Wer war Maria – wer ist Maria?

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von Sr. Gabriela Wozniak SAS

In „Herrlichkeit I“ spricht Balthasar von einer „Marianischen Gotteserfahrung“ (S. 326-330).  Das Wort „Erfahrung“ hat hier aber eine ganz andere Relevanz als etwa ein Erlebnis oder eine Begegnung. Marianische Gotteserfahrung meint das Kulminieren der Weltgeschichte in der Person Mariens – das Zusammenkommen des Alten und des Neuen Bundes, das „Überfließen“. Ihre Gotteserfahrung ist unüberbietbar, denn sie durfte „das Ganze“ Gottes kennen lernen und in sich tragen. Was bedeutet das alles? 

Zwischen den Testamenten

Maria bildet in sich die Brücke zwischen Altem und Neuem Bund: Das Empfangen Christi geschieht bei ihr noch im Glauben an das Wort Gottes – insofern ist es noch innerhalb des Alten Bundes, als ein Akt des reinen Vertrauens auf die Verheißungen des Gottes Jakobs, Isaaks und Abrahams. Diesen Gott kennt sie aus der Überlieferung und aus den Heiligen Schriften. Dass dieser Gott aber ein dreifaltiger ist und dass ihr Schoß gerade zu einer „Nachbildung“ des Ausfließens der Liebe zwischen den göttlichen Personen wird, steht schon innerhalb des Neuen Bundes und bildet somit das Zentrum des Geheimnisses, in das Maria miteingenommen wurde.

Die Brücke, die Maria baut, ist eine für das gesamte Christentum grundlegende. Ihr Ja ist das Ja der ganzen Schöpfung! Die bis jetzt selbstverständlich menschliche Ich-Du-Beziehung wird in Maria zu einer zwischendimensionalen Erfahrung der Ganzheitlichkeit Gottes. Auf diese Weise ist Maria die erste Prophetin der Vereinigung beider Naturen in Christus und erste Prophetin der Vereinigung beider Sphären in der Kirche. Die göttliche und die menschliche Realität kommen zusammen wie nie zuvor.

Typus und Person

Auf dieser Basis kann man nach Balthasar Maria als Typus der Kirche sehen. Hier, mit der Überschattung der Jungfrau, beginnen die Mysterien des mystischen Leibes Christi, der Kirche. Der Heilige Geist, der über Maria kommt und in ihr das Werk vollbringt, entzieht sich jeder menschlichen Kategorie. Gott ist der Ursprung und der Alles-Andere-Übersteigende, er setzt die Grenzen zwischen den Realitäten.

Maria ist ein Typus der Kirche, insofern sie eine Verbildlichung des Geheimnisses der innertrinitarischen Fruchtbarkeit ist und dieses Geheimnis in sich in eine sie übersteigende Realität übergehen lässt – diese neue Realität ist die Kirche.

Ach, wie modern!

Heute wird Maria innerhalb der feministischen Theologie vor allem als DIE Frau in Gottes Plan vorgestellt. Bei dieser Betrachtungsweise verschwinden oft die Aspekte des Gehorsams, der Demut und das Bild Mariens als die Magd des Herrn. Der Titel der Tochter Zions wird als Zeichen ihrer Erwählung als selbstverständlich wahrgenommen, manchmal noch die Eva-Maria-Parallele[1]. Stellt man die moderne Perspektive Balthasar gegenüber, so kommt die Frage auf: Steht sie bei Balthasar NUR als Typus da? Hatte sie nur rein instrumentale Funktion im Heilsgeschehen? Wird sie gar nicht als Person beachtet?

An diesen Fragen kommen wir nicht vorbei. Wenn Maria nur ein Typus der Kirche war und darüber hinaus keine eigene Persönlichkeit entfalten konnte, so sind mit ihr alle Frauen ein bloßes Abbild einer allgemeinen Idee des Leibes Christi, aber keine in ihrer je sich erweisenden Einmaligkeit wahrgenommenen realen Mitglieder des realen Leibes Christi. Dann fließt zwar alles Weibliche in der Kirche ineinander – Mutter Gottes, Kirche, Frau – jedoch ohne Rücksicht auf die je individuellen Eigenschaften jeder einzelnen.

Gott berührte Maria aber physisch, indem er in ihr zum Gott-Menschen wird. Die Zeugung, der Geistesblitz und die körperliche Schwangerschaft können sich nur in einer leibhaften Person ereignen und dadurch nur einmal und ganz individuell. Erst aus dieser leiblich-sinnlichen Dimension kann sich eine Typologie entfalten. Natürlich steht die Erfahrung Mariens „funktionell“ zur Christologie und damit auch zur Ekklesiologie – aber nur insofern, wie vergleichbarer Weise jeder Mensch funktionell zum Erlösungsmysterium steht. Das Funktionelle gefährdet nicht das Personale, sondern vollendet es. Das Allgemeine – selbst das Augenzeugnis der Apostel – wäre nicht ausreichend, wenn nicht das konkrete, leibliche Ein-Fleisch-Werden in seiner intimsten und gewagtesten Ausprägung – das eine Fleisch zwischen Gott und Mensch, das sich in Maria ereignet hat. Sie ist Typus nur insofern sie Person ist. Ohne ihr Person-Sein wäre die Typologie fällig – die Kirche wäre der Freiwilligkeit ihrer Mitglieder beraubt und würde zu einer zwanghaften Manifestation des Göttlichen in der Welt werden.

Das Universale nur im Konkreten

Es gibt zahlreiche Arbeiten, die Balthasar – weithin zurecht – in die Reihe der Neuplatoniker stellen. Und es gibt tatsächlich viele Tendenzen innerhalb seiner Theologie, die diese Ansicht bestätigen können – oft projiziert Balthasar das ideale Bild eines spekulativen Himmels auf die klassischen Behauptungen der Theologie, was zu einer ziemlichen Weltfremdheit gegenüber dem Alltagsleben führt und ihn in die Reihe der strikt theoretischen Forschung stellt. Spätestens bei der Menschwerdung Gottes in Maria tritt jedoch das ganz normal Menschliche dazu. Spätestens hier erweist sich Balthasar dennoch als – zumindest partieller – Aristoteliker. Der Ideenhimmel und die irdische Hülle finden hier keine Entsprechung mehr. Es gibt kein idealistisches Urbild, das in seiner unvollkommenen Form sich nur schwer in seinem Abbild verwirklichen kann. Der Glaube Mariens ist der von den Vätern Israels durch Jahrhunderte hindurch getragene Glaube, der sich in ihrer Erfahrung auf das Christentum hin öffnet. Sie ist Abbild dessen, was schon real-menschlich längst anwesend war, gleichzeitig Widerspiegelung dessen, was schon seit Ewigkeit real-göttlich da war und ebenso Urbild dessen, was in der Kirche durch Jahrhunderte hindurch getragen werden wird. Mehr noch: Das Personale an Maria wird im Zuge der immerwährenden Erfahrung des Sohnes Gottes zugunsten der Kirche verschenkt.

Maria für alle

Die Frage, die sich abschließend stellt ist dennoch die: Wie verhalten sich die beiden Dimensionen des Daseins Mariens – als Typus und als Person – zueinander?

Ein schwieriger Begriff: Maria kann so als kontingente Manifestation der Gotteserfahrung bezeichnet werden. Religionsphilosophisch steht dieser Begriff für ein Phänomen, das einer Einzelperson zuteilwurde, jedoch auf einen Großteil der Bevölkerung prägenden Einfluss hat[2]. Die entschiedene Mehrheit solcher Phänomene bilden die Schriften der jeweiligen Religion. Da Christentum aber keine Buchreligion ist (Balthasar betont die Tatsache der Menschwerdung durch sein ganzes Werk hindurch!), handelt es sich auch hier nicht um ein Buch, um eine Schrift, an deren Existenz oder Heiligkeit man zweifeln kann. Maria ist die kontingente Manifestation der Gotteserfahrung – in ihrer Persönlichkeit und in ihrer Typologie – oder besser gesagt: Typo-Logik. In ihr ist das Wort Fleisch geworden. Sie trägt deshalb die für das Christentum grundlegende Erfahrung der Menschwerdung in ihrem Schoß, in ihrer irdischen Existenz, schließlich eben – indem sie den Glauben Israels in sich sammelt und durch ihre Offenheit bis zum Glauben unter dem Kreuz zu einer unendlichen Fruchtbarkeit werden lässt. Ihr Typus-Sein ist deshalb der tiefste Ausdruck der fruchtbaren menschlich-göttlichen Vereinigung – und deshalb auch keine Gefährdung der persönlichen Dimension ihrer Mutterschaft, ihres Frau-Seins. Ihr Frau-Sein realisiert sich in ihrem Brautsein, das zu einer durch die Zeit fortdauernden Erfahrung der Kirche führt.

Nimmt man Maria von der Kirche weg – so bleibt uns eine reine Institution, die nicht einmal den Traum wagen würde, den Erlöser in ihrer eigenen Mitte zu haben.


[1] Vgl. MÜLLER Gerhard Ludwig, Katholische Dogmatik. Für Studium und Praxis der Theologie, Freiburg i. Br.7 2005, S. 482.

[2] Vgl. TANASEANU-DÖBLER Ilinca, DÖBLER Marvin, Interpretation religiöser Quellentexte. Die Natur zwischen Gott und Menschen in der Schrift De planctu naturae des Alanus ab Insuris, in: KURTH Stefan, LEHMANN Karsten (hrsg.), Religionen erforschen. Kulturwissenschaftliche Methoden in der Religionswissenschaft, Wiesbaden 2011, S. 21-42, hier S. 23.

Theologie bei der Krippe

Ist die Weihnachtsnacht das nächste Jahr spurlos an uns vorbeigegangen? Das Knien vor dem Jesuskind endete wieder mit zügigem Weiterlauf? Oder können wir etwas Dauerhaftes in unser theologisches Schaffen mitnehmen?

Eine Weihnachtsmeditation zu Lk 2,15-20 von Pater Winfried M. Wermter CO

 

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Die Hirten sind mit etwas Neugierde, aber auch im Vertrauen auf ihren gesunden Menschenverstand und eingebettet in ihren traditionellen Glauben Israels unterwegs nach Betlehem. Für sie war die Erscheinung der Engel nicht allzu wirklichkeitsfremd. So etwas war im allgemeinen Verständnis vorhanden – eigentlich etwas Normales in der Geschichte Israels. Nun, sie gehen und schauen, was los ist. Und sie finden alles so, wie es gesagt worden war. Also sie sind fest überzeugt und berichten im Stall (oder in der Grotte), und sie erzählen überall dort weiter, wo sie sonst noch jemand antreffen. Sie werden ihr Leben lang berichtet haben. Dann kehrten sie zurück zu ihren Herden und dort sind sie auch geblieben. Wohl waren sie gespannt: Was wird wohl einmal aus all dem werden?

Maria aber!

„Maria aber“  – so lesen wir weiter –  (und das ist hier ein ganz wichtiges Aber!) – für Maria ist der Bericht der Hirten doch mehr, viel mehr. Sie weiß schon etwas von den neuen Plänen Gottes, aber sie übereilt nichts. Sie denkt weiter und weiter nach. Denn Maria ist zunächst die große Denkerin. Wenn wir jetzt ein Stückchen zur die Erscheinung des Engels mit der frohen Botschaft zurückblenden dürfen – was deutet sich da schon an? Da kommt doch das Wesen der Theologie zum Vorschein! Hans Urs von Balthasar betont diese drei Schwerpunkte: Theologie  geht hervor aus dem Staunen, ist untrennbar vom Leben und vollendet sich auf Knien, also in der Anbetung. Das ist Theologie – ein wunderschöner Dreiklang aus der Symphonie des Himmels!

Und genau das ist schon sichtbar bei der Verkündigung. Maria erstaunt bis hin zum Erschrecken. Es ist ein gewaltiges Erstaunen bei der Begegnung mit dem Boten Gottes. Aber sie verliert nicht den Kopf, sondern sie denkt nach. Sie  grübelt jedoch nicht in einem Elfenbeinturm abstrakter Überlegungen, sondern möchte verstehen, was die Botschaft zunächst einmal für sie persönlich bedeutet. Sie integriert die Ankündigung in ihr Leben, indem sie die Pläne Gottes zu ihren eigenen macht, aber nicht, um Gottes Pläne zu ändern. Sie steht zu Verfügung für das, was Gott will. Und dann fehlt auch nicht das Knien, das hier nicht physisch zu verstehen ist, sondern als Ausdruck der Hingabe deutlich wird: „Siehe, ich bin die Magd des Herrn.“  Das ist das vollendete Knien, das voll Ja auch über das eigene Verstehen hinaus. Denn bei allem Nachdenken über die Pläne Gottes bleibt doch mehr offen als im Moment verstanden werden kann. Und Maria gibt ihr trotzdem ihre volle Zustimmung auch zu den noch dunklen Plänen Gottes. Das ist Theologie: Maria, die bis zum Erschrecken staunt, aber nicht den Kopf verliert, sondern nachdenkt, das, was von Gott kommt, in ihr Leben und sich selber in die Pläne Gottes integriert, und schließlich auch noch dem zustimmt, was weiter dunkel bleibt und noch weiter zu entdecken ist.

Theologie des Herzens

Auch heute hören wir bei der Begegnung mit den Hirten wieder dieses „Maria denkt nach“. Das ist die Fortsetzung der „Theologie“ Mariens: Sie „bewahrte alles, was geschehen war, in ihrem Herzen.“  Also nicht nur im Verstand, sondern im Herzen ist – nach biblischem Verständnis – das ganze Leben mit einbezogen. Sie denkt darüber nach, und richtet sich weiter danach aus, lässt sich weiter überraschen. (…)

Jetzt sind auch wir eingeladen zu staunen, Weihnachten in unser Leben zu integrieren und uns in die gesamte Fortsetzung der Inkarnation. Vollendet wird dann diese Anteilnahme an der Menschwerdung, durch das „Venite adoremus“, das wir nicht nur in unseren Weihnachtliedern anklingen lassen wollen, sondern auch durch unser ganzes Leben einlösen wollen.