Teil V: Ein Opfer der Kirche?

KURS: Das Heilige Messopfer
Teil 5: Das Opfer der Kirche?

von Jean Elizabeth Seah und Sr. Gabriela Wozniak

Wir haben gesehen, wie sich das Opfer der Eucharistie in verschiedenen Opfern des Alten Testamentes vorbildet. Etwa für den Autor des Hebräerbriefes durften diese Zusammenhänge noch klar sein. Die Kirchenväter nehmen ebenso das Alte Testament in Betracht, wenn sie von der Eucharistie sprechen. Hans Urs von Balthasar schafft es, aus diesem Hintergrund, sowie mit Hilfe seines umfassenden theodramatischen Konzeptes, die Eucharistie neu zu lesen: sie wird für einen jeden von uns lebendig und lebbar.

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Fragen über Fragen

In einem 1985 publizierten Artikel (siehe: IKaZ Communio 14/1985, S. 236-241) fragt Balthasar im Hinblick auf den Opfercharakter der Eucharistie: Inwiefern ist die Eucharistie als ein Opfer der Kirche anzusprechen? Er weist darauf hin, dass in der Eucharistie selbst mit der Bezeichnung „Opfer“ sowohl „diese heilige und makellose Opfergabe“ (hostia), als ein „Lobopfer“ (hostia laudis) gemeint ist. Was verbirgt sich aber unter diesen Bezeichnungen? Sind es die Gaben unserer Hände, oder schon das Opfer Christi, das in der Kirche vergegenwärtigt wird? Auch nach der Wandlung bleibt die Frage offen, ob die Kirche das Opfer Christi dem Vater „bloß dankbar darreicht“, oder ob sie sich mit dem Opfer Christi zusammen selbst opfert?

Das einmalige Opfer

Balthasar sieht die Notwendigkeit der Vor-Begründung des Opfers Christi im Alten Testament ein, er betont aber, dass die Einmaligkeit des Kreuzes schließlich alles Alttestamentliche hinter sich lassen muss, um das Besondere des Opfers Christi im vollen Glanz leuchten lassen zu können. Im Akt der Selbstopferung Christi – als das geschlachtete Lamm – zeigt sich als Erstes die unbegreifliche Liebe Gottes, die Christus zur stellvertretenden, freiwillig auf sich genommenen Sühne macht. Deshalb ist die Form der Eucharistie – als die unblutige Vergegenwärtigung des einst geschehenen Kreuzereignisses – nur ungenaues Wiedergeben des innersten Wesens. Es geht dabei weniger um eine rein leibliche Trennung von Leib und Blut, als um einen geistigen Zustand. Jesu Opfer war der größte Verzicht des Sohnes Gottes, der in intimster Nähe zum Vater lebt: Er nahm die Gottverlassenheit auf sich.

Das Opfer als Verzicht

In allen besprochenen Opfern des Alten Testamentes finden wir immer ein Konstitutivum: Opfer bedeutet Verzicht, man hat immer das Beste geopfert, bis hinein in die heroischste Absicht Abrahams. Gott ersetzte die menschliche Erstgeburt durch eine tierische, er schonte aber den eigenen Sohn nicht (vgl. Röm 8,32). Ist dieses größte Opfer zusammenzusetzen mit dem Wenigen, was die Kirche gibt? Selbst die Verzichte der ersten Gemeinde auf Eigenbesitz wären hier unwahrscheinlich klein, geschweige denn die sich daraus entwickelnde Messstipendien und Kollektensammlungen, die als Anteil des Volkes Gottes am Opfer der Kirche vielfach verstanden wurden. Aber hat dieses winzig kleine Opfer irgendwas noch mit dem Opfer Christi zu tun?

Christus selber nahm die Kirche, seinen Leib in sein Opfer mithinein: Für sie heilige ich mich (Joh 17,19). Das besagt ferner, dass jedes menschliche Leiden, das um Christi Willen angenommen wurde, nicht nur bloße Nachfolge bedeutet, sondern als Teilnahme an seinem Kreuzesopfer gewertet werden darf und soll.

Ein Opfer der Kirche

Erst aus dieser Sicht heraus kann man die Frage stellen, ob denn die Kirche nicht nur „mitgeopfert wird“, sondern ebenso aktiv „mitopfert“. Die Kirche als Ganzes und als je konkrete Gemeinde hat einen existenziellen Anteil am Opfer Christi, sowie sie schon Maria, dem Lieblingsjünger und anderen unter dem Kreuz zugemutet wird, auch wenn es nur Ja zu seinem Schmerz bedeutet. Darin kommt auch deutlich zum Ausdruck, dass die Eucharistie, wie ihre Verkündigung nicht ein bloß formeller, sondern vor allem ein existenzieller Akt der Kirche ist, dass folglich die Kirche das leistet, „was an den Leiden Christi noch fehlt“ (Kol 1,24), das heißt: all das „wofür der Gekreuzigte eine Stelle in seinem Leiden offengelassen hat: für das aktive Jawort von Maria, Johannes, Petrus und all derer, für die sei stehen“ (Balthasar).

Das liebende Ja soll also von der Kirche immer neu gesprochen werden, um einen alttestamentlichen legalistischen Opferbegriff hinter sich zu lassen und in ein Opfer der lebhaften Heiligkeit zu treten, so wie das Maurice de la Taille beschreibt:

„Schreit doch wirklich auf den Altären der Kirche Christi Blut, und es schreit durch unseren Mund und durch unser Herz in dem Maße, als ihm von uns eine Gelegenheit zum Schreien gewährt wird“.

Was bleibt in mir von ihm?

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von Roberto Graziotto

Trento-Leipzig. Von 1978 bis Hans Urs von Balthasar’s Tod (1988) habe ich eine kleine, aber für mich entscheidende Korrespondenz mit ihm geführt. Eine „philologische“ Präsentation dieser Korrespondenz übersteigt zurzeit meine Kräfte, da die Briefe auf Französisch und Deutsch und per Hand geschrieben worden sind (die Originale befinden sich in der „Casa Balthasar“ in Rom und Kopien in dem Archiv in Basel und bei mir zu Hause). In diesem Artikel geht es nur darum folgende Frage zu beantworten: was bleibt in mir 40 bis 30 Jahr nach dem Erhalt dieser Briefe? 

Was soll ich nun tun?

Zuerst bleibt das Staunen, dass Balthasar es als wichtig empfunden hatte, einem unbekannten jungen Mann aus Italien (in der Peripherie von Turin) zu antworten – und das in einer Zeit, in der ich mich von der Kirche entfernte. Er antwortete aus dem Geist des Heiligen Ignatius und zwar in erster Linie als geistlicher Vater und nur sekundär als Theologe oder Philosoph, wobei auch in diesem Bereich die Briefe sehr relevant sind und nicht nur für mich. Im Jahr 1978 hatte ich Giulio Girardi in Turin kennengelernt, der von Paul VI sehr geschätzt war, der aber auf Grund seines Dialogs mit dem Kommunismus Wege gegangen war, die der Heiligen Vater damals nicht gutheißen konnte. Meine erste Frage an Balthasar war: was soll ich tun, um ein guter Christ zu sein? Arbeiter-Priester werden? Die Antwort – drei mit der Hand geschriebenen Seiten auf französisch – lautete, dass es nicht so wichtig ist, was ich tun will, sondern was Gott mit mir tun möchte. Der Brief enthielt auch die Frage, ob Gott, da er die Freiheit dem Menschen geschenkt hat, nicht überwältig werden konnte von dem Bösen in der Welt.  Balthasar sagte, dass das nicht möglich ist, da der Abgrund der Freiheit Gottes viel tiefer ist, als die Freiheit des Homo abyssus.

Ein Moment der Wahrheit

Ich hatte Balthasars Adresse von Francesco Coppellotti, der mein Philosophie-Lehrer in Turin war und der mit Henry de Lubac befreundet war, erhalten. Er hatte u.a. den „Atheismus im Christentum“ von Ernst Bloch übersetzt, ein Buch, das der Theologie Balthasars und de Lubac’s diametral entgegenstand. Ich lernte damals das Buch fast auswendig, wie auch die „Minima Morelia“ Adornos. Das kulturelle Urteil Balthasars war klar: es handelt sich um säkularisierten jüdischen Messianismus, der mich in meinem Leben nicht weiter geführt hätte (es sei denn, ich hätte eine ganz andere kulturelle Reife erhalten). Balthasar schrieb gar keinen seiner Briefen mit „captatio benevolentiae“ und nicht weil er autoreferentiell gedacht hätte. Zuerst sagte er von Bloch lediglich, dass dieser Autor ihn an den „wandernden Juden“ erinnert, der einen Sinn sucht. In der „Apokalypse der deutschen Seele“ sprach er von dem jungen Bloch und noch in der Theodramatik spricht er von ihm als eine „faszinierende Gestalt“. Also man kann sowohl in den Werken wie auch in „meinen“ Briefen nicht einen Balthasar finden, der nicht fähig wäre, in Dialog mit Positionen zu treten, die nicht den seinen entsprachen. Was Massimo Borghesi von Luigi Giussani sagt, gilt auch für Balthasar: Es sind Autoren, die eine gewisse Legitimität der Moderne erkannt haben und zwar eine „kritische Legitimität“ und die in keiner Weise als Integralisten (Fundamentalisten) zu beurteilen sind. In Herrlichkeit III,1-2 zeigt Balthasar, wie er fähig ist, alles zu „integrieren“, alles was einen Moment der Wahrheit hat. Wenn er dann zum Schluss in meinen Briefen von Bloch als einen „bösen Mann“ spricht, ist das als eine Hilfe für mich zu verstehen, für meinen persönlichen Weg, der eine „Form“ gesucht hat, der in Bloch oder Adorno nicht zu finden gewesen wäre.

Den Weg erspart man nicht

Noch weniger in Theologen alla Mode wie Hans Küng, der vom Herzen des Christentums, laut Balthasar, nichts verstanden hätte. Dieses Herz schlägt in dem Johanneskommentar Adrienne’s von Speyer, die ich dann sehr tief, sobald ich Deutsch gelernt hatte, meditiert hatte – vielleicht das Buch, das mich am meisten beeinflusst hat und das ich heute noch reflektiere (auch in einer geschlossen Gruppe in Facebook). In jedem Vers des Evangeliums und des Kommentars konnte ich mich in einer tiefen Unterscheidung der Geister üben, um zu verstehen wer Christus ist und zwar für mich. Ich erinnere mich noch heute mit sehr großer Resonanz in mir, an den Vorschlag Balthasars: beten Sie in großer Demut: Herr, ich glaube, hilf meinem Unglauben (vgl. Mk 9). Die Briefe konnten der „unglücklichen Seele“ (Hegel) eines jungen Mannes, sogar einer „neurotischen Seele“ (wie Balthasar sich ausdrückte) den Weg in den Abyssus der Gottlosigkeit nicht ersparen, aber der Same wirkte, so dass ich ein Jahr vor seinem Tod den Weg zur Kirche wieder fand. Er freute sich wie sich nur ein Kind sich freuen kann, als ich ihm erzählte, dass ich 10 Tage der Exerzitien des Ignatius gemacht hatte. Aber nicht diese Exerzitien, wenigstens nicht sie allein, sondern die Begegnung mit ihm in Basel (und mit Cornelia Capol, die dann eine meiner besten Freundinnen geworden ist) brachte den Durchbruch: ich habe nie eine Sekunde gezweifelt, dass die Begegnung mit meiner Frau Konstanze, kurz nach dem ich Balthasar getroffen hatte, kein Zufall war. Er wusste, dass ich eine Form brauchte, aber noch mehr eine Begleitung meines Lebens: in Konstanze fand ich beides, Form und Begleitung.

Nur zwei Philosophen

In einer Postkarte schrieb Balthasar mir, dass er in Deutschland, wo ich ein Doktorat schreiben wollte, nur 2 Philosophen kenne, die er mir empfehlen könne: Robert Spaemann, bei dem ich dann tatsächlich angefangen habe zu schreiben und Ferdinand Ulrich, der dann vielleicht einer meiner besten Freunde geworden ist. Von Robert Spaemann habe ich gelernt, einige Themen der Moralphilosophie im Unterschied zwischen Dinge und Personen zu durchdenken. Von Ferdinand Ulrich das Geheimnis der Gratis Liebe, das das Sein in seiner Schenkung offenbart.

Wofür stehen Sie?

In einer der Briefe hatte ich Comunione e Liberazione kritisiert und zwar für das, was ich als politische Machenschaften dubiöser Art beurteilt hatte; Balthasar ließ sich nicht in die Diskussion hinein (ich war sehr jung und er wusste, dass diese Kritik, damals, nur Ausdruck meiner Unzufriedenheit war) und fragte mich lediglich: wofür stehen Sie, jenseits aller Kritik? Viele Jahre später, ich glaube 2010, fünf jähre nach dem Tod Luigi Giussanis und 22 nach dem Tod Balthasars konnte ich verstehen, betend am Grab Balthasars in Luzern, dass die Umarmung zwischen den beiden, die ich in den 80er Jahren in Rom gesehen hatte, während des vom Heiligen Johannes Paul II. gewollten Symposiums über Adrienne und nachdem Balthasar im letzten Vortrag das Kreuz als die Beichte der Sünden der Welt erklärt hatte, mich und meine Sendung  endgültig hervorgebrachte hatte. Als Philosoph kann ich nicht anders als Themen zu durchdenken und zu vertiefen, aber nur die Bindung an der Kirche cum et sub Petrum, ermöglich das Scheinen in unserem Leben von dem was einzig glaubwürdig ist: die Liebe, eine Liebe, die bis in die Formlosigkeit der Hölle hinabgestiegen ist, die sich aber auch immer in konkreten Freundschaften verifizieren lässt.   © Bildernachweis: Titelbild: Hans-Urs-von-Balthasar-Archiv; Bilder im Text: pixabay

Knieend bei meiner ersten Heiligen Messe

Von Gastautor Tasman Westbury

Im Namen Jesu sollte sich jedes Knie beugen, von denen, die im Himmel, auf Erden und unter der Erde sind. – Philipper 2:10

Als ich mich hinkniete…

Ich bin in einer Freikirche aufgewachsen, habe aber nie wirklich eine ihrer Lehren verstanden und verbrachte mehrere Jahre als Atheist, bevor eine Reihe von Ereignissen und Zeichen mich zu dem Schluss führten, dass es eine höhere, geistliche Kraft gibt, die ich schließlich als Gott annahm. In der Osternacht wurde ich dank der göttlichen Vorsehung in die Katholische Kirche aufgenommen.

Als ich zum ersten Mal in eine katholische Heilige Messe ging, fiel mir deutlich auf, dass alle sich zur Eucharistie hinknieten. Das was mich auch zum Knien ermutigte, war, dass in der Bibel geschrieben steht: „Demütigt euch also unter der mächtigen Hand Gottes, damit Er euch zu gegebener Zeit verherrlichen kann“. (1. Petrus 5,6)

Wenn du etwas in dir fühlst, solltest du auch in der Lage sein, das in einer Geste auszudrücken. Die Geste soll eine klare und präzise Darstellung deines Glaubens sein. Demut drückt sich nicht in großen, lauten Gesten aus. Demut ist ruhig und klein in der physischen Erscheinung. Es geht nicht darum, Aufmerksamkeit oder Zustimmung zu suchen, sondern um den Verzicht auf sich selbst in einem bestimmten Moment, zum Wohle eines anderen.

Das bedeuten „knien“ für mich

Knieen ist eine Geste, sich angesichts der Gegenwart Gottes ruhig und klein zu machen, sich in der Gegenwart Gottes klein zu fühlen, damit wir erkennen, dass wir wie Gras sind, das hier an einem Tag wächst und am nächsten verschwunden ist (vgl. Psalm 103,15-16; 1 Petrus 1,24). Objektiv können wir mit dem Niederknien demütig ausdrücken, dass wir unseren Wert mindern: „Wir sind absolut nichts“. Aber gleichzeitig sind wir so besonders und von großem Wert für Gott, der uns nach Seinem Ebenbild und Gleichnis erschaffen hat, der für jeden von uns gelitten und gestorben ist, damit wir an seinem göttlichen Leben der Liebe teilhaben können.

Knien kommt nicht aus irgendeiner Kultur – es kommt aus der Bibel und ihrer Kenntnis von Gott. Die zentrale Bedeutung des Kniens in der Bibel ist sehr konkret zu erkennen. Allein das Wort proskynein kommt im Neuen Testament neunundfünfzigmal vor, davon vierundzwanzigmal in der Apokalypse, dem Buch der himmlischen Liturgie, das der Kirche als Maßstab für ihre eigene Liturgie präsentiert wird. (vgl. Ratzinger, Geist der Liturgie)

Keine Theologie ohne Gott

Ich wünsche Euch allen, dass ihr die Bedeutung des Kniens neu lernt und erkennt, denn wer knien kann, erkennt am besten Gottes Größe und Macht. Seine Größe und Macht ermöglichen überhaupt das theologische Schaffen des Menschen. Wenn wir die Größe Gottes nicht mehr vor Augen haben, haben wir das Zentrum unseres theologischen Schaffens bereits verloren, aus dem alles andere entspringen soll. Wir betreiben eine Selbstvergöttlichung auf Kosten Gottes statt einer wirklichen Theologie, in der es um Gott geht.


 

Tasman Westbury ist neu in der katholischen Kirche, erkundet derzeit die Schatzkammer der Kirche, die sich im Gebetsleben befindet.

Der Artikel entstand in Mitarbeit mit Ignitum Today.

Was ist „dialogische Freiheit“?

Am 12.10.2018 an der Theologischen Fakultät der Katholischen Peter-Patzmany-Universität in Budapest hat Prof. Dr. Hermann Stinglhammer (Universität Passau) einen Vortrag über dialogische Freiheit als Weg zum Verstehen der Theodramatik gehalten. Klingt kompliziert? Ist aber schön! Hier einige Lichtblicke. Den Vortrag kann man sich auch ganz herunterladen.

Eine einzelne Freiheit gibt es nicht

Es ist die schlichte Erfahrung des Menschseins, dass jene einzelne Freiheit sich immer schon vorfindet im Raum anderer Freiheit. Dies bedeutet ontologisch, dass es eine einzelne Freiheit überhaupt nicht gibt und Freiheit im Sinne eines absoluten Aus-sich-selbst-heraus-Beginnens und Existierens ein Selbstwiderspruch ist. Warum? Jede einzelne Freiheit ist immer schon eingewiesen in den Raum anderer Freiheit, aus dem sie stammt, von dem her sie erst zu sich selbst kommt. Um dies zu konkretisieren, verweist Balthasar auf die existentiale Grundsituation des Neugeborenen, das erst durch die Mutter – und sie steht hier primär für den Raum der übrigen Freiheiten – zu seinem Ichsein erweckt wird. Mit anderen Worten: Die Stelle, wo Freiheit zu sich selbst hineinfindet und zu sich selbst ermächtigt wird, ist der Du-Raum des Anderen. Die Freiheit der anderen ist der stellvertretende Raum für meine eigene Freiheit, in dem diese erst zu sich selbst freigesetzt wird. Diese wird durch die anderen also zu sich selbst eröffnet. Dies ist aber nur dann möglich, wenn andere Freiheit sich mir selbst in Freiheit schenkt. Denn Freiheit kann nur frei gewährt werden. Der Raum der anderen Freiheit öffnet sich mir aber nicht, wenn und insofern ich ihn mir gewaltsam einverleibe und einordne, sondern dort, wo ich mich der anderen Freiheit öffne, sie sein lasse, sodass sie sich in ihrer eigenen Freiheit mir gewähren und schenken kann. Das egozentrische Ich bleibt in der Konsequenz ein armes, weil unbeschenktes Ich, eine monologische Freiheit, die nicht über sich selbst hinaus kommt und in den Reichtum hineinfindet, der ihr nur durch andere Freiheit geschenkt werden kann.

Genau an dieser Stelle der menschlichen Freiheitsaporie öffnet sich für Balthasar theologisch der Raum der unendlichen Freiheit, aus dem heraus die endliche Freiheit von Gott freigesetzt wird. Er verweist daher stets auf Apk 2,17, da der Geist Gottes spricht: „Ich werde ihm einen weißen Stein geben und auf dem Stein steht ein neuer Name, den nur der kennt, der ihn empfängt“. Dieser Vers steht in Balthasars Sicht für die Grundbestimmung menschlicher Identität, sofern der Mensch von dort mit ihr beschenkt wird. Endliche Freiheit ist eine auf Gott hin vorläufige Freiheit, die ihr Ziel nicht in sich selber findet.

Theo-logische Freiheit?

Balthasar weist im Zusammenhang seiner zunächst formal-abstrakten freiheitstheologischen Argumentation in Theodramatik 2,1 darauf hin, dass bereits in der antiken Philosophie gesehen wird, dass autonome geschöpfliche Freiheit nur im Horizont der unendlichen Freiheit zu denken ist. Als die höchste Form einer solchen Philosophie im Antik-Außerchristlichen nennt Balthasar die Philosophie Plotins. Allerdings kommen hier Mensch und Gott nicht zueinander.[1] Nach Balthasar löst sich diese Tragik erst im Raum der biblischen Offenbarung, in dem sie sich nun als eine Freiheit begreifen darf, die eingeladen ist, sich selbst in der unendlichen Freiheit Gottes zu vollenden. Diese biblisch-christliche Sichtweise bleibt für Balthasar auch die kritische Norm für das moderne Freiheitsdenken, das sich von Gott lossagt, um dann den Menschen in seinem absoluten Freiheitsstreben selbst nicht mehr verstehen zu können – denken wir nur an Sartre. Dies ist die Tragik der modernen Freiheit. Nicht im Menschen selbst liegt also das Maß seiner Freiheit, sondern allein in dem Gott, von dem sie herkommt. Also nicht: „Cogito ergo sum“, wie es die Neuzeit mit Descartes sprechen wird, sondern: „Cogitor ergo sum“: „Ich werde gedacht, von Gott“, also bin ich und bin ich frei. Oder mit Augustinus formuliert: „Der Mensch lebt‚ über sich‘.“ Damit offenbart sich für Balthasar im Horizont des Jüdisch-Christlichen eine fundamentale Grammatik, die wie ein Wasserzeichen in die endliche Freiheit eingeschrieben ist. Gott ist nicht der Konkurrent der menschlichen Autonomie– dies ist ja die Angst der Moderne bis hinein in die Gegenwart. Gott ist vielmehr ihr sie freisetzender Grund und ihr erfüllendes Ziel. Und er ist auch ihr Weg dorthin. Die christologischen und trinitarischen Reflexionen Balthasars, auf die wir uns dabei gedanklich zubewegen, werden dies verdeutlichen. In seiner Grundlegung will Balthasar vor allem zeigen, dass die christliche Synthese von endlicher und unendlicher Freiheit jenseits der modernen Alternative „menschliche Autonomie oder Gott“ liegt. Die entsprechende Haltung gegenüber der Freiheit Gottes liegt in der Sicht des Alten Testamentes in ihrem Entscheid zum „Bund mit Gott“, d.h. konkret in der Haltung des Ge-horsams, des Hörens auf Gott („Schema Israel“). Diese Struktur wird auch die christologische Gestalt der Freiheit bilden, wie sie im Sendungsraum Jesu Christi greifbar  wird.

Göttliche Freiheit der Hingabe: Urbild der geschaffenen Freiheit

In der christo-logischen Sendungsgestalt des menschgewordenen Sohnes Gottes wird die endliche, d.h. konkret: sündige, in sich verschlossene Freiheit, wieder auf ihre Gottesbeziehung eröffnet. Insofern ist nach Hans Urs von Balthasar die Christologie mit dem Wort Gregors von Nyssa charakterisiert: „Unser Spiel spielt in seinem Spiel“[2].

Wie ist nun Seine Freiheit zu charakterisieren? Kurz zusammengefasst als die wechselseitige Hingabe von Vater und Sohn in der Communio des Geistes. Damit zeigt sich eine lebendige Dynamik wechselseitiger Öffnung auf das Du von Vater und Sohn im gemeinsamen Geist. Die Liebe ist wesentlich relational, weil Liebe immer auf die Einheit mit einem Du zielt, sodass sie erst als Wir-Einheit konkret ist. So zeigt sich nach Balthasar in der Trinität die konkrete Wirklichkeit Gottes als die Communio der Liebe. Und eben darin ist er das Urbild aller geschaffenen Freiheit. Der konkrete Weg der endlichen Freiheit ist – zumal im Raum der Sünde – der Weg in der personalen Nachfolge Jesu Christi. Sein Wort und seine Wahrheit sind es, die den Menschen befreien (vgl. Joh 8,32).

Warum es sich lohnt, mit Balthasar Theologie zu lernen

Balthasar ist kompliziert, komplex, weitläufig und in seinen theologiegeschichtlichen Argumentationen oft schwer nachvollziehbar – er weiß so viel! Seine Sprache macht es nicht leichter. Ist es also die Mühe wert, die man in seine Theologie – zu der auch diejenige Adrienne von Speyrs[3] unablösbar gehört – stecken muss? Einige kurze Striche mögen als Antwort genügen.

Balthasar denkt Theologie ganz modern, wenn er sie im Horizont der Freiheit denkt. Eben diese sucht die Gegenwart wie im Fieber, ohne sie finden zu können. Dies liegt daran, dass sie die Freiheit als autonome nicht richtig denkt und lebt. Dabei bleibt Balthasar mit dem Thema der Freiheit ganz bei der Sache der Theologie selbst und entfaltet sie aus dem Raum eines breiten und tiefen kirchlich-katholischen Denkens.

Gerade darin zeigt sich Hans Urs von Balthasar inspirierend für gegenwärtige Philosophen, die sich von der transzendentalen Subjektphilosophie abwenden, wie etwa Jean-Luc Marion.[4] Auch er versteht mit Balthasar das Ich und seine Wahrheit innerhalb seiner phänomenologischen Analysen von der Wirklichkeit des Anderen her, das sich dem Subjekt als Gabe verschenkt, sodass auch hier die Haltung des Subjekts nicht die der Bewältigung, sondern des Empfangens ist, die dem trinitarischen Seins-Sinn der Liebe als göttlichen Gehalt von Freiheit entspricht. Dies kann man in einer neuen und vertieften Sicht mit der Theologie Hans Urs von Balthasars lernen.

[1] Der antike Mythos des Sisyphos, der den Stein (der Endlichkeit) vergeblich nach oben wälzt und immer wieder an seinem Ziel scheitert, steht genau dafür.

[2] Vgl. dazu Stinglhammer, a.a.O. 125ff.

[3] Vgl. Hans Urs von Balthasar: Unser Auftrag. Bericht und Entwurf, Einsiedeln 1994.

[4] Jean-Luc Marion: Gegeben sei. Entwurf einer Phänomenologie der Gegebenheit, Freiburg/München 2015. Vgl dazu: Thomas Alferi: „…Die Unfasslichkeit der uns übersteigend-zuvorkommenden Liebe Gottes…“. Von Balthasar als Orientierung für Marion, in: Hanna-Barbara Gerl-Falkowitz (Hg.): Jean-Luc Marion. Studien zum Werk, Dresden 2013, 103-125.

Prof. Dr. Hermann Stinglhammer,Diözesanpriester der Diözese Passau, Professor für Dogmatik an der Universität Passau, leitet die Forschungsstelle Hans Urs von Balthasar.