Wo beginnen?

Ein Gasteintrag von Dr. Todd Walatka

Das Werk Balthasars bereitet die methodische Schwierigkeit, dass es kaum überblickbar ist. Alles hängt miteinander zusammen, jeder Aspekt ist mit dem anderen verknüpft… Wie behält man hier den Überblick, wo soll man beginnen um nicht zu verzagen?

Gleich das Große anpacken?

Einen ersten Anfang oder Einstieg im umfangreichen Lebenswerk Balthasars zu finden, ist nicht einfach. Das Zentrum bildet die Trilogie: „Herrlichkeit“ – „Theodramatik“ – „Theologik“. Offensichtlich sind gerade diese drei Werke wesentlich für das Verständnis seines differenzierten Denkens. Zwar ist der erste Band der „Herrlichkeit“ der bekannteste und vielleicht auch das wichtigste Buch seines Lebens, die meisten Leute aber, die ich kenne und die damit angefangen haben, schafften es einfach nicht.

Persönliche Interesse finden!

Vielleicht hängt der Ausgangspunkt von Ihren persönlichen Interessen ab?

  • Philosophie? Dann werfen Sie einen Blick auf Herrlichkeit III/1,2 und Theologik I.
  • Christliche Geschichte? Dann wären vielleicht die frühen Werke Balthasars zu Maximus Confessor und einige Essays in Herrlichkeit II/1 interessant.
  • Biblische Theologie? Herrlichkeit III/2,1 und III/2,2 sollte etwas für Sie sein.
  • Ökumene? Studieren Sie seine Betrachtungen zu Karl Barth (übrigens bietet das Buch auch eine hervorragende Lektüre zu Natur-/Gnadenstreitigkeiten, falls Sie sich dafür interessieren…).
  • Literatur? Lesen Sie die Apokalypse der deutschen Seele oder die Bücher über Bernanos und Scheider.

Wie Sie sehen, gibt es im Werk Balthasars eine Reihe von besonderen Schwerpunkten, an denen Sie sich orientieren können, je nach persönlicher Interessenlage.

Klein aber fein

Für eine einfachere Einführung kann ich folgende Kleinbücher empfehlen:

  •   Theologie und Heiligkeit“, in: „Schriften zur Theologie I“ (1960, 29 Seiten): Dieser frühe Aufsatz ist einer der berühmtesten und meist zitierten Texte Balthasars. Er beklagt darin die Trennung von Spiritualität und Theologie und argumentiert, warum eine solche Isolierung beide verarmen lässt. Er entfaltet dort auch den Begriff der „knienden Theologie“. Das Konzept sucht Spiritualität und Theologie zu vereinen, in dem Balthasar auf das Selbstverständnis beider eingeht.  
  •  Schleifung der Bastionen“ (1952, 103 Seiten): Die „Bastionen“ meinen hier die Mauern, die die Christen gebaut haben, um die Kirche von der Welt getrennt zu halten. Balthasar kritisiert die neuscholastische Theologie (in der er selbst ausgebildet wurde) und fordert eine gründliche Auseinandersetzung mit den Themen der Welt.
  •  Glaubhaft ist nur Liebe“ (1963, 153 Seiten): Dieser Text ist das optimistische Gegenstück zu „Schleifung der Bastionen“. Er bietet eine durchaus positive Vision: Balthasar stellt seine Sicht der theologischen Ästhetik dar und sieht die Liebe als den einzig richtigen Weg, auf dem die Theologie vorwärts gehen kann. Das Buch ist eine kleine, aber gute Einführung in die Gedankenwelt Balthasars und enthält einige Kernideen, die dann ihre Entfaltung im ersten Teil der Trilogie („Herrlichkeit“, Bd.1) finden.
  • In Gottes Einsatz leben“ (1971, 114 Seiten): Dieses Büchlein bietet einen Einblick in viele Themen aus der „Theodramatik“ (= dem zweiten Teil der Trilogie). Der Fokus liegt hier auf der christlichen Jüngerschaft im Licht der Hingabe Gottes an die Welt.
  •   Epilog“ (1987, 123 Seiten): Das Wort „Epilog“ bezieht sich auf die Trilogie. Balthasar schrieb diesen Text ein Jahr vor seinem Tod. Er ist technischer, als die anderen genannten Bücher, bietet aber eine ausgezeichnete Darstellung der Vision Balthasars für die katholische Theologie und eignet sich auch als erster Schritt zum methodischen Einstudieren, da er dort viele zentrale Ideen der Trilogie anspricht

Oder sich erstmals kennen lernen?

Sie könnten auch mit dem beginnen, was Balthasar selber als Einstieg empfiehlt: „Das Gebet“. Bezüglich der Sekundärliteratur gibt es eine unglaublich umfassende Liste. Darunter sind auch viele Werke, denen man besonderes Augenmerk schenken sollte. Diese Aufmerksamkeit verdient das englische fünfbändige Werk „Einleitung zu Balthasar“ von Aidan Nichols, das eine reine Exposition bietet und deshalb ein wenig langweilig wirken kann – für jemand aber, der einen informativen Spaziergang durch das Werk Balthasars unternehmen möchte, ist es perfekt. Auf Deutsch empfehlenswert ist die „Monografie“ von Elio Guerriero, sowie die „Kleine Einführung zu Hans Urs von Balthasar“ von unserem Bloggautor, Pater Prof. Werner Löser.

Dr. Todd Walatka ist stellvertretender Vorsitzender für Masterstudiengang und wissenschaftlicher Assistent am Lehrstuhl für Systematische Theologie an University of Notre Dame (U.S.A.). In seiner Forschung widmet er sich vor allem Hans Urs von Balthasar und der lateinamerikanischen Form der Theologie der Befreiung. 

"Alles ist euer, ihr aber seid Christi", dies Wort hätte ich gern als Motto über mein Schaffen gesetzt.

Hans Urs von Balthasar

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