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Theologie? Wer spricht da?

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Die Geschichte der Theologie ist eine Geschichte der Diskussion. Jedes Dogma, jede Äußerung des Amtes in der Kirche ist eine Frucht langer Diskussion, manchmal heftiger Auseinandersetzung. Balthasar hat diese Kultur des Gesprächs gelebt. Sein Werk ist ein Gespräch.

von Pater Werner Löser SJ und Sr. M.Gabriela Wozniak SAS

Symphonie heißt Zusammenklang. Es klingt. Verschiedenes kling. Das Verschiedene klingt ineinander. (Hans Urs von Balthasar)

Orchester meint Menschen

Das Bild der Orchester meint die Menschengemeinschaft in ihrer unübersehbaren Vielfalt, in der aber doch auch eine verborgene Ordnung waltet, die sich freilich im Wesentlichen erst herstellen muss, bis dass sie am Ende der Tage durch die siegreiche Gnade Gottes aufstrahlt. Dass dies geschieht, darf erhofft werden. Die vielen Stimmen klingen schon. Ihre Träger sind die Menschen, unter ihnen die Christen. Zu einem Zusammenklingen kommt es nur, wenn alle aufeinander achten. Das verweist auf die Aufmerksamkeit im Gespräch miteinander. Einigen sind besonders wichtige Stimmen anvertraut. Aus ihnen ist das Woher und Wohin des Stückes besonders deutlich vernehmbar. Dies alles ist ein Bild für das Gespräch, in dem die Partner einander mitteilen. Von Balthasar hat sich immer als ein Partner im großen Weltgespräch verstanden. Er achtete auf die Stimmen, die größere oder kleinere Fragmendte der Wahrheit über den Glauben und die Hoffnung zu Gehör zu bringen berufen waren. Auf sehr viele Stimmen hat er gelauscht: die Stimmen der Heiligen, die Stimmen der Dichter und Maler und Musiker, die Stimmen der Philosophen, die Stimmen der Theologen. Im Gespräch übernahm er Einsichten anderer, im Gespräch übte er aber auch das Unterscheiden der Geister. Maßstab war dabei die Wahrheit, letztlich die Wahrheit, wie sie sich im Worte Gottes offenbart und ihm gezeigt hat.

Ständig im Gespräch

Der Kreis der Gesprächspartner von Balthasars war groß. Man fragt sich, wie es überhaupt möglich war, dass ein Mensch mit so vielen anderen das Gespräch suchen und aufnehmen konnte – in der Literatur: Homer, Aischulos, Sophokles, Euripides, Vergil, später Cervantes, Dante, Goethe, Claudel, Brecht und viele andere; in der Malerei: Dürer, Rouault, Hegenbarth, Fronius und andere; in der Musik: vor allem J.S. Bach, Mozart; in der Philosophie: Platon, Plotin, Hegel, Blondel, Nietzsche, Heidegger und sehr viele andere; in der Theologie: Irenäus, Origenes, Augustinus, Gregor von Nyssa, Maximus, Thomas von Aquin, Bonaventura, de Lubac, Karl Barth und viele, viele andere; aus der Welt der Heiligen: Ignatius von Loyola, Therese von Lisieux, um nur die wichtigsten zu nennen. Zwischen ihnen allen stellt sich ein Zusammenhang ein. Stets soll dabei der Splitter des Denkens von Balthasars erkennbar werden, der sich mit den anderen auf eine Mitte hin ordnen lässt: den Grund der Hoffnung in Gottes Liebe.

Sprechen wir noch?

Man fragt sich heute: Mit wem spricht die Theologie? Eine oft wiederholte Meinung besagt: Die Theologen beantworten Fragen, die niemand stellt. Das mag natürlich sein. Daran merken wir, wie heute in der Theologie gesprochen wird: Aneinander aber nicht zueinander. Wir fliehen in die Gewohnheit der pauschalen Fragen, beschäftigen uns mit dem Zeitgeist oder suchen Dialog mit irgendjemand, der uns zustimmt. Balthasar suchte eine Symphonie mit der einen Mitte des Kreuzes. Was suchen wir? Haben wir noch den Mut, in die Tiefe zu gehen, zu reflektieren, wieder symphonisch zu denken? Der Geist Gottes ist kreativ und kommunikativ. Vielleicht ist die vorweihnachtliche Besinnung eine gute Gelegenheit, wieder in Dialog zu treten um die Schönheit des Geheimnisses der Menschwerdung wieder heller aufkommen zu lassen.

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