Inkarnation: Die Fülle der Schöpfung

von Prof. Dr. Anton Štrukelj

Der Mensch wird als Krone der Schöpfung bezeichnet. Wenn aber nun Gott in seinem ewigen Wort und Sohn, Jesus Christus, Fleisch wird, dann der Titel dieses Aufsatzes berechtigt: Die Inkarnation ist die Fülle der Schöpfung.

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Der ganze Sinn des Wortes

Der Hymnus aus dem Kolosserbrief ist für unser Thema von zentraler Bedeutung (HIER den Hymnus lesen). Man sieht, dass hier nicht nur von der Schöpfung in Christus, sondern auch von der Erlösung in Ihm die Rede ist. Natürlich gehören beide Aspekte des einen allumfassenden Mysteriums zusammen, denn die Menschwerdung Christi ist auf sein Erlösungswerk ausgerichtet. Balthasar sagt oft sehr treffend: Das menschgewordene Wort Jesus Christus hat drei Silben: Menschwerdung – Tod – Kreuz und Auferstehung. Der ganze Sinn des Wortes versteht man erst, wenn auch die letzte Silbe des Wortes ausgesprochen wird.

Unter „Verbum – Caro“ („Das Wort ist Fleisch geworden“) ist nicht „Gotteswort“ gemeint, sondern einfach das Wort, wenn man Logos, Verbum, überhaupt mit dem verengenden „Wort“ übersetzen will. In „Logos“ liegt ebenso sehr „Sinn“, „Gedanke“, wie ausgesprochenes Wort. Die Aussagen des Neuen Testaments, dass Christus „der Erstgeborene der ganzen Schöpfung“, dass „alles durch ihn und auf ihn hin geschaffen“ ist und „alles in ihm seinen Bestand hat“ (Kol 1,15-17), dass Gott „den zum Erben des Alls eingesetzt hat“, „durch den er auch die Welt erschaffen hat“ (Hebr 1,2), dass „alles durch das Wort geschaffen wurde“ und „ohne das Wort nichts von dem wurde, was geworden ist“ (Joh 1,1-3), sind einzig aufgrund des Glaubens zu rechtfertigen, dass Jesus von Nazareth der ewige Sohn Gottes ist.

Die Offenbarung

Der trinitarische Gott ist kein nachträglich ausgeklügeltes Dogma, sondern offenbart sich unmittelbar im Faktum des Verbum-Caro. Deshalb kann dieses weltgeschichtliche Ereignis nur aufgrund einer trinitarischen Logik erfasst und ausgelegt werden. Was Gott in Christus für den Menschen leistet, ist alles andere als eine mündliche Beteuerung seiner Liebe, es ist eine allmächtige Tat. Der Logos mag noch so sehr als der „Erlöser“ von der Sünde in der Welt erscheinen, sein Menschwerden wird letztlich nicht von diesem Motiv bedingt, sondern durch die alles Weltliche übersteigende freie und großherzige Liebe Gottes. Die Bezeichnung „Logos“ für Jesus Christus meint im Alten Bund mehr als bloße „Rede“; sie bedeutet vielmehr einen totalen „Ausdruck“ Gottes mit dem Schwergewicht auf einer herrscherlichen Tat. Sein Fleischwerden ist die wesentliche Aussage, auf die alles ankommt, jenes kostbare Licht, worin man wandeln muss, solange es da ist, sonst überfällt uns Finsternis (vgl. Joh 12,35). In der Menschwerdung offenbart sich das Urbild als das vollkommenste Abbild. Als Verbum inspiratum schließlich bleibt der Logos in der Geschichte fortdauernd inkarniert, nämlich im Sprechen Gottes, durch das dem Menschen alles offenbart wird, da es ihm die Mitte der Geschichte erhellt.

Weil alles auf den Logos hin geschaffen ist, versteht Bonaventura die Schöpfung als das „Ursakrament“ des Glaubens. Der Kosmos ist nicht in sich schon eine Offenbarung Gottes, auch nicht Gottes Ebenbild, wohl aber trägt er die Spuren Gottes in sich – um sie weiß jeder, der Gottes Offenbarung kennt; deshalb ist das Buch der Heiligen Schrift zugleich auch der Schlüssel zur Erkenntnis des Kosmos. Das Zueinander der beiden „Bücher“ des Glaubens, der Schöpfung und der Heiligen Schrift, gehört auch zum Grundgepräge der neutestamentlichen Schöpfungstheologie. Der Menschensohn kam um alles auf sich hin zusammenzufassen, Himmel und Erde, Schöpfung und Menschheit. Dazu hat er sich dem Menschen auf innigste Weise gleichgestaltet, damit dieser aus der Ähnlichkeit mit dem Menschensohn zum Heil findet: mitgekreuzigt, mitbegraben, mitauferstanden, mitaufgefahren (vgl. Röm 6,3f.).

Die Menschwerdung

Mit der Menschwerdung Gottes wird eine neue (Zeit-)Geschichte des menschlichen Lebens offenbar. Das Leben Jesu selber ist klein und partikulär… von diesem partikulären Jesus bekennen wir, er sei von zentraler und universaler, eschatologischer und kosmischer Bedeutung. Denn mit der Menschwerdung des Gottessohnes ist Gott für immer in die Geschichte der Menschen eingegangen, so dass unsere Alltäglichkeit in die ewige Geschichte des dreifaltigen Lebens an- und aufgenommen ist.

Gehorsam

Gott hat den Menschen wunderbar geschaffen, aber noch wunderbarer erlöst (Exultet). Die größte Würde des Menschen liegt in seiner Ähnlichkeit mit dem Menschensohn begründet, der „das Bild des unsichtbaren Gottes“ ist (vgl. Kol 1,15; 2 Kor 4,4). Somit zeigt sich in der Menschheit Christi auch die göttliche Wirklichkeit des Menschen, der im Menschensohn seine ursprüngliche Würde wiedererhält. In der Menschwerdung des Logos wird eindeutig offenbar, dass die irdische Wirklichkeit Trägerin überirdischer Wirklichkeit ist. Der Logos, die Quelle göttlichen Lebens, wohnt der ganzen Schöpfung inne, alles in ihr nimmt seine Gestalt an. Auch das Leben des Menschen ist „worthaft“. Der Mensch hat jetzt schon, durch Glaube und Taufe, Anteil am göttlichen Leben und an all dem, was der ganzen Schöpfung verheißen ist.

Aber die Menschwerdung des Sohnes hat auch eine universale, kosmische Dimension: Durch den Eintritt des Menschensohnes in den Kosmos und seine Heimkehr zum Vater, wird zunächst der Gegensatz zwischen Zeit und Ewigkeit aufgehoben. Seit dem Eingehen des Menschensohnes in die Geschichte ist allem Geschaffenen eine Sakramentalität eigen. Es gibt einen wesentlichen Unterschied zwischen der Kirche (derer Haupt Christus ist) und dem Kosmos (aus dem die Elemente der Schöpfung entstammen, die der Sakramentalität der Kirche gehören), aufgrund dieser Unterscheidung kann man aber sagen: Die Bestimmung des Wassers ist es, am Mysterium der Epiphanie und der Taufe Anteil zu geben, die des Holzes, im Kreuz aufzublühen… Auch die elementaren Akte des Lebens: Trinken, Essen, Wachsen… – sie alle erhalten durch Hineinnahme in die Liturgie ihre wahre Bestimmung wieder, nämlich „Bausteine lebendigen Tempels“ zu sein.

Es gibt nur einen Sinn.

Der letzte Sinn der Schöpfung wird uns letztlich erst von Jesus Christus her erschlossen. Gott der Schöpfer ist auch Gott der Erlöser und der Vollender seiner Geschöpfe. Es gibt kein Heil ohne erdhafte Entsprechung. Wenn uns der Schöpfer selbst geschenkt ist, wie würde uns nicht mit ihm zugleich die ganze Schöpfung mitgeschenkt? Durch Christus, in Christus und mit Christus sind wir die Mitarbeiter und Miterben am Reich Gottes. Dafür ist er gekommen und Mensch geworden.   

Die umfassende Liebe

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von Pater Aidan Nichols OP

In seiner Person, in Leben, Tod und Auferstehung, ist Jesus Christus die „Form Gottes“. Wie in den neutestamentlichen Schriften dargestellt, bilden die Worte, Handlungen und Leiden Jesu eine Einheit, die durch den „Stil“ der bedingungslosen Liebe zusammengehalten wird. Durch die Gestalt Christi strahlt also die Liebe, die Gott ist, auf die Welt durch. Das ist Balthasars grundlegende Intuition.

Die Intuition

Das Wort „Intuition“ ist hier richtig am Platz. Balthasar ist kein neutestamentlicher Gelehrter, nicht einmal ein (weitgehend) Autodidakt wie Schillebeeckx. Auch unternimmt er nach den hohen Ansprüchen von Schillebeeckx keinen sehr ernsthaften Versuch, moderne exegetische Studien in seine Christologie aufzunehmen. Seine etwas negative Einstellung zu vielen – aber keineswegs allen – aktuellen neutestamentlichen Studien folgt aus seiner Überzeugung, dass die Identifizierung von immer mehr Unterstrukturen, redaktionellen Rahmen, „Traditionen“, Perikopai, binären Korrespondenzen und anderen methodischen Elementen im Umfeld der Evangeliumskritik, in Fragmente zerreißt, was eine offensichtliche Einheit ist. Das Neue Testament ist eine Einheit, denn die Männer, die es geschrieben haben, waren alle von derselben Sache umgeworfen worden, nämlich von der Herrlichkeit Gottes vor Christus. So kann Balthasar provokativ sagen, dass die neutestamentliche Wissenschaft überhaupt keine Wissenschaft ist, verglichen mit der traditionellen Exegese, die ihr vorausging. Um eine Wissenschaft zu sein, musst du eine Methode haben, die deinem Objekt entspricht. Nur die kontemplative Lesung des Neuen Testaments ist der Herrlichkeit Gottes in Jesus Christus angemessen.

Kontemplation

Die Bedeutung des Kontemplationsbegriffes für Balthasars Annäherung an Christus zeigt sich daran, dass er seine Sichtweise der Wahrnehmung Gottes in Christus mit der Vorstellung vergleicht, ein Gemälde zu betrachten und zu sehen, was der Künstler in ihm getan hat. Im christlichen Glauben nimmt die fesselnde Kraft der „subjektive Beweis“) des Kunstwerks Christus unsere Vorstellungskraft in Anspruch; wir treten in die „malerische Welt“ ein, die sich daraus offenbart, und kommen, fasziniert von dem, was wir sehen, zur Betrachtung der Herrlichkeit der souveränen Liebe Gottes in Christus (der „objektive Beweis“), wie sie sich in den konkreten Ereignissen seines Lebens, seines Todes und seiner Auferstehung manifestiert. Wenn wir also in seine Herrlichkeit eintreten, werden wir von ihr absorbiert, aber gerade diese Absorption sendet uns in opfernder Liebe wie die Jesu in die Welt hinaus.

Das Geheimnis der Passion

Dies ist die Grundlage von Balthasars Christologie, aber ihr Inhalt ist eine Reihe von Meditationen über die Geheimnisse des Lebens Jesu. Seine Christologie ist sehr konkret und wurde suggestiv mit der Ikonographie von Andrei Rublev und Georges Roualt verglichen. Balthasar beschäftigt sich nicht besonders mit der ontologischen Zusammensetzung Christi, mit der hypostatischen Vereinigung und ihren Auswirkungen, es sei denn, diese sind unmittelbar an der Darstellung der Geheimnisse des Lebens beteiligt. In jedem großen Moment („Geheimnis“) des Lebens Jesu, sehen wir einen Aspekt der gesamten Gestalt Christi, und dadurch der Gestalt Gottes selbst. Obwohl Balthasar die erzählerische Einheit dieser Episoden betont, die auf dem Gehorsam beruht, der den göttlichen Sohn von der Inkarnation zur Leidenschaft führt, ist ein Gehorsam, der sein innertrinitarisches Wesen als Logos in unsere menschliche Sprache „übersetzt“, die kindliche Reaktionsfähigkeit auf den Vater. Sein Hauptinteresse ist sehr fest an einem ungewöhnlichen Ort angesiedelt. Dieser Ort ist das Geheimnis des Abstiegs Christi in die Hölle, den Balthasar ausdrücklich als „Zentrum der gesamten Christologie“ bezeichnet. Da der Abstieg der letzte Punkt ist, den die Kenose erreicht hat, und die Kenosis der höchste Ausdruck der innertrinitarischen Liebe ist, ist Christus des Karsamstags die vollkommenste Ikone dessen, wie Gott ist. Ohne die Kreuzigung auf ein bloßes Präludium zu verweisen, das im Leben Jesu und in seinen Wundern vorhanden ist, ist deshalb weit gefehlt! Balthasar sieht den Auferstandenen an Ostern deshalb nicht in erster Linie als den Gekreuzigten, sondern als denjenigen, der für uns in die Hölle hinabgestiegen ist. Die „aktive“ Passion des Karfreitags ist jedenfalls nicht vollständig ohne die „passive“ Passion des Karsamstags, die ihre Fortsetzung war. Die Liebe Christi erweist sich darin, dass Christus jede Konsequenz der Sünde auf sich genommen hat.

Der Abstieg

Balthasars Bericht über den Abstieg ist eine Welt fernab vom Konzept einer triumphalen Predigt bis zu dem, was fast alle traditionellen Berichte über den Abstieg in die Hölle ausmachen. Balthasar betont die Solidarität Christi mit den Toten, seine Passivität, seine Situation der totalen Selbstverfremdung und der Entfremdung vom Vater. Für Balthasar löst der Abstieg das Problem der Theodizee, indem er uns die Bedingungen zeigt, unter denen Gott unseren vorhergesagten Freiheitsmissbrauch akzeptiert hat: nämlich seinen eigenen Plan, unsere Selbstvernichtung in der Hölle zu sich zu nehmen. Es zeigt auch die Kostspieligkeit unserer Erlösung: Der göttliche Sohn hat die Erfahrung der Gottlosigkeit durchgemacht. Schließlich zeigt es, dass der vom Erlöser offenbarte Gott eine Trinität ist. Nur wenn der Geist, als „das Band der Liebe“ zwischen dem Vater und dem Sohn, Vater und Sohn in ihrer Entfremdung im Abstieg wiederherstellen kann, kann die Einheit des Offenbarten und Enthüllten erhalten bleiben. In dieser letzten Erniedrigung des „forma servi“ leuchtet das glorreiche „forma Die“ durch seinen tiefsten Ton der sich selbsthingebenden Liebe hindurch.

Die Auferstehung

Mysterium Paschale konnte jedoch kein Bericht über das österliche Geheimnis, das Geheimnis des Osterfestes, sein, es sei denn, es ging nach dem Schicksal des Gekreuzigten selbst weiter zur Annahme seines Opfers durch den Vater. Wir nennen die Wiedervereinigung Auferstehung, der Rückgang zum Vater. Obwohl die Rolle des leeren Grabes nicht überspielt wird – was schließlich ein Zeichen ist, mit all den Einschränkungen, die dieses Wort impliziert, beharrt Balthasar in einer Weise darauf, dass der Vater bei der Erhebung des Sohnes nicht auf die pure Zeugung zurückgreift, d.h. er erhebt den Sohn in Sichtbarkeit, anstatt ihn in den vorgeburtlichen Zustand des unsichtbaren Wortes zurückzubringen. Die Erscheinungen der Auferstehung sind keine visionären Erfahrungen, sondern persönliche Begegnungen, auch wenn die Auferstehung selbst durch kein Konzept, keinen Vergleich angemessen gedacht werden kann.

Die Kirche bleibt

Schließlich bietet Balthasar in seinem Bericht über die „typische“ Bedeutung so unterschiedlicher Zeugnisse der Auferstehung wie Petrus, Johannes und der Frauen eine tiefgründige Interpretation der Zusammensetzung der Kirche, die aus dem österlichen Geheimnis Christi hervorgegangen ist. In seiner Darstellung des Zusammenhangs zwischen den männlichen und weiblichen Elementen in der Gemeinschaft des Gekreuzigten und Auferstandenen – der Amtskirche und der Kirche der Liebe – bestätigt Balthasar, dass das, was die wahre Tiefe der Kirche ausmacht ist, wie der abschließende Abschnitt des Mysterium Paschale zeigt, ist die eheliche Reaktionsfähigkeit der Empfänglichkeit und des Gehorsams gegenüber dem Jesus Christus, der als Haupt der Kirche „immer wieder neu in sein eigenes Wesen diejenigen eintaucht, die er als seine Jünger aussendet“.
  Pater Aidan Nichols OP ist Priester und Theologe. Von 2006 bis 2008 war er der erste seit der Reformation Lehrbeauftragte für die Katholische Theologie an der Universität in Oxford. Derzeit Subprior des Dominikaner-Priorats St. Michael in Cambridge.  HIER der Wikipedia-Beitrag über ihn. 

Wer war Maria – wer ist Maria?

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von Sr. Gabriela Wozniak SAS

In „Herrlichkeit I“ spricht Balthasar von einer „Marianischen Gotteserfahrung“ (S. 326-330).  Das Wort „Erfahrung“ hat hier aber eine ganz andere Relevanz als etwa ein Erlebnis oder eine Begegnung. Marianische Gotteserfahrung meint das Kulminieren der Weltgeschichte in der Person Mariens – das Zusammenkommen des Alten und des Neuen Bundes, das „Überfließen“. Ihre Gotteserfahrung ist unüberbietbar, denn sie durfte „das Ganze“ Gottes kennen lernen und in sich tragen. Was bedeutet das alles? 

Zwischen den Testamenten

Maria bildet in sich die Brücke zwischen Altem und Neuem Bund: Das Empfangen Christi geschieht bei ihr noch im Glauben an das Wort Gottes – insofern ist es noch innerhalb des Alten Bundes, als ein Akt des reinen Vertrauens auf die Verheißungen des Gottes Jakobs, Isaaks und Abrahams. Diesen Gott kennt sie aus der Überlieferung und aus den Heiligen Schriften. Dass dieser Gott aber ein dreifaltiger ist und dass ihr Schoß gerade zu einer „Nachbildung“ des Ausfließens der Liebe zwischen den göttlichen Personen wird, steht schon innerhalb des Neuen Bundes und bildet somit das Zentrum des Geheimnisses, in das Maria miteingenommen wurde.

Die Brücke, die Maria baut, ist eine für das gesamte Christentum grundlegende. Ihr Ja ist das Ja der ganzen Schöpfung! Die bis jetzt selbstverständlich menschliche Ich-Du-Beziehung wird in Maria zu einer zwischendimensionalen Erfahrung der Ganzheitlichkeit Gottes. Auf diese Weise ist Maria die erste Prophetin der Vereinigung beider Naturen in Christus und erste Prophetin der Vereinigung beider Sphären in der Kirche. Die göttliche und die menschliche Realität kommen zusammen wie nie zuvor.

Typus und Person

Auf dieser Basis kann man nach Balthasar Maria als Typus der Kirche sehen. Hier, mit der Überschattung der Jungfrau, beginnen die Mysterien des mystischen Leibes Christi, der Kirche. Der Heilige Geist, der über Maria kommt und in ihr das Werk vollbringt, entzieht sich jeder menschlichen Kategorie. Gott ist der Ursprung und der Alles-Andere-Übersteigende, er setzt die Grenzen zwischen den Realitäten.

Maria ist ein Typus der Kirche, insofern sie eine Verbildlichung des Geheimnisses der innertrinitarischen Fruchtbarkeit ist und dieses Geheimnis in sich in eine sie übersteigende Realität übergehen lässt – diese neue Realität ist die Kirche.

Ach, wie modern!

Heute wird Maria innerhalb der feministischen Theologie vor allem als DIE Frau in Gottes Plan vorgestellt. Bei dieser Betrachtungsweise verschwinden oft die Aspekte des Gehorsams, der Demut und das Bild Mariens als die Magd des Herrn. Der Titel der Tochter Zions wird als Zeichen ihrer Erwählung als selbstverständlich wahrgenommen, manchmal noch die Eva-Maria-Parallele[1]. Stellt man die moderne Perspektive Balthasar gegenüber, so kommt die Frage auf: Steht sie bei Balthasar NUR als Typus da? Hatte sie nur rein instrumentale Funktion im Heilsgeschehen? Wird sie gar nicht als Person beachtet?

An diesen Fragen kommen wir nicht vorbei. Wenn Maria nur ein Typus der Kirche war und darüber hinaus keine eigene Persönlichkeit entfalten konnte, so sind mit ihr alle Frauen ein bloßes Abbild einer allgemeinen Idee des Leibes Christi, aber keine in ihrer je sich erweisenden Einmaligkeit wahrgenommenen realen Mitglieder des realen Leibes Christi. Dann fließt zwar alles Weibliche in der Kirche ineinander – Mutter Gottes, Kirche, Frau – jedoch ohne Rücksicht auf die je individuellen Eigenschaften jeder einzelnen.

Gott berührte Maria aber physisch, indem er in ihr zum Gott-Menschen wird. Die Zeugung, der Geistesblitz und die körperliche Schwangerschaft können sich nur in einer leibhaften Person ereignen und dadurch nur einmal und ganz individuell. Erst aus dieser leiblich-sinnlichen Dimension kann sich eine Typologie entfalten. Natürlich steht die Erfahrung Mariens „funktionell“ zur Christologie und damit auch zur Ekklesiologie – aber nur insofern, wie vergleichbarer Weise jeder Mensch funktionell zum Erlösungsmysterium steht. Das Funktionelle gefährdet nicht das Personale, sondern vollendet es. Das Allgemeine – selbst das Augenzeugnis der Apostel – wäre nicht ausreichend, wenn nicht das konkrete, leibliche Ein-Fleisch-Werden in seiner intimsten und gewagtesten Ausprägung – das eine Fleisch zwischen Gott und Mensch, das sich in Maria ereignet hat. Sie ist Typus nur insofern sie Person ist. Ohne ihr Person-Sein wäre die Typologie fällig – die Kirche wäre der Freiwilligkeit ihrer Mitglieder beraubt und würde zu einer zwanghaften Manifestation des Göttlichen in der Welt werden.

Das Universale nur im Konkreten

Es gibt zahlreiche Arbeiten, die Balthasar – weithin zurecht – in die Reihe der Neuplatoniker stellen. Und es gibt tatsächlich viele Tendenzen innerhalb seiner Theologie, die diese Ansicht bestätigen können – oft projiziert Balthasar das ideale Bild eines spekulativen Himmels auf die klassischen Behauptungen der Theologie, was zu einer ziemlichen Weltfremdheit gegenüber dem Alltagsleben führt und ihn in die Reihe der strikt theoretischen Forschung stellt. Spätestens bei der Menschwerdung Gottes in Maria tritt jedoch das ganz normal Menschliche dazu. Spätestens hier erweist sich Balthasar dennoch als – zumindest partieller – Aristoteliker. Der Ideenhimmel und die irdische Hülle finden hier keine Entsprechung mehr. Es gibt kein idealistisches Urbild, das in seiner unvollkommenen Form sich nur schwer in seinem Abbild verwirklichen kann. Der Glaube Mariens ist der von den Vätern Israels durch Jahrhunderte hindurch getragene Glaube, der sich in ihrer Erfahrung auf das Christentum hin öffnet. Sie ist Abbild dessen, was schon real-menschlich längst anwesend war, gleichzeitig Widerspiegelung dessen, was schon seit Ewigkeit real-göttlich da war und ebenso Urbild dessen, was in der Kirche durch Jahrhunderte hindurch getragen werden wird. Mehr noch: Das Personale an Maria wird im Zuge der immerwährenden Erfahrung des Sohnes Gottes zugunsten der Kirche verschenkt.

Maria für alle

Die Frage, die sich abschließend stellt ist dennoch die: Wie verhalten sich die beiden Dimensionen des Daseins Mariens – als Typus und als Person – zueinander?

Ein schwieriger Begriff: Maria kann so als kontingente Manifestation der Gotteserfahrung bezeichnet werden. Religionsphilosophisch steht dieser Begriff für ein Phänomen, das einer Einzelperson zuteilwurde, jedoch auf einen Großteil der Bevölkerung prägenden Einfluss hat[2]. Die entschiedene Mehrheit solcher Phänomene bilden die Schriften der jeweiligen Religion. Da Christentum aber keine Buchreligion ist (Balthasar betont die Tatsache der Menschwerdung durch sein ganzes Werk hindurch!), handelt es sich auch hier nicht um ein Buch, um eine Schrift, an deren Existenz oder Heiligkeit man zweifeln kann. Maria ist die kontingente Manifestation der Gotteserfahrung – in ihrer Persönlichkeit und in ihrer Typologie – oder besser gesagt: Typo-Logik. In ihr ist das Wort Fleisch geworden. Sie trägt deshalb die für das Christentum grundlegende Erfahrung der Menschwerdung in ihrem Schoß, in ihrer irdischen Existenz, schließlich eben – indem sie den Glauben Israels in sich sammelt und durch ihre Offenheit bis zum Glauben unter dem Kreuz zu einer unendlichen Fruchtbarkeit werden lässt. Ihr Typus-Sein ist deshalb der tiefste Ausdruck der fruchtbaren menschlich-göttlichen Vereinigung – und deshalb auch keine Gefährdung der persönlichen Dimension ihrer Mutterschaft, ihres Frau-Seins. Ihr Frau-Sein realisiert sich in ihrem Brautsein, das zu einer durch die Zeit fortdauernden Erfahrung der Kirche führt.

Nimmt man Maria von der Kirche weg – so bleibt uns eine reine Institution, die nicht einmal den Traum wagen würde, den Erlöser in ihrer eigenen Mitte zu haben.


[1] Vgl. MÜLLER Gerhard Ludwig, Katholische Dogmatik. Für Studium und Praxis der Theologie, Freiburg i. Br.7 2005, S. 482.

[2] Vgl. TANASEANU-DÖBLER Ilinca, DÖBLER Marvin, Interpretation religiöser Quellentexte. Die Natur zwischen Gott und Menschen in der Schrift De planctu naturae des Alanus ab Insuris, in: KURTH Stefan, LEHMANN Karsten (hrsg.), Religionen erforschen. Kulturwissenschaftliche Methoden in der Religionswissenschaft, Wiesbaden 2011, S. 21-42, hier S. 23.

Was bleibt in mir von ihm?

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von Roberto Graziotto

Trento-Leipzig. Von 1978 bis Hans Urs von Balthasar’s Tod (1988) habe ich eine kleine, aber für mich entscheidende Korrespondenz mit ihm geführt. Eine „philologische“ Präsentation dieser Korrespondenz übersteigt zurzeit meine Kräfte, da die Briefe auf Französisch und Deutsch und per Hand geschrieben worden sind (die Originale befinden sich in der „Casa Balthasar“ in Rom und Kopien in dem Archiv in Basel und bei mir zu Hause). In diesem Artikel geht es nur darum folgende Frage zu beantworten: was bleibt in mir 40 bis 30 Jahr nach dem Erhalt dieser Briefe? 

Was soll ich nun tun?

Zuerst bleibt das Staunen, dass Balthasar es als wichtig empfunden hatte, einem unbekannten jungen Mann aus Italien (in der Peripherie von Turin) zu antworten – und das in einer Zeit, in der ich mich von der Kirche entfernte. Er antwortete aus dem Geist des Heiligen Ignatius und zwar in erster Linie als geistlicher Vater und nur sekundär als Theologe oder Philosoph, wobei auch in diesem Bereich die Briefe sehr relevant sind und nicht nur für mich. Im Jahr 1978 hatte ich Giulio Girardi in Turin kennengelernt, der von Paul VI sehr geschätzt war, der aber auf Grund seines Dialogs mit dem Kommunismus Wege gegangen war, die der Heiligen Vater damals nicht gutheißen konnte. Meine erste Frage an Balthasar war: was soll ich tun, um ein guter Christ zu sein? Arbeiter-Priester werden? Die Antwort – drei mit der Hand geschriebenen Seiten auf französisch – lautete, dass es nicht so wichtig ist, was ich tun will, sondern was Gott mit mir tun möchte. Der Brief enthielt auch die Frage, ob Gott, da er die Freiheit dem Menschen geschenkt hat, nicht überwältig werden konnte von dem Bösen in der Welt.  Balthasar sagte, dass das nicht möglich ist, da der Abgrund der Freiheit Gottes viel tiefer ist, als die Freiheit des Homo abyssus.

Ein Moment der Wahrheit

Ich hatte Balthasars Adresse von Francesco Coppellotti, der mein Philosophie-Lehrer in Turin war und der mit Henry de Lubac befreundet war, erhalten. Er hatte u.a. den „Atheismus im Christentum“ von Ernst Bloch übersetzt, ein Buch, das der Theologie Balthasars und de Lubac’s diametral entgegenstand. Ich lernte damals das Buch fast auswendig, wie auch die „Minima Morelia“ Adornos. Das kulturelle Urteil Balthasars war klar: es handelt sich um säkularisierten jüdischen Messianismus, der mich in meinem Leben nicht weiter geführt hätte (es sei denn, ich hätte eine ganz andere kulturelle Reife erhalten). Balthasar schrieb gar keinen seiner Briefen mit „captatio benevolentiae“ und nicht weil er autoreferentiell gedacht hätte. Zuerst sagte er von Bloch lediglich, dass dieser Autor ihn an den „wandernden Juden“ erinnert, der einen Sinn sucht. In der „Apokalypse der deutschen Seele“ sprach er von dem jungen Bloch und noch in der Theodramatik spricht er von ihm als eine „faszinierende Gestalt“. Also man kann sowohl in den Werken wie auch in „meinen“ Briefen nicht einen Balthasar finden, der nicht fähig wäre, in Dialog mit Positionen zu treten, die nicht den seinen entsprachen. Was Massimo Borghesi von Luigi Giussani sagt, gilt auch für Balthasar: Es sind Autoren, die eine gewisse Legitimität der Moderne erkannt haben und zwar eine „kritische Legitimität“ und die in keiner Weise als Integralisten (Fundamentalisten) zu beurteilen sind. In Herrlichkeit III,1-2 zeigt Balthasar, wie er fähig ist, alles zu „integrieren“, alles was einen Moment der Wahrheit hat. Wenn er dann zum Schluss in meinen Briefen von Bloch als einen „bösen Mann“ spricht, ist das als eine Hilfe für mich zu verstehen, für meinen persönlichen Weg, der eine „Form“ gesucht hat, der in Bloch oder Adorno nicht zu finden gewesen wäre.

Den Weg erspart man nicht

Noch weniger in Theologen alla Mode wie Hans Küng, der vom Herzen des Christentums, laut Balthasar, nichts verstanden hätte. Dieses Herz schlägt in dem Johanneskommentar Adrienne’s von Speyer, die ich dann sehr tief, sobald ich Deutsch gelernt hatte, meditiert hatte – vielleicht das Buch, das mich am meisten beeinflusst hat und das ich heute noch reflektiere (auch in einer geschlossen Gruppe in Facebook). In jedem Vers des Evangeliums und des Kommentars konnte ich mich in einer tiefen Unterscheidung der Geister üben, um zu verstehen wer Christus ist und zwar für mich. Ich erinnere mich noch heute mit sehr großer Resonanz in mir, an den Vorschlag Balthasars: beten Sie in großer Demut: Herr, ich glaube, hilf meinem Unglauben (vgl. Mk 9). Die Briefe konnten der „unglücklichen Seele“ (Hegel) eines jungen Mannes, sogar einer „neurotischen Seele“ (wie Balthasar sich ausdrückte) den Weg in den Abyssus der Gottlosigkeit nicht ersparen, aber der Same wirkte, so dass ich ein Jahr vor seinem Tod den Weg zur Kirche wieder fand. Er freute sich wie sich nur ein Kind sich freuen kann, als ich ihm erzählte, dass ich 10 Tage der Exerzitien des Ignatius gemacht hatte. Aber nicht diese Exerzitien, wenigstens nicht sie allein, sondern die Begegnung mit ihm in Basel (und mit Cornelia Capol, die dann eine meiner besten Freundinnen geworden ist) brachte den Durchbruch: ich habe nie eine Sekunde gezweifelt, dass die Begegnung mit meiner Frau Konstanze, kurz nach dem ich Balthasar getroffen hatte, kein Zufall war. Er wusste, dass ich eine Form brauchte, aber noch mehr eine Begleitung meines Lebens: in Konstanze fand ich beides, Form und Begleitung.

Nur zwei Philosophen

In einer Postkarte schrieb Balthasar mir, dass er in Deutschland, wo ich ein Doktorat schreiben wollte, nur 2 Philosophen kenne, die er mir empfehlen könne: Robert Spaemann, bei dem ich dann tatsächlich angefangen habe zu schreiben und Ferdinand Ulrich, der dann vielleicht einer meiner besten Freunde geworden ist. Von Robert Spaemann habe ich gelernt, einige Themen der Moralphilosophie im Unterschied zwischen Dinge und Personen zu durchdenken. Von Ferdinand Ulrich das Geheimnis der Gratis Liebe, das das Sein in seiner Schenkung offenbart.

Wofür stehen Sie?

In einer der Briefe hatte ich Comunione e Liberazione kritisiert und zwar für das, was ich als politische Machenschaften dubiöser Art beurteilt hatte; Balthasar ließ sich nicht in die Diskussion hinein (ich war sehr jung und er wusste, dass diese Kritik, damals, nur Ausdruck meiner Unzufriedenheit war) und fragte mich lediglich: wofür stehen Sie, jenseits aller Kritik? Viele Jahre später, ich glaube 2010, fünf jähre nach dem Tod Luigi Giussanis und 22 nach dem Tod Balthasars konnte ich verstehen, betend am Grab Balthasars in Luzern, dass die Umarmung zwischen den beiden, die ich in den 80er Jahren in Rom gesehen hatte, während des vom Heiligen Johannes Paul II. gewollten Symposiums über Adrienne und nachdem Balthasar im letzten Vortrag das Kreuz als die Beichte der Sünden der Welt erklärt hatte, mich und meine Sendung  endgültig hervorgebrachte hatte. Als Philosoph kann ich nicht anders als Themen zu durchdenken und zu vertiefen, aber nur die Bindung an der Kirche cum et sub Petrum, ermöglich das Scheinen in unserem Leben von dem was einzig glaubwürdig ist: die Liebe, eine Liebe, die bis in die Formlosigkeit der Hölle hinabgestiegen ist, die sich aber auch immer in konkreten Freundschaften verifizieren lässt.   © Bildernachweis: Titelbild: Hans-Urs-von-Balthasar-Archiv; Bilder im Text: pixabay

Ist ein kniender Theologe ein Mystiker?

Wir wollen heute in die Mystik von Balthasar hineinschauen. Ich glaube, er ist ein der wenigen Theologen, der so unmittelbar auf die übernatürlichen Quellen verweist. Aber war er auch selber ein Mystiker? Dazu wurde Roberto Graziotto von Sr. M. Gabriela Wozniak SAS befragt. 

Wenn Sie an Hans Urs von Balthasar denken: War er ein Theologe, von dem man sagen kann, dass seine Theologie mystisch sei?

Die Frage, die zu hier zunächst zu beantworten ist, ist: Was bedeutet „mystisch“? Karl Rahner SJ, auch ein großer deutschsprachiger Theologe, mit dem Balthasar in Cordula polemisiert hat (bezüglich der Frage, ob es ein anonymes Christentum überhaupt geben kann), sagte, dass das Christentum in der Zukunft mystisch wird oder es nicht mehr existieren wird. Ich verstehe diesen Satz so, dass wenn das Christentum sich nur als eine Wiederholung versteht von dem, was im Katechismus zu lesen ist, wird es überhaupt nicht bestehen können in einer Welt, die ganz anders denkt und spürt.  Wir müssen keine Lehre „wiederholen“, sondern sie existentiell erfahren und verinnerlichen. In seinen „Letzten Gesprächen“ behauptet Benedikt XVI, dass Balthasar, der genialste Theologe gewesen sei, dem er begegnet ist, ein Mystiker. Ich glaube, dass es hier nicht um etwas Kurioses geht, sondern um eine innerliche Vertiefung und Erfahrung der christlichen Wahrheiten, insbesondere dessen, dass Gott die Liebe ist.

Wer war für ihn Adrienne von Speyr?

An einer Tagung, die im November 2017 in Vatikan stattgefunden hat, hat Pater Jacques Servais SJ, einer der größten Kenner sowohl Adriennes wie auch von Balthasars, behauptet, Adrienne sei der „Polarstern“ Balthasars gewesen. Also jemand, der ihn mit ihrem ganzen Leben auf Christus, die zweite Person der Dreifaltigkeit, verwiesen hat. Balthasar sagte in einer seiner letzten Schriften, dass sein Werk und das Werk Adriennes weder „philologisch noch psychologisch“ zu trennen seien. Es handelt sich um eine gemeinsame Sendung, die – wie alle Sendungen – nur als von Gott gewollt zu verstehen ist und die sich zuerst als Gründung einer Gemeinschaft (Adrienne sprach von dieser Gemeinschaft als „Kind“) und dann als theologische Erörterung verwirklicht hat. Adrienne ist zweifelsohne eine Mystikerin, auch im engen Sinne des Wortes, jemand, dem der Himmel offen ist, wie in Balthasars Erster Blick auf Adrienne von Speyr zu lesen ist. Adrienne wollte jedoch nicht als eine Zirkusattraktion verstanden werden. Sie hat sich auch ein bisschen geschämt für die Wunder, die durch sie, geschahen. Zweifelsohne war jedoch ihr der Himmel jahrzehntelang offen; nicht nur heute in Medjugorje, auch damals in Basel oder wo sich eben Adrienne befand, haben sich jahrelang Erscheinungen etwa Marias oder des Hl. Ignatius (der Adrienne und Hans Urs SPN nannten: sanctus pater noster) ereignet. Was ist aber das Wesentliche dabei? Das Wesentliche war, dass zwei Menschen, eine Ärztin und ein Theologe, sich als Instrumente der göttlichen Liebe verstanden haben, sich haben verwenden lassen. Dass sie ganz offen waren für das was Gott wollte; und Gott wollte etwas ganz Wichtiges: jemand der bereit war, um so zu sagen, ihn in seinen descensus ad inferos zu begleiten. Wir erwarten vielleicht Erfolg für unsere Bereitschaft, Christ zu sein, aber wer ist bereit, die Gratis Liebe, die Gott ist, dort zu folgen und zu begleiten, wo es dunkel wird, wo die Ungerechtigkeit und die Brutalität der Sünde konzentriert anwesend sind: in die Hölle?

Solchen Sendungen gegenüber kommt die Kirche mit ihrer Anerkennung immer zu spät, aber es ist nicht schlimm. Hauptsache ist, dass eine dankbare Anerkennung stattfindet, da die Kirche die Zeit braucht, um sich mit der Sache auseinanderzusetzen und sie authentisch zu überprüfen.

Kann man also seine Theologie zusammen mit der Adriennes setzen? Verschwindet dann sein Ansatz nicht? Oder es ist „nur“ als Ausdeutung der Mystik Adriennes zu verstehen?

Welcher wäre dann der Ansatz Balthasars? Ganz jung in seiner Apokalypse der deutschen Seele, die vor der Begegnung mit Adrienne geschrieben worden ist, versucht Balthasar die deutsche Seele „beichten“ zu lassen, indem er sie angesichts Christi gestellt hat. Was besteht von Drang dieser Seele angesichts Christi? So könnte man die Bände zusammenfassen. Die Begegnung mit Adrienne bedeutet für Balthasar auch eine Menge Arbeit, da fast alle Bücher Adriennes Diktaten waren, die Balthasar stenographiert hat und dann als Bücher herausgegeben hat. Die Fertigstellung dieser Bände war ihm wichtiger als seine Trilogie (Herrlichkeit, Theodramtik und Theologik), in denen der reife Balthasar versucht, aufgrund der Transzendentalien des Schönen, des Guten (Freiheit) und des Wahren, die gesamte metaphysische europäische Tradition (Literatur, Philosophie und Theologie) „beichten“ zu lassen: Was besteht in der europäischen kulturellen Geschichte angesichts des konkreten und universalen Logos, der Christus ist? Die Werke Adriennes sind grundsätzlich Kommentare der Bibel, die „Auswortung“ des konkreten universellen Logos. Der Logos („das Wort“, wie Luther übersetzt) ist nicht die Bibel, der Logos ist Christus selbst.  Und was tut Christus? Auf dem Kreuz beichtet er die gesamte Sünde der Welt, um in der Auferstehung eine „überraschende“ Absolution zu bekommen! Mir scheint, dass in dieser Idee der „Beichte“ der Schlüssel zu finden ist, der das Gesamtwerk der Beiden öffnet, ohne die einzelnen Werke „gleichzumachen“ – womöglich, wie in dem schon zitierten römischen Symposion gesagt worden ist, werden einige Leser Balthasars Adrienne nicht verstehen können (Benedikt XVI gehört hierzu, der freilich versteht was er von ihr liest, aber der keinen fruchtbaren Zugang zu Adrienne gefunden hat) und einige Leser Adriennes werden Balthasar nicht verstehen (etwa die Frauen, die sich in San Francisco regelmäßig getroffen haben um Adrienne zu lesen). Es ist auch gut so! Und dennoch willentlich die zwei trennen zu wollen, entspricht nicht der Sinn dieser gemeinsamen Sendung.

Gab es andere Einflüsse aus dem „übernatürlichen“ Bereich, die seine Theologie, geprägt haben?

Wie schon Pater Henri de Lubac SJ sagte, haben wir bei Balthasar mit dem „vielleicht gebildetsten Menschen des zwanzigsten Jahrhunderts“ zu tun. Nirgends findet sich „das Beste“ in dieser Fülle präsent, wie im Werk Balthasars. Auch im Bereich der Geschichte der Mystik (unzähligen Frauen sind in seinem Werk zitiert worden), der europäischen theologischen Tradition… Er dirigiert ein gigantisches Orchester und die Einflüsse kommen hinzu von überall her, besonders von den Mystikerinnen wie z.B. Juliane von Norwich, die das Thema der „Hoffnung für alle“ „erfahren“ hat. Gerade weil die ganze Sünde von Christus „gebeichtet“ worden ist, dürfen wir eine vernünftig für alle Menschen auf Erlösung hoffen. Die Hoffnung der Rettung aller hat freilich mit einem Wissen, wie es ihm vorgeworfen worden ist, gar nichts zu tun. Eine solche Gnosis, ein solches Wissen würde die Freiheit der Menschen überspringen.

Was kann das für die Theologie heute bedeuten?

Ich würde nicht so sehr den „übernatürlichen“ Spuren nachgehen, auch wenn in der Wirklichkeit in der Übernatur der Kirche viel Trost gespendet worden ist. Ich würde eher sagen, dass Adrienne und Hans Urs uns eine Theologie als Erbe hinterlassen haben, die immer wieder in die Knie geht. Eine Theologie, die Gebet und Wissenschaft verbindet. Man wird nie im Herzen dieser Sendung reinkommen ohne eine Haltung des Gebetes. Wie bei Papst Franziskus, der die kleine Therese verehrt, geht es bei ihnen auch nicht nur und nicht primär um viel Wissen, sondern um ein „sentire cum ecclesia“, und das „Sentire“ stammt nicht von der Gnosis, sondern von einer demütigen Haltung des Gebetes. Das ist wohl die Mystik, die wir brauchen als Erfahrung und als Gebet.

Was ist „dialogische Freiheit“?

Am 12.10.2018 an der Theologischen Fakultät der Katholischen Peter-Patzmany-Universität in Budapest hat Prof. Dr. Hermann Stinglhammer (Universität Passau) einen Vortrag über dialogische Freiheit als Weg zum Verstehen der Theodramatik gehalten. Klingt kompliziert? Ist aber schön! Hier einige Lichtblicke. Den Vortrag kann man sich auch ganz herunterladen.

Eine einzelne Freiheit gibt es nicht

Es ist die schlichte Erfahrung des Menschseins, dass jene einzelne Freiheit sich immer schon vorfindet im Raum anderer Freiheit. Dies bedeutet ontologisch, dass es eine einzelne Freiheit überhaupt nicht gibt und Freiheit im Sinne eines absoluten Aus-sich-selbst-heraus-Beginnens und Existierens ein Selbstwiderspruch ist. Warum? Jede einzelne Freiheit ist immer schon eingewiesen in den Raum anderer Freiheit, aus dem sie stammt, von dem her sie erst zu sich selbst kommt. Um dies zu konkretisieren, verweist Balthasar auf die existentiale Grundsituation des Neugeborenen, das erst durch die Mutter – und sie steht hier primär für den Raum der übrigen Freiheiten – zu seinem Ichsein erweckt wird. Mit anderen Worten: Die Stelle, wo Freiheit zu sich selbst hineinfindet und zu sich selbst ermächtigt wird, ist der Du-Raum des Anderen. Die Freiheit der anderen ist der stellvertretende Raum für meine eigene Freiheit, in dem diese erst zu sich selbst freigesetzt wird. Diese wird durch die anderen also zu sich selbst eröffnet. Dies ist aber nur dann möglich, wenn andere Freiheit sich mir selbst in Freiheit schenkt. Denn Freiheit kann nur frei gewährt werden. Der Raum der anderen Freiheit öffnet sich mir aber nicht, wenn und insofern ich ihn mir gewaltsam einverleibe und einordne, sondern dort, wo ich mich der anderen Freiheit öffne, sie sein lasse, sodass sie sich in ihrer eigenen Freiheit mir gewähren und schenken kann. Das egozentrische Ich bleibt in der Konsequenz ein armes, weil unbeschenktes Ich, eine monologische Freiheit, die nicht über sich selbst hinaus kommt und in den Reichtum hineinfindet, der ihr nur durch andere Freiheit geschenkt werden kann.

Genau an dieser Stelle der menschlichen Freiheitsaporie öffnet sich für Balthasar theologisch der Raum der unendlichen Freiheit, aus dem heraus die endliche Freiheit von Gott freigesetzt wird. Er verweist daher stets auf Apk 2,17, da der Geist Gottes spricht: „Ich werde ihm einen weißen Stein geben und auf dem Stein steht ein neuer Name, den nur der kennt, der ihn empfängt“. Dieser Vers steht in Balthasars Sicht für die Grundbestimmung menschlicher Identität, sofern der Mensch von dort mit ihr beschenkt wird. Endliche Freiheit ist eine auf Gott hin vorläufige Freiheit, die ihr Ziel nicht in sich selber findet.

Theo-logische Freiheit?

Balthasar weist im Zusammenhang seiner zunächst formal-abstrakten freiheitstheologischen Argumentation in Theodramatik 2,1 darauf hin, dass bereits in der antiken Philosophie gesehen wird, dass autonome geschöpfliche Freiheit nur im Horizont der unendlichen Freiheit zu denken ist. Als die höchste Form einer solchen Philosophie im Antik-Außerchristlichen nennt Balthasar die Philosophie Plotins. Allerdings kommen hier Mensch und Gott nicht zueinander.[1] Nach Balthasar löst sich diese Tragik erst im Raum der biblischen Offenbarung, in dem sie sich nun als eine Freiheit begreifen darf, die eingeladen ist, sich selbst in der unendlichen Freiheit Gottes zu vollenden. Diese biblisch-christliche Sichtweise bleibt für Balthasar auch die kritische Norm für das moderne Freiheitsdenken, das sich von Gott lossagt, um dann den Menschen in seinem absoluten Freiheitsstreben selbst nicht mehr verstehen zu können – denken wir nur an Sartre. Dies ist die Tragik der modernen Freiheit. Nicht im Menschen selbst liegt also das Maß seiner Freiheit, sondern allein in dem Gott, von dem sie herkommt. Also nicht: „Cogito ergo sum“, wie es die Neuzeit mit Descartes sprechen wird, sondern: „Cogitor ergo sum“: „Ich werde gedacht, von Gott“, also bin ich und bin ich frei. Oder mit Augustinus formuliert: „Der Mensch lebt‚ über sich‘.“ Damit offenbart sich für Balthasar im Horizont des Jüdisch-Christlichen eine fundamentale Grammatik, die wie ein Wasserzeichen in die endliche Freiheit eingeschrieben ist. Gott ist nicht der Konkurrent der menschlichen Autonomie– dies ist ja die Angst der Moderne bis hinein in die Gegenwart. Gott ist vielmehr ihr sie freisetzender Grund und ihr erfüllendes Ziel. Und er ist auch ihr Weg dorthin. Die christologischen und trinitarischen Reflexionen Balthasars, auf die wir uns dabei gedanklich zubewegen, werden dies verdeutlichen. In seiner Grundlegung will Balthasar vor allem zeigen, dass die christliche Synthese von endlicher und unendlicher Freiheit jenseits der modernen Alternative „menschliche Autonomie oder Gott“ liegt. Die entsprechende Haltung gegenüber der Freiheit Gottes liegt in der Sicht des Alten Testamentes in ihrem Entscheid zum „Bund mit Gott“, d.h. konkret in der Haltung des Ge-horsams, des Hörens auf Gott („Schema Israel“). Diese Struktur wird auch die christologische Gestalt der Freiheit bilden, wie sie im Sendungsraum Jesu Christi greifbar  wird.

Göttliche Freiheit der Hingabe: Urbild der geschaffenen Freiheit

In der christo-logischen Sendungsgestalt des menschgewordenen Sohnes Gottes wird die endliche, d.h. konkret: sündige, in sich verschlossene Freiheit, wieder auf ihre Gottesbeziehung eröffnet. Insofern ist nach Hans Urs von Balthasar die Christologie mit dem Wort Gregors von Nyssa charakterisiert: „Unser Spiel spielt in seinem Spiel“[2].

Wie ist nun Seine Freiheit zu charakterisieren? Kurz zusammengefasst als die wechselseitige Hingabe von Vater und Sohn in der Communio des Geistes. Damit zeigt sich eine lebendige Dynamik wechselseitiger Öffnung auf das Du von Vater und Sohn im gemeinsamen Geist. Die Liebe ist wesentlich relational, weil Liebe immer auf die Einheit mit einem Du zielt, sodass sie erst als Wir-Einheit konkret ist. So zeigt sich nach Balthasar in der Trinität die konkrete Wirklichkeit Gottes als die Communio der Liebe. Und eben darin ist er das Urbild aller geschaffenen Freiheit. Der konkrete Weg der endlichen Freiheit ist – zumal im Raum der Sünde – der Weg in der personalen Nachfolge Jesu Christi. Sein Wort und seine Wahrheit sind es, die den Menschen befreien (vgl. Joh 8,32).

Warum es sich lohnt, mit Balthasar Theologie zu lernen

Balthasar ist kompliziert, komplex, weitläufig und in seinen theologiegeschichtlichen Argumentationen oft schwer nachvollziehbar – er weiß so viel! Seine Sprache macht es nicht leichter. Ist es also die Mühe wert, die man in seine Theologie – zu der auch diejenige Adrienne von Speyrs[3] unablösbar gehört – stecken muss? Einige kurze Striche mögen als Antwort genügen.

Balthasar denkt Theologie ganz modern, wenn er sie im Horizont der Freiheit denkt. Eben diese sucht die Gegenwart wie im Fieber, ohne sie finden zu können. Dies liegt daran, dass sie die Freiheit als autonome nicht richtig denkt und lebt. Dabei bleibt Balthasar mit dem Thema der Freiheit ganz bei der Sache der Theologie selbst und entfaltet sie aus dem Raum eines breiten und tiefen kirchlich-katholischen Denkens.

Gerade darin zeigt sich Hans Urs von Balthasar inspirierend für gegenwärtige Philosophen, die sich von der transzendentalen Subjektphilosophie abwenden, wie etwa Jean-Luc Marion.[4] Auch er versteht mit Balthasar das Ich und seine Wahrheit innerhalb seiner phänomenologischen Analysen von der Wirklichkeit des Anderen her, das sich dem Subjekt als Gabe verschenkt, sodass auch hier die Haltung des Subjekts nicht die der Bewältigung, sondern des Empfangens ist, die dem trinitarischen Seins-Sinn der Liebe als göttlichen Gehalt von Freiheit entspricht. Dies kann man in einer neuen und vertieften Sicht mit der Theologie Hans Urs von Balthasars lernen.

[1] Der antike Mythos des Sisyphos, der den Stein (der Endlichkeit) vergeblich nach oben wälzt und immer wieder an seinem Ziel scheitert, steht genau dafür.

[2] Vgl. dazu Stinglhammer, a.a.O. 125ff.

[3] Vgl. Hans Urs von Balthasar: Unser Auftrag. Bericht und Entwurf, Einsiedeln 1994.

[4] Jean-Luc Marion: Gegeben sei. Entwurf einer Phänomenologie der Gegebenheit, Freiburg/München 2015. Vgl dazu: Thomas Alferi: „…Die Unfasslichkeit der uns übersteigend-zuvorkommenden Liebe Gottes…“. Von Balthasar als Orientierung für Marion, in: Hanna-Barbara Gerl-Falkowitz (Hg.): Jean-Luc Marion. Studien zum Werk, Dresden 2013, 103-125.

Prof. Dr. Hermann Stinglhammer,Diözesanpriester der Diözese Passau, Professor für Dogmatik an der Universität Passau, leitet die Forschungsstelle Hans Urs von Balthasar.

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Rezension: „Verkaufe alles und folge mir nach“

Buchrezension

Verkaufe alles und folge mir nach

Hans Urs von Balthasar.

Mit der Einleitung von Stefan Oster SDB

Der Johannes-Verlag hat sich hinsichtlich der Bischofssynode zur Jugend entschieden, das Berufungsbüchlein Balthasars noch einmal aufzulegen. Der Titel des Bandes lautet „Verkaufe alles und folge mir nach“. Das Vorwort stammt vom deutschen Jugendbischof, Stefan Oster SDB. Was enthält das Büchlein und lohnt es sich, dieses in die Hand zu nehmen? Darüber sollen die nächsten Zeilen berichten.