Knieend bei meiner ersten Heiligen Messe

Von Gastautor Tasman Westbury

Im Namen Jesu sollte sich jedes Knie beugen, von denen, die im Himmel, auf Erden und unter der Erde sind. – Philipper 2:10

Als ich mich hinkniete…

Ich bin in einer Freikirche aufgewachsen, habe aber nie wirklich eine ihrer Lehren verstanden und verbrachte mehrere Jahre als Atheist, bevor eine Reihe von Ereignissen und Zeichen mich zu dem Schluss führten, dass es eine höhere, geistliche Kraft gibt, die ich schließlich als Gott annahm. In der Osternacht wurde ich dank der göttlichen Vorsehung in die Katholische Kirche aufgenommen.

Als ich zum ersten Mal in eine katholische Heilige Messe ging, fiel mir deutlich auf, dass alle sich zur Eucharistie hinknieten. Das was mich auch zum Knien ermutigte, war, dass in der Bibel geschrieben steht: “Demütigt euch also unter der mächtigen Hand Gottes, damit Er euch zu gegebener Zeit verherrlichen kann”. (1. Petrus 5,6)

Wenn du etwas in dir fühlst, solltest du auch in der Lage sein, das in einer Geste auszudrücken. Die Geste soll eine klare und präzise Darstellung deines Glaubens sein. Demut drückt sich nicht in großen, lauten Gesten aus. Demut ist ruhig und klein in der physischen Erscheinung. Es geht nicht darum, Aufmerksamkeit oder Zustimmung zu suchen, sondern um den Verzicht auf sich selbst in einem bestimmten Moment, zum Wohle eines anderen.

Das bedeuten “knien” für mich

Knieen ist eine Geste, sich angesichts der Gegenwart Gottes ruhig und klein zu machen, sich in der Gegenwart Gottes klein zu fühlen, damit wir erkennen, dass wir wie Gras sind, das hier an einem Tag wächst und am nächsten verschwunden ist (vgl. Psalm 103,15-16; 1 Petrus 1,24). Objektiv können wir mit dem Niederknien demütig ausdrücken, dass wir unseren Wert mindern: “Wir sind absolut nichts”. Aber gleichzeitig sind wir so besonders und von großem Wert für Gott, der uns nach Seinem Ebenbild und Gleichnis erschaffen hat, der für jeden von uns gelitten und gestorben ist, damit wir an seinem göttlichen Leben der Liebe teilhaben können.

Knien kommt nicht aus irgendeiner Kultur – es kommt aus der Bibel und ihrer Kenntnis von Gott. Die zentrale Bedeutung des Kniens in der Bibel ist sehr konkret zu erkennen. Allein das Wort proskynein kommt im Neuen Testament neunundfünfzigmal vor, davon vierundzwanzigmal in der Apokalypse, dem Buch der himmlischen Liturgie, das der Kirche als Maßstab für ihre eigene Liturgie präsentiert wird. (vgl. Ratzinger, Geist der Liturgie)

Keine Theologie ohne Gott

Ich wünsche Euch allen, dass ihr die Bedeutung des Kniens neu lernt und erkennt, denn wer knien kann, erkennt am besten Gottes Größe und Macht. Seine Größe und Macht ermöglichen überhaupt das theologische Schaffen des Menschen. Wenn wir die Größe Gottes nicht mehr vor Augen haben, haben wir das Zentrum unseres theologischen Schaffens bereits verloren, aus dem alles andere entspringen soll. Wir betreiben eine Selbstvergöttlichung auf Kosten Gottes statt einer wirklichen Theologie, in der es um Gott geht.

 

Tasman Westbury ist neu in der katholischen Kirche, erkundet derzeit die Schatzkammer der Kirche, die sich im Gebetsleben befindet.

Der Artikel entstand in Mitarbeit mit Ignitum Today.

Ist ein kniender Theologe ein Mystiker?

Wir wollen heute in die Mystik von Balthasar hineinschauen. Ich glaube, er ist ein der wenigen Theologen, der so unmittelbar auf die übernatürlichen Quellen verweist. Aber war er auch selber ein Mystiker? Dazu wurde Roberto Graziotto von Sr. M. Gabriela Wozniak SAS befragt. 

Wenn Sie an Hans Urs von Balthasar denken: War er ein Theologe, von dem man sagen kann, dass seine Theologie mystisch sei?

Die Frage, die zu hier zunächst zu beantworten ist, ist: Was bedeutet „mystisch“? Karl Rahner SJ, auch ein großer deutschsprachiger Theologe, mit dem Balthasar in Cordula polemisiert hat (bezüglich der Frage, ob es ein anonymes Christentum überhaupt geben kann), sagte, dass das Christentum in der Zukunft mystisch wird oder es nicht mehr existieren wird. Ich verstehe diesen Satz so, dass wenn das Christentum sich nur als eine Wiederholung versteht von dem, was im Katechismus zu lesen ist, wird es überhaupt nicht bestehen können in einer Welt, die ganz anders denkt und spürt.  Wir müssen keine Lehre „wiederholen“, sondern sie existentiell erfahren und verinnerlichen. In seinen „Letzten Gesprächen“ behauptet Benedikt XVI, dass Balthasar, der genialste Theologe gewesen sei, dem er begegnet ist, ein Mystiker. Ich glaube, dass es hier nicht um etwas Kurioses geht, sondern um eine innerliche Vertiefung und Erfahrung der christlichen Wahrheiten, insbesondere dessen, dass Gott die Liebe ist.

Wer war für ihn Adrienne von Speyr?

An einer Tagung, die im November 2017 in Vatikan stattgefunden hat, hat Pater Jacques Servais SJ, einer der größten Kenner sowohl Adriennes wie auch von Balthasars, behauptet, Adrienne sei der „Polarstern“ Balthasars gewesen. Also jemand, der ihn mit ihrem ganzen Leben auf Christus, die zweite Person der Dreifaltigkeit, verwiesen hat. Balthasar sagte in einer seiner letzten Schriften, dass sein Werk und das Werk Adriennes weder „philologisch noch psychologisch“ zu trennen seien. Es handelt sich um eine gemeinsame Sendung, die – wie alle Sendungen – nur als von Gott gewollt zu verstehen ist und die sich zuerst als Gründung einer Gemeinschaft (Adrienne sprach von dieser Gemeinschaft als „Kind“) und dann als theologische Erörterung verwirklicht hat. Adrienne ist zweifelsohne eine Mystikerin, auch im engen Sinne des Wortes, jemand, dem der Himmel offen ist, wie in Balthasars Erster Blick auf Adrienne von Speyr zu lesen ist. Adrienne wollte jedoch nicht als eine Zirkusattraktion verstanden werden. Sie hat sich auch ein bisschen geschämt für die Wunder, die durch sie, geschahen. Zweifelsohne war jedoch ihr der Himmel jahrzehntelang offen; nicht nur heute in Medjugorje, auch damals in Basel oder wo sich eben Adrienne befand, haben sich jahrelang Erscheinungen etwa Marias oder des Hl. Ignatius (der Adrienne und Hans Urs SPN nannten: sanctus pater noster) ereignet. Was ist aber das Wesentliche dabei? Das Wesentliche war, dass zwei Menschen, eine Ärztin und ein Theologe, sich als Instrumente der göttlichen Liebe verstanden haben, sich haben verwenden lassen. Dass sie ganz offen waren für das was Gott wollte; und Gott wollte etwas ganz Wichtiges: jemand der bereit war, um so zu sagen, ihn in seinen descensus ad inferos zu begleiten. Wir erwarten vielleicht Erfolg für unsere Bereitschaft, Christ zu sein, aber wer ist bereit, die Gratis Liebe, die Gott ist, dort zu folgen und zu begleiten, wo es dunkel wird, wo die Ungerechtigkeit und die Brutalität der Sünde konzentriert anwesend sind: in die Hölle?

Solchen Sendungen gegenüber kommt die Kirche mit ihrer Anerkennung immer zu spät, aber es ist nicht schlimm. Hauptsache ist, dass eine dankbare Anerkennung stattfindet, da die Kirche die Zeit braucht, um sich mit der Sache auseinanderzusetzen und sie authentisch zu überprüfen.

Kann man also seine Theologie zusammen mit der Adriennes setzen? Verschwindet dann sein Ansatz nicht? Oder es ist „nur“ als Ausdeutung der Mystik Adriennes zu verstehen?

Welcher wäre dann der Ansatz Balthasars? Ganz jung in seiner Apokalypse der deutschen Seele, die vor der Begegnung mit Adrienne geschrieben worden ist, versucht Balthasar die deutsche Seele „beichten“ zu lassen, indem er sie angesichts Christi gestellt hat. Was besteht von Drang dieser Seele angesichts Christi? So könnte man die Bände zusammenfassen. Die Begegnung mit Adrienne bedeutet für Balthasar auch eine Menge Arbeit, da fast alle Bücher Adriennes Diktaten waren, die Balthasar stenographiert hat und dann als Bücher herausgegeben hat. Die Fertigstellung dieser Bände war ihm wichtiger als seine Trilogie (Herrlichkeit, Theodramtik und Theologik), in denen der reife Balthasar versucht, aufgrund der Transzendentalien des Schönen, des Guten (Freiheit) und des Wahren, die gesamte metaphysische europäische Tradition (Literatur, Philosophie und Theologie) „beichten“ zu lassen: Was besteht in der europäischen kulturellen Geschichte angesichts des konkreten und universalen Logos, der Christus ist? Die Werke Adriennes sind grundsätzlich Kommentare der Bibel, die „Auswortung“ des konkreten universellen Logos. Der Logos („das Wort“, wie Luther übersetzt) ist nicht die Bibel, der Logos ist Christus selbst.  Und was tut Christus? Auf dem Kreuz beichtet er die gesamte Sünde der Welt, um in der Auferstehung eine „überraschende“ Absolution zu bekommen! Mir scheint, dass in dieser Idee der „Beichte“ der Schlüssel zu finden ist, der das Gesamtwerk der Beiden öffnet, ohne die einzelnen Werke „gleichzumachen“ – womöglich, wie in dem schon zitierten römischen Symposion gesagt worden ist, werden einige Leser Balthasars Adrienne nicht verstehen können (Benedikt XVI gehört hierzu, der freilich versteht was er von ihr liest, aber der keinen fruchtbaren Zugang zu Adrienne gefunden hat) und einige Leser Adriennes werden Balthasar nicht verstehen (etwa die Frauen, die sich in San Francisco regelmäßig getroffen haben um Adrienne zu lesen). Es ist auch gut so! Und dennoch willentlich die zwei trennen zu wollen, entspricht nicht der Sinn dieser gemeinsamen Sendung.

Gab es andere Einflüsse aus dem „übernatürlichen“ Bereich, die seine Theologie, geprägt haben?

Wie schon Pater Henri de Lubac SJ sagte, haben wir bei Balthasar mit dem „vielleicht gebildetsten Menschen des zwanzigsten Jahrhunderts“ zu tun. Nirgends findet sich „das Beste“ in dieser Fülle präsent, wie im Werk Balthasars. Auch im Bereich der Geschichte der Mystik (unzähligen Frauen sind in seinem Werk zitiert worden), der europäischen theologischen Tradition… Er dirigiert ein gigantisches Orchester und die Einflüsse kommen hinzu von überall her, besonders von den Mystikerinnen wie z.B. Juliane von Norwich, die das Thema der „Hoffnung für alle“ „erfahren“ hat. Gerade weil die ganze Sünde von Christus „gebeichtet“ worden ist, dürfen wir eine vernünftig für alle Menschen auf Erlösung hoffen. Die Hoffnung der Rettung aller hat freilich mit einem Wissen, wie es ihm vorgeworfen worden ist, gar nichts zu tun. Eine solche Gnosis, ein solches Wissen würde die Freiheit der Menschen überspringen.

Was kann das für die Theologie heute bedeuten?

Ich würde nicht so sehr den „übernatürlichen“ Spuren nachgehen, auch wenn in der Wirklichkeit in der Übernatur der Kirche viel Trost gespendet worden ist. Ich würde eher sagen, dass Adrienne und Hans Urs uns eine Theologie als Erbe hinterlassen haben, die immer wieder in die Knie geht. Eine Theologie, die Gebet und Wissenschaft verbindet. Man wird nie im Herzen dieser Sendung reinkommen ohne eine Haltung des Gebetes. Wie bei Papst Franziskus, der die kleine Therese verehrt, geht es bei ihnen auch nicht nur und nicht primär um viel Wissen, sondern um ein „sentire cum ecclesia“, und das „Sentire“ stammt nicht von der Gnosis, sondern von einer demütigen Haltung des Gebetes. Das ist wohl die Mystik, die wir brauchen als Erfahrung und als Gebet.

Und das Wort ist Fleisch geworden!

Weihnachten, überall schöne Dekorationen, lächelnde Gesichter, Glanz, Glitzer und künstlicher Schnee. Dahinter viel Hektik, Stress und Vorbereitungen. Das Jesuskind feiert Geburtstag. Ja. Es handelt sich dabei aber nicht um einen süßen Familienfeiertag, sondern um den Einbruch Gottes in die Welt! Wir dürfen uns freuen. Es ist aber keine kitschige Kuschelfreude. Es ist die Gewissheit, dass wir erlöst sind.

von Prof. Dr. Anton Štrukelj

Teile es!

Das mächtige Kind

Die Menschwerdung Gottes ist ein so furchterregendes Geheimnis, daß man vor dem Unbegreiflichen, scheinbar höchst Skandalösen im Tiefsten eigentlich zu erschrecken hat. Paulus nennt dieses Geheimnis den Wahnsinn Gottes (1 Kor 1,18.21,23,25) und redet davon nur „in Schwäche, Furcht und viel Verzagtheit“ (ebd. 2,3).

„Was kann Gott bewegen“, fragt von Balthasar, „sein ›allmächtiges Wort‹, durch das er ›die Welt trägt‹ (Hebr 11,3), in unser Fleisch‹ zu senden, das weder eines tragenden Wortes mächtig ist noch das Gehör hat, das alltragende Wort verstehend zu hören? An den Engeln vorbei, die vielleicht davon etwas verstanden hätten (Hebr. 2,5), hat er seine abschließenden Schritte auf das ›Fleisch‹ zu gelenkt, nach Oetingers bekanntem und treffendem Wort: ›Leibliche Unzerstörbarkeit ist das Ende der Werke Gottes.“[1]

Die Sprache der Menschen

Weshalb wollte Gott ausgerechnet „Fleisch“ werden? Weshalb wollte er sich, wie Clemens von Alexandrien sagte, dieser Harfe „mit ihren tausend Klängen“ bedienen, um auf ihr und mit ihr zusammen Gott zu loben?

Der leibliche Mensch wird, nach Irenäus, in die Mitte des Alls gestellt als das kunstvolle Gebilde Gottes, das der Vater durch die Hände seines Sohnes und Geistes geformt hatte und das durch die ganze Heilsgeschichte hindurch der eine Dialogpartner Gottes bleibt. Wir wissen, wie sehr dieses in die Mitte der Welt exponierte, zarte, nackte, der Hegung bedürftige Wesen zerbrechlich und hinfällig ist. Man muss geradezu von „ungeheurer Versuchbarkeit“ des Menschen reden[2]. Aber die „kelchhafte“ Existenz des Menschen ist zugleich „zur Hineinaufnahme aktualer Erfüllungen nach oben hin offen“.

Balthasar sagt: „Die Sprache des Fleisches, die auch Jesus spricht, ist die Sprache des leiblich-geistigen Menschen, der als vergängliches, allseits bedürftiges und bedrohtes Geschöpf die Mitte der Schöpfung Gottes bildet und der zu anderen Menschen spricht. (…) Als konkreter Mensch, der Jesus ist, redet er anders und viel reicher, seine Sprache gleicht einer Orgel mit vielen Registern, und er wird nacheinander sich all dieser Register bedienen“.[3]

Man kann drei Hauptsphären unterscheiden: Jesus selber wird als der „Ausdruck“ (Hebr 11,3), als das „Bild“ (2 Kor 4,4; Kol 1,15) und als das „Wort“ (Joh 1,1f) bezeichnet. Diese drei Grundformen der Sprache werden ausreichend beschrieben. Aber in der Offenbarung Gottes geht es um viel mehr als um ein Problem der Sprache: Gott offenbart den Menschen durch seinen Sohn eine Tat, von der die erklärende Rede nur ein Teil ist. Diese allmächtige und „schweigende Tat“ hat den Vorrang vor allen gesprochenen Worten, denn er, der menschgewordene Logos, ist die personhafte Offenbarung Gottes. Deswegen darf nicht verwundern, daß Jesus dreißig Jahre verborgen gelebt und nur knapp drei Jahre gewirkt und gepredigt hat.

Der Ausdruck Gottes

Schon im Alten Testament besagt der Ausdruck „dabar“ für uns erstaunlicherweise sowohl „Wort“ wie „Sache“, „Begebenheit“, „Ereignis“. „Gottes Wort ist seine freie, souveräne, begnadende und einfordernde Tat… Mit der Macht einer Bombe kann ›der Herr ein Wort gegen Jakob schleudern, und dieses fällt auf Israel‹ (Jes 9,7)… Vom Alten Bund her ist eindeutig, daß die Bezeichnung ›Wort‹ für Jesus mehr meint als bloße Rede, vielmehr einen totalen ›Ausdruck‹ Gottes mit dem Schwergewicht auf einer herrscherlichen Tat“.[4]

Das Wesentliche an der Selbstaussage Gottes in Jesus Christus ist eigentlich die lebendige Wirklichkeit des Mit-Seins: Er ist Emmanuel, Gott-mit-uns. Die übergroße, erbarmende Liebe „zwang“ den Sohn Gottes, Mensch zu werden; und darin wurde die Menschenfreundlichkeit Gottes kund. Das Wort Gottes wird Fleisch, nicht um zu uns zu reden, sondern um unter uns zu „wohnen“ (Joh 1,14), wörtlich „sein Zelt aufzuschlagen“, in einer viel intimeren Weise, als dies mit dem Zelt in der Wüste geschah (Ex 25,8f). „Das Wundersame liegt in seinem Zu-uns-kommen (Joh 1,9), nicht in seinem Reden. Sein ›Fleischwerden‹ ist die wesentliche Aussage, auf die alles ankommt.

Freiheit und Versuchung

Die vollständige Realität der Menschwerdung ist auch im Spannungsfeld zwischen Freiheit und Versuchung sichtbar. Der entscheidende Schlüssel für das Verständnis der Versuchungsgeschichte liegt im Gehorsam Jesu. Seine Sendung ist es, den Willen dessen zu tun, der ihn gesandt hat (vgl. Joh 4,33f). Jesus, der an der Realität „Fleisch“ Anteil erhält, kennt sie von innen her. Denn „er ist in allem ebenso versucht worden wie wir, ausgenommen der Sünde“ (Hebr 4,14; 2,18; 5,7). Das Wort „den Gehorsam zu lernen“ (Hebr 5,8) bedeutet, dass der Geist ihn in die innere Erfahrung dessen eingeführt hat, was für das „Fleisch“ Versuchung ist. Nur diese Erfahrung ermöglicht ihm die innere Erlösung des Menschen aus den Fesseln der Versuchung.

Weihnachten ist mehr als Christbaum, Leuchten und Familienfeier.

Weihnachten ist das erlösende Wirkung Gottes in die Welt.


[1] Theologik II, S. 155.

[2] Ebd., S. 209.

[3] Ebd., S. 225.

[4] Ebd., S. 261.

Theologie? Wer spricht da?

Teile es!

Die Geschichte der Theologie ist eine Geschichte der Diskussion. Jedes Dogma, jede Äußerung des Amtes in der Kirche ist eine Frucht langer Diskussion, manchmal heftiger Auseinandersetzung. Balthasar hat diese Kultur des Gesprächs gelebt. Sein Werk ist ein Gespräch.

von Pater Werner Löser SJ und Sr. M.Gabriela Wozniak SAS

Symphonie heißt Zusammenklang. Es klingt. Verschiedenes kling. Das Verschiedene klingt ineinander. (Hans Urs von Balthasar)

Orchester meint Menschen

Das Bild der Orchester meint die Menschengemeinschaft in ihrer unübersehbaren Vielfalt, in der aber doch auch eine verborgene Ordnung waltet, die sich freilich im Wesentlichen erst herstellen muss, bis dass sie am Ende der Tage durch die siegreiche Gnade Gottes aufstrahlt. Dass dies geschieht, darf erhofft werden. Die vielen Stimmen klingen schon. Ihre Träger sind die Menschen, unter ihnen die Christen. Zu einem Zusammenklingen kommt es nur, wenn alle aufeinander achten. Das verweist auf die Aufmerksamkeit im Gespräch miteinander. Einigen sind besonders wichtige Stimmen anvertraut. Aus ihnen ist das Woher und Wohin des Stückes besonders deutlich vernehmbar. Dies alles ist ein Bild für das Gespräch, in dem die Partner einander mitteilen. Von Balthasar hat sich immer als ein Partner im großen Weltgespräch verstanden. Er achtete auf die Stimmen, die größere oder kleinere Fragmendte der Wahrheit über den Glauben und die Hoffnung zu Gehör zu bringen berufen waren. Auf sehr viele Stimmen hat er gelauscht: die Stimmen der Heiligen, die Stimmen der Dichter und Maler und Musiker, die Stimmen der Philosophen, die Stimmen der Theologen. Im Gespräch übernahm er Einsichten anderer, im Gespräch übte er aber auch das Unterscheiden der Geister. Maßstab war dabei die Wahrheit, letztlich die Wahrheit, wie sie sich im Worte Gottes offenbart und ihm gezeigt hat.

Ständig im Gespräch

Der Kreis der Gesprächspartner von Balthasars war groß. Man fragt sich, wie es überhaupt möglich war, dass ein Mensch mit so vielen anderen das Gespräch suchen und aufnehmen konnte – in der Literatur: Homer, Aischulos, Sophokles, Euripides, Vergil, später Cervantes, Dante, Goethe, Claudel, Brecht und viele andere; in der Malerei: Dürer, Rouault, Hegenbarth, Fronius und andere; in der Musik: vor allem J.S. Bach, Mozart; in der Philosophie: Platon, Plotin, Hegel, Blondel, Nietzsche, Heidegger und sehr viele andere; in der Theologie: Irenäus, Origenes, Augustinus, Gregor von Nyssa, Maximus, Thomas von Aquin, Bonaventura, de Lubac, Karl Barth und viele, viele andere; aus der Welt der Heiligen: Ignatius von Loyola, Therese von Lisieux, um nur die wichtigsten zu nennen. Zwischen ihnen allen stellt sich ein Zusammenhang ein. Stets soll dabei der Splitter des Denkens von Balthasars erkennbar werden, der sich mit den anderen auf eine Mitte hin ordnen lässt: den Grund der Hoffnung in Gottes Liebe.

Sprechen wir noch?

Man fragt sich heute: Mit wem spricht die Theologie? Eine oft wiederholte Meinung besagt: Die Theologen beantworten Fragen, die niemand stellt. Das mag natürlich sein. Daran merken wir, wie heute in der Theologie gesprochen wird: Aneinander aber nicht zueinander. Wir fliehen in die Gewohnheit der pauschalen Fragen, beschäftigen uns mit dem Zeitgeist oder suchen Dialog mit irgendjemand, der uns zustimmt. Balthasar suchte eine Symphonie mit der einen Mitte des Kreuzes. Was suchen wir? Haben wir noch den Mut, in die Tiefe zu gehen, zu reflektieren, wieder symphonisch zu denken? Der Geist Gottes ist kreativ und kommunikativ. Vielleicht ist die vorweihnachtliche Besinnung eine gute Gelegenheit, wieder in Dialog zu treten um die Schönheit des Geheimnisses der Menschwerdung wieder heller aufkommen zu lassen.

Theologie und Heiligkeit

von Prof. Dr. Anton Štrukelj Theologie und Heiligkeit sind zwei Schwestern. Sie gehören untrennbar zusammen. Sie sind „Schwestern im Geist“. Die Theologen haben es lange Zeit gewusst: Die Urkirche kennt das Phänomen, dass die großen Theologen auch große Heiligen waren: Denken wir nun an die Kirchenväter und die großen Theologen des Mittelalters.  Was haben wir verloren und ob wir es wiedergewinnen sollen? Den beiden Fragen gehen wir jetzt nach. 
Es war ein großes Anliegen des Schweizer Theologen, die beiden Schwestern in ihrer ursprünglichen Einheit zu bewahren. Das gesamte Opus von ihm beweist diese seine Grundintention.

Philosophische Scheidung

Die großen Theologen waren in der Mehrheit auch große Dogmatiker (Irenäus, Gregor von Nazianz, Augustinus… um nur einige zu nennen). Sie waren berufene Träger der kirchlichen Lebendigkeit gerade dadurch, dass sie in ihrem Leben die Fülle der kirchlichen Lehre und in ihrer Lehre die Fülle des kirchlichen Lebens darstellten. Als heilige Theologen waren sie „Säulen der Kirche“. Diese Einheit von Einsicht und Leben war im beginnenden westlichen Mittelalter noch eine selbstverständliche Regel. Die Scheidung kam mit der Scholastik und mehr noch durch die Rezeption des hereinbrechenden Aristotelismus. Gewiss gewann man damals an Klarheit, Sichtung, Beherrschung des gesamten Wissensmaterials, aber man war wie betrunken von den unverhofft großen Beutschätzen des Aristotelismus. Die Beute war zunächst eine philosophische und nur indirekt eine theologische. Dann nistete sich die Spaltung zwischen den beiden Bereichen immer tiefer ein. Nach Thomas erfolgt der Abfall in den Nominalismus. Mit einer Akzentverlegung gerät Dogmatik in den Hintergrund. So sind allmählich beide Bereiche disparat geworden. Die gegenseitige Entfremdung beider kirchlicher Welten führte zu einer katastrophalen Verarmung, die besonders in der Verkündigung spürbar ist.

Christus nicht verlassen

Diese verheerende Situation kann nur durch eine ernste Neubesinnung auf das Wesen der Theologie überwunden werden. Mit der Theologie ist hier die zentrale Wissenschaft der Dogmatik gemeint – sie hat ihr Zentrum genau dort, wo die Offenbarung selbst das ihrige hat. Die Heiligen verlassen niemals das Zentrum in Christus. Sie „bleiben“ in Christus, auch wenn sie ihren Auftrag in der Welt erfüllen. „Die wahre Theologie, die Theologie der Heiligen, fragt im Glaubensgehorsam, in der Ehrfurcht der Liebe, und immer das Zentrum der Offenbarung visierend, welche Denkweise dazu angetan ist, den Sinn der Offenbarung selbst zu erhellen“ (Verbum Caro, S. 212). Deswegen heißt beten frei sein und still sein zu Gott – die Erkenntnis Gottes wird durch die totale persönliche Hingabe ermöglicht und auch gesteigert. Theologische Vernunft beginnt und endet im Gebet. Die Heiligen „wollen stets empfangen, das heißt Betende sein. Ihre Theologie ist wesentlich ein Akt der Anbetung und des Gebetes“ (Verbum Caro, S. 220). Das gilt ausnahmslos für das christliche Denken. Die Erkenntnis darf sich nie von der Gebetshaltung entfernen. Es gibt in der Theologie keine Untersuchung, die nicht notwendig den Atem dieses betenden Suchens ausströmen müsste. In der Theologie ist nichts denkenswert, was nicht Gegenstand eines Gebetes werden kann.

Kniende Theologie

Von der Zusammengehörigkeit der beiden „Schwestern“ ganz und gar überzeugt, prägt Balthasar jenes berühmte Wort von der „knienden“ und „sitzenden“ Theologie: „Die Theologie war, solange sie eine Theologie der Heiligen war, eine betende, eine kniende Theologie. Darum ist ihr Gebetsertrag, ihre Fruchtbarkeit für das Gebet, ihre gebetszeugende Macht so unsagbar gewesen. Irgendwann geschah die Wendung von der knienden zur sitzenden Theologie“ (Verbum Caro, 224). Den Ausweg aus dieser Sackgasse der sieht Balthasar im Besinnen auf das Wesen der Theologie. Jesus Christus in seiner Auslegung des Vaters (exegesis, vgl. Joh 1,18) ist die ursprüngliche Rede von Gott (theo-logia). Nur von diesem Ur-Fundamentum her kann es eine christliche Theologie geben. Der echte Fortschritt kann nur aus den tiefen Quellen hervorsprudeln; nicht nur aus den immerjungen Quellen der Heiligen Schrift, sondern auch aus dem Jungbrunnen der patristischen Theologie. Welchen Reichtum enthält doch Thomas, verglichen mit dem Gerippe eines heutigen Lehrbuchs! Das grundlegende Gesetz für alle kirchliche Reform heißt: „Reform aus dem Ursprung“ – und eben damit Reform aus der Einsamkeit und aus der Heiligkeit. Dieses Grundgesetz weist wieder auf das Programm hin: Zurück zu den Quellen! In der neuen Zeit haben sich Theologie und Heiligkeit, zum großen Schaden beider, auseinanderentwickelt. Due heutige Zeit braucht eindeutig Heilige, jene Gestalten, an denen man sich wie an Leuchttürmen orientieren kann. Wenn die Spiritualität das Ferment der Theologie ist, so sind die Heiligen die gelebte Theologie schlechthin – kirchliche Theologie kann nichts anderes sein, als klärende Meditation über das Bekenntnis vor der Welt, um es verstehen und anderen verständlich zu machen. Darum muss die Theologie nur im Heiligen Geist gründen und sich sachgemäß entfalten.

Wahrheit des Evangeliums

Nur die Existenz der Heiligen, die beten und die vom Heiligen Geist Christi ergriffen sind, kann die Welt von der Wahrheit des Evangeliums überzeugen. Das Hauptmerkmal des Heiligen, des Betenden, ist der Gehorsam dem Ruf Gottes gegenüber, der für gewöhnlich Nachfolge des leidenden Christus ist in seine Gottverlassenheit und seinen Abstieg in die Finsternis hinein. Gehorsam gegenüber der Amtskirche, auch wenn diese von unwürdigen Dienern vertreten ist. Der Heilige ist berufen, das Amt zu stärken und zu beleben. Die wahren Heiligen waren alle Gehorsame. Sie suchten nur den Willen Gottes, nicht die Verwirklichung eigener Pläne und Ideen – die Heiligen waren gehorsam, nicht fügsam – denn Gehorsam ist etwas anderes als Fügsamkeit. Das Beispiel unzähliger Heiligen zeigt überdeutlich, dass nur „Theologie“ als Einheit von heiligkeit und Zeugnis im Leben der Kirche diesen Namen verdient. Die Theologie muss in der Nachfolge Christi bereit sein, mit ungeteilter Hingabe für die Wahrheit Gottes einzutreten. Henri de Lubac sagt über Hans Urs von Balthasar: Er selbst gehört zu den Menschen, von denen er gesagt hat, dass sie ihr Leben für die Herrlichkeit eingesetzt haben – für die Theologie, dieses verzehrende Feuer zwischen zwei Nächten, zwei Abgründen: der Anbetung und dem Gehorsam“. Balthasars ganze Theologie ist eine trinitarisch verwurzelte Theologie; sie ist eine kniende Theologie, die aus der Urquelle schöpft und in die glühende Mitte des Mysteriums einführt. Die Theologie ist eine Zeugnisablegung: Er will nur Theologe sein, weil er Apostel sein will. Der Text in der vollen Länge befindet sich im Buch: Štrukelj Anton; Kniende Theologie, EOS-Verlag, St. Ottilien 2004, S. 11-23.

Der Text in der vollen Länge befindet sich im Buch: Štrukelj Anton; Kniende Theologie.

Prof. Dr. Anton Štrukelj, geb. 1952  in Slovenien, Diözesanpriester der Erzdiözese Ljubjana, seit 1980 Professor für Dogmatik an der Universität Ljubjana, Gastprofessor in Friboweg, Lugano und St. Petersburg, Sekretär der Slovenischen Bischofskonferenz, Mitglied der Internationalen Theologischen Kommission.