbeigegangen? Das Knien vor dem Jesuskind endete wieder mit zügigem Weiterlauf? Oder können wir etwas Dauerhaftes in unser theologisches Schaffen mitnehmen?

Eine Weihnachtsmeditation zu Lk 2,15-20 von Pater Winfried M. Wermter CO

 

Teile es!

Die Hirten sind mit etwas Neugierde, aber auch im Vertrauen auf ihren gesunden Menschenverstand und eingebettet in ihren traditionellen Glauben Israels unterwegs nach Betlehem. Für sie war die Erscheinung der Engel nicht allzu wirklichkeitsfremd. So etwas war im allgemeinen Verständnis vorhanden – eigentlich etwas Normales in der Geschichte Israels. Nun, sie gehen und schauen, was los ist. Und sie finden alles so, wie es gesagt worden war. Also sie sind fest überzeugt und berichten im Stall (oder in der Grotte), und sie erzählen überall dort weiter, wo sie sonst noch jemand antreffen. Sie werden ihr Leben lang berichtet haben. Dann kehrten sie zurück zu ihren Herden und dort sind sie auch geblieben. Wohl waren sie gespannt: Was wird wohl einmal aus all dem werden?

Maria aber!

„Maria aber“  – so lesen wir weiter –  (und das ist hier ein ganz wichtiges Aber!) – für Maria ist der Bericht der Hirten doch mehr, viel mehr. Sie weiß schon etwas von den neuen Plänen Gottes, aber sie übereilt nichts. Sie denkt weiter und weiter nach. Denn Maria ist zunächst die große Denkerin. Wenn wir jetzt ein Stückchen zur die Erscheinung des Engels mit der frohen Botschaft zurückblenden dürfen – was deutet sich da schon an? Da kommt doch das Wesen der Theologie zum Vorschein! Hans Urs von Balthasar betont diese drei Schwerpunkte: Theologie  geht hervor aus dem Staunen, ist untrennbar vom Leben und vollendet sich auf Knien, also in der Anbetung. Das ist Theologie – ein wunderschöner Dreiklang aus der Symphonie des Himmels!

Und genau das ist schon sichtbar bei der Verkündigung. Maria erstaunt bis hin zum Erschrecken. Es ist ein gewaltiges Erstaunen bei der Begegnung mit dem Boten Gottes. Aber sie verliert nicht den Kopf, sondern sie denkt nach. Sie  grübelt jedoch nicht in einem Elfenbeinturm abstrakter Überlegungen, sondern möchte verstehen, was die Botschaft zunächst einmal für sie persönlich bedeutet. Sie integriert die Ankündigung in ihr Leben, indem sie die Pläne Gottes zu ihren eigenen macht, aber nicht, um Gottes Pläne zu ändern. Sie steht zu Verfügung für das, was Gott will. Und dann fehlt auch nicht das Knien, das hier nicht physisch zu verstehen ist, sondern als Ausdruck der Hingabe deutlich wird: „Siehe, ich bin die Magd des Herrn.“  Das ist das vollendete Knien, das voll Ja auch über das eigene Verstehen hinaus. Denn bei allem Nachdenken über die Pläne Gottes bleibt doch mehr offen als im Moment verstanden werden kann. Und Maria gibt ihr trotzdem ihre volle Zustimmung auch zu den noch dunklen Plänen Gottes. Das ist Theologie: Maria, die bis zum Erschrecken staunt, aber nicht den Kopf verliert, sondern nachdenkt, das, was von Gott kommt, in ihr Leben und sich selber in die Pläne Gottes integriert, und schließlich auch noch dem zustimmt, was weiter dunkel bleibt und noch weiter zu entdecken ist.

Theologie des Herzens

Auch heute hören wir bei der Begegnung mit den Hirten wieder dieses „Maria denkt nach“. Das ist die Fortsetzung der „Theologie” Mariens: Sie „bewahrte alles, was geschehen war, in ihrem Herzen.“  Also nicht nur im Verstand, sondern im Herzen ist – nach biblischem Verständnis – das ganze Leben mit einbezogen. Sie denkt darüber nach, und richtet sich weiter danach aus, lässt sich weiter überraschen. (…)

Jetzt sind auch wir eingeladen zu staunen, Weihnachten in unser Leben zu integrieren und uns in die gesamte Fortsetzung der Inkarnation. Vollendet wird dann diese Anteilnahme an der Menschwerdung, durch das „Venite adoremus“, das wir nicht nur in unseren Weihnachtliedern anklingen lassen wollen, sondern auch durch unser ganzes Leben einlösen wollen.

Und das Wort ist Fleisch geworden!

Weihnachten, überall schöne Dekorationen, lächelnde Gesichter, Glanz, Glitzer und künstlicher Schnee. Dahinter viel Hektik, Stress und Vorbereitungen. Das Jesuskind feiert Geburtstag. Ja. Es handelt sich dabei aber nicht um einen süßen Familienfeiertag, sondern um den Einbruch Gottes in die Welt! Wir dürfen uns freuen. Es ist aber keine kitschige Kuschelfreude. Es ist die Gewissheit, dass wir erlöst sind.

von Prof. Dr. Anton Štrukelj

Teile es!

Das mächtige Kind

Die Menschwerdung Gottes ist ein so furchterregendes Geheimnis, daß man vor dem Unbegreiflichen, scheinbar höchst Skandalösen im Tiefsten eigentlich zu erschrecken hat. Paulus nennt dieses Geheimnis den Wahnsinn Gottes (1 Kor 1,18.21,23,25) und redet davon nur „in Schwäche, Furcht und viel Verzagtheit“ (ebd. 2,3).

„Was kann Gott bewegen“, fragt von Balthasar, „sein ›allmächtiges Wort‹, durch das er ›die Welt trägt‹ (Hebr 11,3), in unser Fleisch‹ zu senden, das weder eines tragenden Wortes mächtig ist noch das Gehör hat, das alltragende Wort verstehend zu hören? An den Engeln vorbei, die vielleicht davon etwas verstanden hätten (Hebr. 2,5), hat er seine abschließenden Schritte auf das ›Fleisch‹ zu gelenkt, nach Oetingers bekanntem und treffendem Wort: ›Leibliche Unzerstörbarkeit ist das Ende der Werke Gottes.“[1]

Die Sprache der Menschen

Weshalb wollte Gott ausgerechnet „Fleisch“ werden? Weshalb wollte er sich, wie Clemens von Alexandrien sagte, dieser Harfe „mit ihren tausend Klängen“ bedienen, um auf ihr und mit ihr zusammen Gott zu loben?

Der leibliche Mensch wird, nach Irenäus, in die Mitte des Alls gestellt als das kunstvolle Gebilde Gottes, das der Vater durch die Hände seines Sohnes und Geistes geformt hatte und das durch die ganze Heilsgeschichte hindurch der eine Dialogpartner Gottes bleibt. Wir wissen, wie sehr dieses in die Mitte der Welt exponierte, zarte, nackte, der Hegung bedürftige Wesen zerbrechlich und hinfällig ist. Man muss geradezu von „ungeheurer Versuchbarkeit“ des Menschen reden[2]. Aber die „kelchhafte“ Existenz des Menschen ist zugleich „zur Hineinaufnahme aktualer Erfüllungen nach oben hin offen“.

Balthasar sagt: „Die Sprache des Fleisches, die auch Jesus spricht, ist die Sprache des leiblich-geistigen Menschen, der als vergängliches, allseits bedürftiges und bedrohtes Geschöpf die Mitte der Schöpfung Gottes bildet und der zu anderen Menschen spricht. (…) Als konkreter Mensch, der Jesus ist, redet er anders und viel reicher, seine Sprache gleicht einer Orgel mit vielen Registern, und er wird nacheinander sich all dieser Register bedienen“.[3]

Man kann drei Hauptsphären unterscheiden: Jesus selber wird als der „Ausdruck“ (Hebr 11,3), als das „Bild“ (2 Kor 4,4; Kol 1,15) und als das „Wort“ (Joh 1,1f) bezeichnet. Diese drei Grundformen der Sprache werden ausreichend beschrieben. Aber in der Offenbarung Gottes geht es um viel mehr als um ein Problem der Sprache: Gott offenbart den Menschen durch seinen Sohn eine Tat, von der die erklärende Rede nur ein Teil ist. Diese allmächtige und „schweigende Tat“ hat den Vorrang vor allen gesprochenen Worten, denn er, der menschgewordene Logos, ist die personhafte Offenbarung Gottes. Deswegen darf nicht verwundern, daß Jesus dreißig Jahre verborgen gelebt und nur knapp drei Jahre gewirkt und gepredigt hat.

Der Ausdruck Gottes

Schon im Alten Testament besagt der Ausdruck „dabar“ für uns erstaunlicherweise sowohl „Wort“ wie „Sache“, „Begebenheit“, „Ereignis“. „Gottes Wort ist seine freie, souveräne, begnadende und einfordernde Tat… Mit der Macht einer Bombe kann ›der Herr ein Wort gegen Jakob schleudern, und dieses fällt auf Israel‹ (Jes 9,7)… Vom Alten Bund her ist eindeutig, daß die Bezeichnung ›Wort‹ für Jesus mehr meint als bloße Rede, vielmehr einen totalen ›Ausdruck‹ Gottes mit dem Schwergewicht auf einer herrscherlichen Tat“.[4]

Das Wesentliche an der Selbstaussage Gottes in Jesus Christus ist eigentlich die lebendige Wirklichkeit des Mit-Seins: Er ist Emmanuel, Gott-mit-uns. Die übergroße, erbarmende Liebe „zwang“ den Sohn Gottes, Mensch zu werden; und darin wurde die Menschenfreundlichkeit Gottes kund. Das Wort Gottes wird Fleisch, nicht um zu uns zu reden, sondern um unter uns zu „wohnen“ (Joh 1,14), wörtlich „sein Zelt aufzuschlagen“, in einer viel intimeren Weise, als dies mit dem Zelt in der Wüste geschah (Ex 25,8f). „Das Wundersame liegt in seinem Zu-uns-kommen (Joh 1,9), nicht in seinem Reden. Sein ›Fleischwerden‹ ist die wesentliche Aussage, auf die alles ankommt.

Freiheit und Versuchung

Die vollständige Realität der Menschwerdung ist auch im Spannungsfeld zwischen Freiheit und Versuchung sichtbar. Der entscheidende Schlüssel für das Verständnis der Versuchungsgeschichte liegt im Gehorsam Jesu. Seine Sendung ist es, den Willen dessen zu tun, der ihn gesandt hat (vgl. Joh 4,33f). Jesus, der an der Realität „Fleisch“ Anteil erhält, kennt sie von innen her. Denn „er ist in allem ebenso versucht worden wie wir, ausgenommen der Sünde“ (Hebr 4,14; 2,18; 5,7). Das Wort „den Gehorsam zu lernen“ (Hebr 5,8) bedeutet, dass der Geist ihn in die innere Erfahrung dessen eingeführt hat, was für das „Fleisch“ Versuchung ist. Nur diese Erfahrung ermöglicht ihm die innere Erlösung des Menschen aus den Fesseln der Versuchung.

Weihnachten ist mehr als Christbaum, Leuchten und Familienfeier.

Weihnachten ist das erlösende Wirkung Gottes in die Welt.


[1] Theologik II, S. 155.

[2] Ebd., S. 209.

[3] Ebd., S. 225.

[4] Ebd., S. 261.